Antisemitismus. Die Pandemie wirkt wie ein Brandbeschleuniger. Die Zahl der antisemitisch registrierten Straftaten war noch nick so hoch. Es muss gelandet werden.

Seit 1954 versammeln sich Vertreter der hessischen Landeshauptstadt, der Jüdische Gemeinde Wiesbaden, der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Wiesbaden und Bürger der Stadt am 9. November auf dem Michelsberg, um an dem Standort der 1938 zerstörten Synagoge an die Reichspogromnacht zu erinnern. Aufzustehen, sich dem aufkommenden Antisemitismus entgegen zu stellen. So auch in diesem Jahr. Nachdem zuletzt Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende  sein Grußwort unter Pandemie-Bedingungen an die Anwesenden richtete, war es in diesem Jahr bei der Veranstaltung, die frei von sämtlichen Auflagen stattgefunden hatte, Wiesbadens erster Bürger, Stadtverordnetenvorsteher Dr. Gerhard Obermayr.

Rede im Wortlaut

Sehr geehrter Herr Dr. Gutmark,
verehrter Herr Oberbürgermeister,
liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger!

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde die Synagoge, die einst hier stand, in Brand gesetzt. Es war ein prachtvolles Gotteshaus, das die nationalsozialistischen Brandstifter schändeten und zerstörten. Und nicht nur hier in Wiesbaden, sondern im ganzen Land wurden Synagogen niedergebrannt, Geschäfte und Wohnungen von Juden wurden angegriffen und zerstört. Häufig kam es auch zu körperlicher Gewalt bis hin zum Mord. Die Novemberpogrome waren ein erster Höhepunkt des Terrors, der im Mord an über 6 Millionen Juden gipfelte.

In jedem Jahr finden wir uns hier am Michelsberg zusammen, um der jüdischen Opfer des NS-Regimes zu gedenken. Wir erinnern heute an das beschämendste Ereignis der Wiesbadener Stadtgeschichte. Zwei Personen, die heute gekommen sind, bin ich mitbesonderem Dank verbunden: Es sind die Enkelin und die Urenkelin von Rabbiner Dr. Paul Lazarus. Orit Yafeh und Ayellet Nir-Paz. Beide sind für den heutigen Abend aus Israel angereist.

Dear Ms Yafeh, dear Ms Nir-Paz – every year we commemorate the burning of the synagogue that stood here. Today you will be reading for us an excerpt from your grandfather’s and your great-grandfather’s last sermon. It is very moving to hear you speaking the words of Dr Lazarus today. By doing so, you are greatly enriching our memorial ceremony. Thank you very much for doing so.

Frau Yafeh und Frau Nir-Paz werden heute einen Auszug aus der letzten Predigt, die Paul Lazarus hier am 17. Oktober 1938 hielt, vortragen. Sie werden dies auf Englisch tun, im Programm finden Sie bei Bedarf die deutsche Übersetzung.

Zeitzeugen verblassen

Erinnerung und Gedenken sind für uns Deutsche ein untrennbarer Teil unserer Verantwortung vor der Geschichte. Wir wissen um die Gefahr, dass das Vergangene irgendwann verblasst. Denn naturgemäß werden Zeitzeugen, welche die Barbarei Nazi-Deutschlands noch selbst erlitten haben, immer weniger. Das ist der Gang der Zeit.
Im Februar dieses Jahres verstarb Anita Lippert. Sie war eine der aktivsten Zeitzeuginnen unserer Stadt. Unermüdlich berichtete sie jungen Menschen von ihrer Kindheit in Nordenstadt und schilderte die Ausgrenzungen und Anfeindungen, denen sie als jüdisches Mädchen ausgesetzt war. Sie sah es als ihre Pflicht an, an die nächsten Generationen weiterzugeben, was damals passiert ist. Das werden wir ihr nie vergessen.

Die letzten Zeitzeugen versterben. Umso dankbarer sind wir, dass Frau Yafeh und Frau Nir-Paz die lange Reise auf sich genommen haben, um heute bei uns zu sein. Denn es ist gut und hilfreich, wenn Erinnerung nicht abstrakt bleibt, sondern mit persönlichen Begegnungen verbunden werden kann.

Gedenken wach halten

Das Gedenken ist wachzuhalten. Erledigt ist es nie. Denn wir wissen: Angriffe gegen Juden sind aktuelle Realität. Die Zahl der polizeilich registrierten antisemitisch motivierten Straftaten war im letzten Jahr so hoch wie nie seit Beginn der Erfassungen im Jahre 2001. Deutlich erkennbar ist eine Zunahme antisemitischer Vorfälle bei Versammlungen und in den sozialen Netzwerken. Die Anzahl von Straftaten gegen Synagogen hat sich verdoppelt. Die weitaus meisten Vorfälle haben einen rechtsextremen Hintergrund.

