Der Holocaust war der systematische nationalsozialistische Völkermord an 5,6 bis 6,3 Millionen europäischen Juden zwischen 1941 bis 1945, ab 1942 auch mit industriellen Methoden. Ein erster Höhepunkt war der Pogrom – am 9. November 1938.

Ein paar Tage vor dem 9. November, dem Tag des Mauerfalls oder der Pogromnacht hatte Wiesbadens Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende die Synagoge der jüdischen Gemeinde Wiesbaden besucht. Es war am Sukkoth – dem Laubhüttenfest – und gleichzeitig am Tag der offenen Tür der Jüdischen Gemeinde – eine Woche nach dem nationalsozialistischen Terroranschlag von Halle. Man kann sich ausmalen, in welch innerem Aufruhr nicht nur Vorstand und Geschäftsführer der Gemeinde sich befunden haben müssen: Der Tag der offenen Tür hat dennoch stattgefunden. Wir lassen uns nicht unterkriegen oder auch business as usual lautete das Signal der jüdischen Gemeinde an die Besucher.

„Es war für mich bewegend und erschreckend, was Alltag für die jüdische Gemeinde bedeutet: Eine Sicherheitsschleuse, deren zweite Tür erst öffnet, nachdem die erste wieder geschlossen ist. Gottesdienste unter Polizeischutz, Jugendarbeit hinter verschlossenen Türen.“ – Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende

Wir lassen uns nicht unterkriegen – am Standort der 1938 zerstörten größten Wiesbadener Synagoge, im Mahnmal Namentliches Gedenken, hatten sich am Samstagabend hunderte Wiesbadener versammelt, um an die Zerstörung des Gotteshauses in der Nacht vom 8. auf den 9. November und die Oper des Nationalsozialismus zu erinnern.

„Ich weiß von der großen Sorge der Wiesbadener Juden um ihre Sicherheit, ich kenne die Professionalität und erstaunliche Routine, mit der die Jüdische Gemeinde ihre Mitglieder bisher erfolgreich schützen konnte, mit einem eigenen Sicherheitsteam und in Zusammenarbeit mit Polizei und den Behörden.“ – Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende

Bis heute ist Wiesbaden von größeren Zwischenfällen verschont geblieben. Trotzdem ist festzuhalten: Jüdisches Leben in Deutschland ist heute nicht sicher! Dieser Satz muss jeden Demokraten in Deutschland aufs Tiefste schockieren. Über 80 Jahre nach den Novemberpogromen in Deutschland, die seinerzeit grauenvoller Vorbote des größten Verbrechens der Menschheitsgeschichte waren, das bewusst und systematisch die Vernichtung des jüdischen Volks zum Ziel hatte. Die einen Wendepunkt von der Diskriminierung hin zur Deportation und schließlich zur Vernichtung der Juden darstellten, so hat es einmal der damalige Bundespräsident Roman Herzog formuliert. Über 80 Jahre danach bedeutet das Attentat von Halle erneut einen Wendepunkt in unserer Gesellschaft, so Mende weiter.

„Mit dem versuchten Anschlag auf die Synagoge in Halle hat die Gewaltbereitschaft gegenüber Juden eine ganz neue Dimension erreicht.“ – Gert-Uwe Mende

Auszug aus der Rede des Oberbürgermeisters: Antisemitismus ist in Teilen der Gesellschaft wieder hoffähig in unserem Land, wie zahlreiche Beispiele der jüngeren Vergangenheit belegen. Der Angriff auf kippatragende Männer vor eineinhalb Jahren in Berlin oder auch die verbalen Entgleisungen der Rapper Kollegah und Farid Bang seien hier beispielhaft genannt.

Mit dem versuchten Anschlag auf die Synagoge in Halle hat die Gewaltbereitschaft gegenüber Juden eine ganz neue Dimension erreicht. Es war der Versuch, eine ganze Gemeinde während des höchsten jüdischen Feiertags innerhalb ihrer heiligsten Räume auszulöschen. Kein Angriff auf Juden oder jüdische Einrichtungen in Deutschland hat mich zuvor so schockiert. Es hätte ein Massaker geben können, wäre der Attentäter tatsächlich in die Synagoge gelangt, hätten seine Waffen funktioniert.

„Es gibt keinen Antisemitismus light, den man ertragen oder erdulden könnte. Demokratinnen und Demokraten müssen eine klare Grenze ziehe.“ – Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende

Und dann kommen die üblichen Erklärungen vom Einzeltäter. Das ist ein Wort, das nicht mehr zu ertragen ist, weil es uns zu beschwichtigen versucht, weil es uns als Gesellschaft das gute Gewissen verschafft, nichts damit zu tun zu haben. Denn im Bewusstsein des Täters fühlt er sich ja wahrscheinlich nicht allein, sondern getragen vom Gedanken, stellvertretend für jene zu morden, die seinen Hass, seine Hetze teilen und ihm in seiner Vorstellungswelt applaudieren. Und deswegen wiederhole ich einen Satz aus meiner Rede in der Stadtverordnetenversammlung, es gibt keinen Antisemitismus light, den man ertragen oder erdulden könnte. Demokratinnen und Demokraten müssen eine klare Grenze ziehen.

