Wer macht die Bar, wer verteilt die Plakate, wer sitzt an der Kasse? Jeden Mittwoch waren es die gleichen Fragen. Alles drehte sich um ein Kulturprogramm, das einmalig in Wiesbaden war – die ersten Wiesbadener Filmnächte,  Pantomimen-Workshops und, Maskentheater, um Inszenierungen des Tripol-Theaters und des Sturm Teams Grupo Dilettanti, um die Gruppenausstellung „Wildnisse“, um Musik, Kabarett und darstellende Kunst. Kurz: um Wiesbadener große Kleinkunst.

Kontakt: thalhaus Theater | Nerotal 18 | 65193 Wiesbaden

Alles begann den Achtzigerjahren einem Hinterhof in der Karlstraße 15, in einer Weinhandlung, die einem Kredit bei einer wohlgesonnenen Bank, einem bescheidenen Zuschuss der Stadt Wiesbaden und der Hilfe einiger Unternehmen zu einem 65-Platz-Theater mit angeschlossener Galerie und Werkstatt umgebaut wurde. Im HinterHaus – so der Name – trafen sich jede Woche die Mitglieder der Gruppe Tripol. Ihre Gründungsväter waren der Maler Hans Hollinger, der Objektkünstler Marcus van den Broek und der Fotograf Matthias Schneider. Sie wollten vor 40 Jahren in ihrem ersten Domizil, der Yorckstraße 18, „dem kunstinteressierten Menschen künstlerische Arbeit sichtbar machen und ihn zu eigenen Aktivitäten anregen“. Schon ein Jahr später war aus der Dreiergruppe ein Verein mit 50 Mitgliedern entstanden.

Umzug und Namensfindung thalhaus

1998 zog das HinterHaus vom romantischen Hinterhof ins vornehme Nerotal um, in ein historisches Gebäude des Neobarock, das einst als Kurhotel und später als Klinik diente. Es wurde zum heutigen thalhaus Theater, einer Spielstätte, die einen gewichtigen Teil zum Kulturleben Wiesbadens beiträgt und damit die Tradition der letzten 40 Jahre fortsetzt. Damals wie heute erleben die Besucher eine einzigartige Vielfalt aus Varieté, Theater, Kabarett, Tanznächten und Ausstellungen sowie Konzerten von Klassik und Weltmusik bis zu Chanson und Jazz.

Neben dem umfangreichen Kulturangebot wird das thalhaus Theater mit seinen zwei Bühnen, drei Galerieräumen und einem Café auch für Familienfeiern und Firmenveranstaltungen genutzt. Nicht zuletzt engagiert sich das Haus seit Jahren auch für Menschen mit geistigen und körperlichen Beeinträchtigungen: Zweimal im Jahr wird es vom Evangelischen Verein für Innere Mission (EVIM) und von der Lebenshilfe e.V. mit eigenen Theaterproduktionen belegt.

Kultur für Wiesbaden

In all den Jahren trug das HinterHaus/thalhaus den anspruchsvollen Untertitel Kultur für Wiesbaden. Der Landeshauptstadt blieb das nicht verborgen: Sie verlieh dem HinterHaus im Jahr 1988 den Preis zur Förderung des kulturellen Lebens (den Titel dieses Programmhefts schmückt die Grafik des damaligen Plakats für die Preisverleihung). Heute wird das thalhaus vom Kulturamt der Landeshauptstadt Wiesbaden sowie dem Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst maßgeblich unterstützt.

Vier Namen seien stellvertretend für alle diejenigen genannt, die das thalhaus heute haupt- und ehrenamtlich tragen: Rainer Schulte Strathaus, der schon am Gründungstag dabei war und heute der 1. Vorsitzende des gemeinnützigen Vereins thalhaus e.V. ist. Klaus Siebertz, der 1988 den bis dahin ausschließlich ehrenamtlich Tätigen als hauptamtlicher Geschäftsführer zur Seite gestellt wurde. Marian A. Drabosenik, der seit einem Jahr die Künstlerische Leitung innehat. Und vor allem Holger Hebenstreit, der schon in der Yorck- und Karlstraße mit dabei war und bis vor einem Jahr als Künstlerischer Leiter die Verantwortung für das Programm trug und heute die Galerie kuratiert.

Das „h“ im Namen „thalhaus“

Die Adresse Nerotal 18 hat eine wechselvolle Geschichte. Das erste Haus auf diesem Grundstück wurde 1839 errichtet, in der noch äußerst zaghaften industriellen Gründerzeit der Stadt Wiesbaden. Das größte Unternehmen war damals die Tuchfabrik der Gebrüder Löwenherz im Nerothal mit 16 Webstühlen und 100 Arbeitern (1842). Ebenfalls im Nerothal ansässig war die Lohmühle von Franz Caspar Nathan. Beide Betriebe riefen jedoch wegen der Verunreinigung des Nerobachs den Widerstand der Bevölkerung hervor und mussten die Produktion einstellen; schließlich wurden sie 1851 in Kaltwasserheilanstalten umgewandelt. Den Kurgästen wurden dort unter anderem heilsame Kaltwasserkuren nach Vinzenz Prießnitz verabreicht.

„Das „h“ im Namen thalhaus hat natürlich noch einen zweiten Grund: Es soll an das HinterHaus erinnern, das die erste Hälfte der 40-jährigen thalhaus-Geschichte geprägt hat.“ – Rainer Schulte Strathaus, 1. Vorsitzender des thalhaus e.V.

Im Jahr 1905 wurde die Kaltwasseranstalt abgerissen und stattdessen das prächtige Kurhotel „Bad Nerothal“ errichtet. Nach dem Krieg wurde das Haus zu einer Dependance der Städtischen Kliniken (Schlegel-Klinik), die 1982 als Horst-Schmidt-Kliniken nach Freudenberg umzogen. Es folgten umfangreiche Umbauarbeiten, bis im Jahre 1998 die Kultur ins Erdgeschoss einzog: Das thalhaus hatte eine neue Heimat gefunden. Und weil die Gebrüder Löwenherz am Beginn der Geschichte standen, gibt es unter der Adresse Nerotal 18 nicht nur das thalhaus Theater, sondern auch das Theatercafé mit den Namen „Café Löwenherz“. Und deshalb eben mit „h“: Weil das Nerotal früher Nerothal und das Haus „Kurhotel Bad Nerothal“ hieß (RSS).

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