Selbstverständlich sind Sicherheitskräfte, Polizei und Justiz verpflichtet, sich diesen Taten mit allen rechtsstaatlichen Mitteln entgegenzustellen. Jeder Täter muss seiner Strafe zugeführt werden. Aber darüber darf man nicht vergessen, dass solche Taten in den Köpfen beginnen. Ihre Wurzeln liegen in den Einstellungen, Haltungen und Werten eines jeden Einzelnen – hier muss man ansetzen. Die empirischen Befunde sind ernüchternd. So hat eine aktuelle Umfrage des Jüdischen Weltkongresses ergeben, dass jeder fünfte aller erwachsenen Deutschen antisemitisch denkt. In der Altersgruppe der 18- bis 29-jährigen ist es sogar fast jeder Dritte.

Entgegen treten

Insbesondere die Corona-Pandemie wirkt wie ein Brandbeschleuniger. Man konnte beobachten, wie die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie zu einer Renaissance klassischer antijüdischer Wahnvorstellungen führten und dass abstruse Vergleiche zwischen staatlichen Schutzmaßnahmen und der Verfolgung der Juden im Nationalsozialismus gezogen wurden. Rechtsextreme Gruppen nutzten die Unsicherheit und Skepsis so mancher Bürger aus, um ihr Weltbild in den Köpfen zu verankern. Da sind eine entschiedene Haltung und deutlicher Widerspruch aller demokratischen Kräfte in der Politik nötig.

Darüber hinaus ist der Kampf gegen Antisemitismuseine Aufgabe, vor der die ganze Zivilgesellschaft steht, jeder Einzelne von uns. Und wenn nach einer Allensbach-Umfrage vom Mai fast ein Fünftel der Befragten der Meinung ist, in Deutschland werde zu viel über Antisemitismus gesprochen, müssen wir dem klar entgegnen: Nein – der Kampf gegen Antisemitismus hört nicht auf, darüber muss gesprochen, und noch wichtiger: es muss gehandelt werden.

Es ist beklemmend zu sehen, wie antisemitisches Gedankengut immer wieder neue Wege findet, um in die Köpfe der Menschen zu gelangen. Waren es in den letzten beiden Jahren die Corona-Impfungen, so führt nun der Angriffs-Krieg Putins gegen die Ukraine zu einer Zunahme antisemitischer Verschwörungsmythen. Und die Folgen dieses Krieges sind nun auch bei uns spürbar: Energiekrise und Inflation erzeugen akute Sorgen bei vielen Menschen. Es ist eine politische und gesamtgesellschaftliche Notwendigkeit, zu verhindern, dass die rechtsextreme Szene auch diese aktuellen Unsicherheiten wieder für ihre Zwecke instrumentalisiert.

Bildsprache

Auch in der Mitte der deutschen Gesellschaft sind antisemitische Denkmuster anzutreffen. Aktuell zeigte sich das im Zusammenhang mit den Antisemitismus-Vorwürfen gegen die diesjährige documenta fifteen. So berichteten Vertreter der Bildungsstätte Anne Frank, dass sich bei ihren Begegnungen mit dem Kasseler Publikum, das wohl kaum bildungsfernen Schichten entstammen dürfte, eine große Unkenntnis zeigte, woran man eine antisemitische Bildsprache erkennt. Einige Besucher äußerten, die ganze documenta sei von ein paar wenigen antisemitischen Motiven in den Schmutz gezogen worden. Von manchen wurden gar Parallelen zum Vorgehen der Nazis gegen unerwünschte Kunst gezogen.

Offenbar sind auch im Bildungsbürgertum, also in Kreisen, die sich selbst für aufgeklärt halten, krude, antisemitische Verschwörungsmythen verankertSie machen vor keiner gesellschaftlichen Gruppe, vor keinem Bildungsstand und vor keiner sozialen Schicht Halt. Antisemiten tragen schon lange nicht mehr nur Springerstiefel. Das zeigt, wie groß und umfassend die Aufgabe ist, hier tatkräftig gegenzusteuern. Die Grenzen der Kunstfreiheit auszuloten, ist sicherlich schwierig. Aber genauso wie Antisemitismus keine schützenswerte Meinung ist, genauso darf auch dessen Bildsprache keinen Raum bekommen.

Antisemitismus hat keinen Platz

Die Erinnerungskultur unserer Stadt muss weitergetragen werden. Das ist eine Aufgabe der nachfolgenden Generationen. Richard von Weizsäcker formulierte es einmal so: Die Jungen sind nicht verantwortlich für das, was damals geschah. Aber sie sind verantwortlich für das, was in der Geschichte daraus wird.

Aktuelle Studien haben ergeben, dass junge Leute heute eine konstruktive und zeitgemäße Auseinandersetzung mit der NS-Zeit einfordern, einen offenen Austausch und eine Diskussionskultur ohne moralischen Zwang. Das müssen wir ernst nehmen, sonst könnten vieleJ ugendliche verloren gehen. Aber die Haltung, die Werte und die Überzeugungen müssen klar sein: Antisemitismus hat keinen Platz in unserer Gesellschaft, zu keiner Zeit, in keiner Generation.