„Wir Deutschen tragen – mehr noch als alle anderen Nationen – die Verpflichtung in uns, eine Rückkehr von Intoleranz, Hass und Gewalt mit allen Kräften zu verhindern.“ – Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende

Eine aktuelle repräsentative Studie des Jüdischen Weltkongresses kommt zu dem Schluss, dass mehr als ein Viertel aller Deutschen und auch 18 Prozent einer als Elite kategorisierten Bevölkerungsgruppe antisemitische Gedanken hegen. 41 Prozent aller Deutschen sind demnach sogar der Meinung, dass Juden zu viel über den Holocaust reden. Dahinter verbirgt sich der alte antisemitische Vorwurf, Juden seien selbst schuld, wenn sie zu Opfern werden. Das ist schlicht unerträglich.  Wenn sich ein Viertel unserer Gesellschaft mit antisemitischem Gedankengut identifizieren kann, so ist es Zeit für die anderen drei Viertel, aufzustehen und unsere Demokratie und unsere auf Toleranz basierte Wertegesellschaft zu verteidigen.

„Im Blick habe ich bei diesem Thema immer unsere jungen Menschen. Und ich freue mich, dass die Carl von Ossietzky Schule wie seit vielen Jahren einen Beitrag zu dieser Gedenkstunde leistet.“ – Oberbürgermeister Gert-Uwe Mend

Heute, am 9. November, hier am Michelsberg an die Pogrome vor 81 Jahren zu erinnern, der 1507 ermordeten Wiesbadener Juden zu gedenken, gehört zu dem Wenigen, das wir heute noch für die Opfer tun können. Was wir aber – mehr als je zuvor – tun müssen ist, Verantwortung für die Nachfahren der Opfer zu übernehmen! Wir müssen als Gesellschaft, als Wiesbadener Bürger aufstehen, uns öffentlich dagegen stemmen, widersprechen, demonstrieren und Haltung zeigen. Wir dürfen rechten Terror und Gewalt genauso wenig akzeptieren wie verbal vorgetragenen Antisemitismus, egal durch wen.

„Aufklärung und Bildung bleiben die zentralen Aufgaben, um langfristig unsere immer noch offene, demokratische und tolerante Gesellschaft zu schützen und für die Zukunft zu stärken.“ – Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende

Ich möchte ich auch an die frühere Stadtverordnetenvorsteherin Angelika Thiels erinnern. Sie hat viel dazu beigetragen, dass dieses Denkmal „namentliches Gedenken“ hier entstanden ist. Das Denkmal ist Teil der Wiesbadener Erinnerungskultur, die mir ein ganz persönliches Anliegen ist. Es klingt wie eine Binsenweisheit, aber Aufklärung und Bildung bleiben die zentralen Aufgaben, um langfristig unsere immer noch offene, demokratische und tolerante Gesellschaft zu schützen und für die Zukunft zu stärken.

„Jeder Einzelne von uns ist aufgefordert, seinen Teil beizutragen, insbesondere die Älteren unter uns sehe ich in der Pflicht, ihre positiven Erfahrungen aus einem Leben in Demokratie, Freiheit und Selbstbestimmung an die Jugend weiterzugeben.“ – Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende

Meine sehr geehrten Damen und Herren, die Landeshauptstadt Wiesbaden und die Jüdische Gemeinde Wiesbaden pflegen seit vielen Jahren ein äußerst enges, freundschaftliches und vertrauensvolles Verhältnis. Wir arbeiten eng zusammen, natürlich bei der notwendigen Aufklärungs- und Erinnerungsarbeit, aber insbesondere auch im Bereich von Sozial- und Integrationsarbeit. Deshalb möchte ich mich an dieser Stelle ausdrücklich bei der jüdischen Gemeinde Wiesbaden bedanken für ihren immensen Beitrag zum besseren Verständnis zwischen Juden und Nichtjuden in unserer Stadt.

Das ältere Menschen ihre Erfahrungen weiter geben ist vor allem dann immens wichtig, wenn es keine Zeitzeugen mehr gibt, die uns aus eigenen Leben die Schrecken der Naziherrschaft schildern können.“ – Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende

Die Landeshauptstadt Wiesbaden steht im Kampf gegen Antisemitismus und Gewalt an der Seite der Jüdischen Gemeinde – auch gegen den Antisemitismus, der das Existenzrecht Israels gefährdet oder gar leugnet. 81 Jahre nach den Novemberpogromen ist und bleibt die Jüdische Gemeinde ein lebendiger und sehr wichtiger Teil unserer Stadtgesellschaft. Wer ihre Mitglieder ausgrenzt und schmäht, wer Gewalt androht oder ausübt, wer die Erinnerung an die gemeinsame Geschichte in unserer Stadt vergessen machen will, der handelt gegen uns alle, gegen die ganze Stadtgesellschaft!

Dagegen wehren wir uns! Gemeinsam und mit allen demokratischen Mitteln, um uns allen auch weiterhin eine Zukunft in Frieden, Freiheit und Sicherheit zu erhalten.

Shalom

Impressionen in Bildern

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Nach den Worten von Wiesbadens Oberbürgermeister erinnerten Schüler des Leistungskurses Geschichte der Carl-von-Ossietzky-Schule Wiesbaden, sowie Schüler des Oberstufenkurses Jüdische Religion der Diltheyschule Wiesbaden sowie Jugendliche des Jugendzentrums an die Gräueltaten und erinnerten an verschiedene Einzelschicksale wie das von Anne Frank. Im Anschluss an den Psalm 23, des Gebets El Male Rachamim und dem von Gutmark vorgetragenen Kaddisch nutzten viele Teilnehmer die Gelegenheit, ihre Anteilnahme durch das Entzünden von Gedenkkerzen für die Opfer der Shoah zu bekunden.

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Di offizielle Internetseite der jüdischen Gemeinde finden Sie unter www.jg-wi.de.

 

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