„Leiden zu lindern, Wunden zu heilen, aber auch Tote zu ehren, Verlorene zu beklagen, bedeutet Abkehr von Hass, bedeutet Hinkehr zur Liebe, und unsere Welt hat die Liebe not.“ – Paul Löbe 1922 im Berliner Reichstag zum Volkstrauertag.

Wiesbadens Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende, Stadtverordnetenvorsteher Dr. Gerhard Obermayr, Garrison Commander Col. Mario A. Washington, Stabsfeldwebel Peter Domke und Oberstleutnant Joachim Alberti von der Deutschen Bundeswehr, stellvertretende Vorsitzende des VdK Klaus Reifert (Verband der Kriegsbeschädigten, Kriegshinterbliebenen und Sozialrentner Deutschlands) und die Kreisvorsitzende des Volksbund Deutscher Kreigsfürsorge e. V. Rose-Lore Scholz haben bei der zentralen Gedenkveranstaltung zum Volkstrauertag am 14. November, in Wiesbaden auf dem Südfriedhof der Toten durch Krieg und Gewaltherrschaft gedacht. Die Veranstaltung fand wie 2020 ohne Ansprachen und Gäste statt. Auf der Internetseite der Stadt teilt der erste Bürger der Stadt seine Gedanken wie folgt…

Dr. Gerhard Obermayr zum Volkstrauertag

Erinnerung und Gedenken finden an vielen Orten in Deutschland statt, wenn auch mit unterschiedlichem, vor allem zum Teil nachlassendem Interesse. Aber lassen Sie mich hierzu sagen: Der Volkstrauertag ist kein überkommenes Ritual. Dieser Tag manifestiert eine deutliche Abkehr vom „Heldengedenktag“, den die Nazis einst proklamierten, denn er wurzelt in dem Leid, das die beiden Weltkriege des letzten Jahrhunderts über die Völker Europas und der Welt gebracht haben. Wir Deutsche werden dabei mit dem dunkelsten Kapitel unserer Geschichte konfrontiert, indem wir uns besonders an die Millionen Menschen erinnern, die dem nationalsozialistischen Rassenwahn zum Opfer fielen und in Konzentrationslagern ermordet wurden.

Krieg, Gewaltherrschaft und Verfolgung.

Die Opfer von Gewaltherrschaft, die Toten der beiden Weltkriege und die Gräuel auf den Schlachtfeldern Europas mahnen und verpflichten uns dauerhaft, einen Beitrag für den Frieden in der Welt und für ein friedliches Miteinander der Völker und Staaten zu leisten. Und gegenwärtig: Wir leben keineswegs in einer friedlichen Welt. Die Zahl bewaffneter Konflikte ist gestiegen; viel zu viele Menschen leiden unter Krieg, Gewaltherrschaft und Verfolgung.

Neugewonnenen europäischen Identität

Die Welt um uns herum ein Stück weit friedlicher zu machen, gelingt nicht allein, sondern nur als Teil eines einigen Europa. Wir Deutsche dürfen dankbar dafür sein, dass aus den Trümmern des Zweiten Weltkriegs die Idee eines friedlichen Europa entstanden ist, in dem Krieg kein Mittel der Auseinandersetzung mehr ist. In den vergangenen Jahrzehnten wurden Grenzen, Mauern und Zäune abgebaut, um für die Menschen einen Raum der Freiheit zu schaffen. Diese Entwicklung löste weltweit Anerkennung aus, und so wurde die Europäische Union im Jahr 2012 für ihren Einsatz für Frieden, Versöhnung, Demokratie und Menschenrechte in Europa mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Die Kriegstoten des 20. Jahrhunderts und die Opfer von Gewaltherrschaft, derer wir am Volkstrauertag gedenken, bilden einen wesentlichen Teil dieser neugewonnenen europäischen Identität.

Erfolgreiches Friedensprojekt

Ein Europa des Friedens, der Freiheit und der Versöhnung zwischen den Völkern ist ein großer zivilisatorischer Fortschritt. Das müssen wir uns immer wieder bewusst machen, besonders in einer Zeit, in der das Fundament gemeinschaftlich geteilter Werte und Überzeugungen unter den Mitgliedern der Europäischen Union brüchig zu werden scheint. Die EU ist bleibt das erfolgreichste Friedensprojekt der Nachkriegszeit und dabei soll es auch bleiben. Daran muss immer wieder neu gearbeitet werden, und die Verantwortung dafür tragen wir alle. Es steht zu hoffen, dass wir aus den gegenwärtigen politischen Krisen und Konflikten gestärkt und geeint herausfinden.

Für Demokratie

Das Totengedenken am Volkstrauertag umfasst auch die Menschen, die ums Leben kamen, weil sie Widerstand gegen Gewaltherrschaft geleistet haben. In Deutschland erinnern wir in besonderer Weise an den Kreis der Widerstandskämpfer des 20. Juli um Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Auch bei uns in Wiesbaden gab es Frauen und Männer, die sich der Nazi-Diktatur widersetzten – manche offen, andere eher im Verborgenen. Damit sie alle Teil des kollektiven Gedächtnisses unserer Stadt bleiben, erinnert im Rathaus eine Gedenk-Installation, die am 20. Juli dieses Jahres der Öffentlichkeit übergeben wurde. Sie trägt den Namen Für Demokratie und wurde von dem Künstler Vollrad Kutscher entworfen. Ich möchte Sie Ihnen und Ihrer Familie auf das Herzlichste empfehlen. Kommen Sie ins Foyer des Rathauses. Sie werden überrascht sein von der modernen Gestaltung und dem Informationsgehalt dieser Installation.

Respekt vor dem Schicksal der Opfer

Der Friede und unser Recht auf eine verfassungsgemäß gelebte Demokratie müssen immer wieder aufs Neue verteidigt werden. Lassen Sie uns aus der Vergangenheit Lehren für unser Handeln in der Gegenwart ziehen. Lassen Sie uns unsere Möglichkeiten ausschöpfen, wenn es gilt, Menschen vor Krieg und Gewaltherrschaft zu schützen. Das ist ein Gebot der Humanität und des Respekts vor dem Schicksal der Opfer.

Bildergalerie Kranzniederlegung zum Volkstrauertag

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Hintergrund

Der Volkstrauertag ist ein staatlicher Gedenktag. Er wurde vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge angeregt und zum ersten Mal 1922 in Erinnerung an die Opfer des Ersten Weltkriegs begangen. Der zweite Sonntag vor dem ersten Advent dient heute vor allem der Mahnung zum Frieden, zur Versöhnung und zur Verständigung. Der hessische Landesverband des Volksbundes entstand im Jahr 1949.

Foto oben ©2021 Volker Watschounek

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Die Gedenk-Installation Für Demokratie finden Sie unter fuer-demokratie-33-45-wiesbaden.de.

 

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