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Historische und politische Bildung sowie aktives Erinnern können die Instrumente liefern, die notwendig sind, um Strömungen zu begegnen, die gefestigte rechtsextreme, rassistische oder antisemitische Weltbilder propagieren. Die Schulen spielen hier natürlich eine wichtige Rolle. Die Geschehnisse von damals müssen Gegenstand des Unterrichts bleiben, damit eine reflektierte Aufarbeitung unseres historischen Erbes den jungen Menschen ermöglicht, gerade auch aktuelle Entwicklungen kritisch zu hinterfragen, Zusammenhänge zu erkennen, Warnsignale wahrzunehmen und letztlich unsere freiheitlich-demokratische Gesellschaft zu verteidigen.

Auseinandersetzen, nicht vergessen

Viele Wiesbadener Schulen setzen sich hier vorbildlich ein. So übernehmen Schüler die Patenschaften von Stolpersteinen, und ganze Unterrichtsgruppen beteiligen sich aktiv an deren VerlegungDie Martin-Niemöller-Schule hat in diesem Jahr für das Projekt Spuren der Erinnerung den Leonardo-Award erhalten. Ein Kurs entwickelte eine multimediale Wanderausstellung, die die tiefgründige, aktive Auseinandersetzung mit der Ausgrenzung der Juden in der NS-Zeit fördern soll. Die Ausstellung ist für den Einsatz in den Schulen konzipiert. Ich hoffe sehr, dass sie dort häufig zum Einsatz kommt und die Köpfe und Herzen erreicht.
Heute sind Schüler der Carl-von-Ossietzky-Schule hier, um unser Gedenken aktiv mitzugestalten. Auch dafür gilt allen jungen Leuten, die daran mitwirken, unser großer Dank.

Juden sind Bei unserer Gesellschaft

Ein weiterer wichtiger Baustein im Kampf gegen antisemitisches Gedankengut ist es, die Geschichte von Juden in Deutschland nicht auf die Jahre der NS-Zeit zu reduzieren, sondern sie in ihrer ganzen Vielfaltdarzustellen. Ich halte es für unerlässlich, das moderne jüdische Leben in Deutschland mit seiner reichen Tradition und Kultur als einen selbstverständlichen Teil der Gesellschaft darzustellen, ohne die Schattenseiten der Geschichte auszublendenDie Kenntnis des jüdischen Lebens und die Vermittlung eines positiven Bildes können entscheidend dazu beitragen, antisemitische Weltbilder zu erschüttern oder gar nicht erst entstehen zu lassen.

Alle Juden, die heute mit uns in Wiesbaden leben, sind ein sichtbarer VertrauensbeweisSie bereichern das gesellschaftliche und religiöse Leben außerordentlich. Ich nenne hier nur die jährliche Veranstaltungsreihe Tarbut – Zeit für jüdische Kultur, die wir im September eröffneten. Hier treten Juden und Nichtjuden in den Dialog, sie lernen voneinander und bereichern sich gegenseitig. So wächst man zusammen, es entsteht soziale Stabilität und zeitliche Kontinuität – und das ist für eine guteZukunft jüdischen Lebens in unserer Stadt notwendig.

Verantwortung tragen

Es war ja keineswegs selbstverständlich, dass sich nach der Shoah hier in Wiesbaden wieder eine jüdische Gemeinde gründet. Sicherlich gab es Vorbehalte, Misstrauen und wohl auch Angst. Aber die Nachbarschaft wuchs, wurde immer enger und immervertrauensvoller. Oft ist daraus auch persönliche Freundschaft gewachsen. Dieses Miteinander wollen wir dauerhaft pflegen. Und das lassen wir uns nicht von Antisemiten zerstören. Und die Stadt Wiesbaden ist und bleibt in der Verantwortung, der Jüdischen Gemeinde und ihren Mitgliedern eine dauerhafte, sichere und lebenswerte Heimat zu bieten.

Wachsam zu bleiben und aufzustehen

Der 9. November verlangt von allen, wachsam zu bleiben und aufzustehen gegen Hass und Hetze, gegen Rassismus und Antisemitismus – immer und überall. Da gibt es nichts zu relativieren oder zu beschönigen. Einen Schluss-Strich unter die Geschichte werden wir niemals ziehen, im Gegenteil: Immer werden wir uns mit ihr auseinandersetzen. Und wir müssen alles dafür tun, dass Antisemitismus in unserer Stadtgesellschaft keinen Raum bekommt.

Wir verneigen uns in Demut vor den Opfern, vor denen, die der Shoah entkommen konnten, und vor all ihren Nachkommen.

Shalom.

Foto oben ©2022 Volker Watschounek

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Informationen zur Reichspogromnacht finden Sie auf den Internetseiten der Landeszentrale für politische Bildung unter www.lpb-bw.de.

 

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