Wir erinnern am Volkstrauertag an das Schrecken des Krieges, um aus der Geschichte zu lernen. Krieg ist keine Lösung. Es ist unsere Pflicht, sich henen entgegenstellen die das immer noch glauben.

Wiesbadens Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende, Stadtverordnetenvorsteher Dr. Gerhard Obermayr, Vertreter der Bundeswehr, die Kreisvorsitzende des Volksbund Deutscher Kreigsfürsorge e. V. Rose-Lore Scholz, Schüler der Elly-Heuss-Schule und einige Besucher haben am Sonntag, 13. November an der zentralen Gedenkveranstaltung zum Volkstrauertag in Wiesbaden auf dem Südfriedhof teilgenommen. Nach zwei Jahren mit stillem Gedenken und ohne Redebeiträgen war es eine besonderer Tag. Das zeigte sich in dem Wortbeiträgen von Pfarrer Christopher Easthill von der The Church of St Augustine of Cantebury oder dem der  Schüler der Elly-Heuss-Schule deutlich wurde.

Grußwort des Oberbürgermeisters

Nachdem Wiesbadens Oberbürgermeister die rund 50 Anwesenden begrüßt hatte, sprach Pfarrer Easthill, der der Einladung der Stadt gefolgt war, zum Gedenken berührende Worte. Immer wieder ist es ihm gelungen, sich nicht nur auf die Ereignisse von 1918 zu beziehen, sondern persönliches einzuflechten und so den Blick aufs Heute zu lenken. Er betonte, dass es für ihn eine Ehre sei, beim Volkstrauertag sprechen zu dürfen. Er sehe darin ein Zeichen der gelungenen Versöhnung, darin dass alle den Volkstrauertag international mit einem britischen Redner begehen könnten. Dabei ginge es nicht nur um die Erinnerung an die Opfer von Krieg und Gewalt, sondern auch um die Mahnung zur Versöhnung, zur Verständigung und zum Frieden.

Worte zum Gedenken

[…] Mein Großvater kämpfte im ersten Weltkrieg auf den Schlachtfeldern in Nordfrankreich und Belgien und wurde auch bei einem deutschen Gasangriff verletzt. Später machte er gern Urlaub in Deutschland, auch hier am Rhein, ohne Groll und Rachegefühle. Mein Vater war Gott sei Dank noch zu jung, um als Soldat im zweiten Weltkrieg dienen zu müssen. Da aber seine Heimatstadt Darlington häufig Ziel von deutschen Bombenangriffen war, musste er als Schüler im Luftschutz Dienst tun. Später, lange nach dem Krieg, lebte er dann in Deutschland als Offizier der Britischen Armee, eines NATO-Partners. Ich lebe und arbeite seit über 40 Jahren in Deutschland. seit einigen Jahren auch mit deutschem Pass, und seit 2014 in Wiesbaden, damit in einer Stadt, die mehrmals Ziel von alliierten Luftangriffen war.

„Versöhnung ist nicht nur für Staaten und Institutionen eine wichtige Aufgabe, sondern auch für jeden einzelnen Menschen.“ – Pfarrer Christopher Easthill

Am schwersten, wie Sie alle wissen, in der Nacht vom 2. auf den 3. Februar 1945. Damals wurde auch meine Kirche, die Englische Kirche, schwer beschädigt, aber nach dem Krieg wiederaufgebaut – auch mit deutscher Hilfe. Diese persönlichen Beispiele zeigen: Versöhnung und ein friedliches Zusammenleben sind möglich, und auch zwingend notwendig.
Von der Englischen Kirche komme ich auch gerade, und bringe unsere guten Wünsche für diese Gedenkfeier und
unsere Gebete für alle Opfer mit. Wir haben gerade unseren Gedenkgottesdienst zum Remembrance Day (Tag der Erinnerung) gefeiert. Ein Tag, der nie einem Sieg gewidmet war, nie dazu diente etwas zu feiern oder zu bejubeln. Dafür haben alle viel zu viel verloren: zu viele Eltern, zu viele Geschwister, zu viele Eheleute, zu viele Kinder. Schon im 1. Weltkrieg ließ sich der Krieg nicht beschränken, weder räumlich noch in der Auswirkung.

Das Symbol unseres Gedenktages ist die Mohnblume. Sie blühten während und nach dem Stellungskrieg in dem Boden, der durch die Kämpfe und den Beschuss aufgewühlt wurde. Im Gedicht In Flanders Field heißt es dazu:

Auf Flanderns Feldern blüht der Mohn zwischen den Kreuzen,
die Reihe an Reihe unseren Platz markieren;
und am Himmel fliegen die Lerchen, noch tapfer singend, 
kaum zu hören zwischen den Kanonen auf der Erde.

Die Blume erinnert uns daher an die unzähligen Leben, die nicht nur auf Flanderns Feldern verloren wurden. Die
Blume ist aber auch ein Zeichen der Hoffnung. Etwas Schönes und Gutes kann auch aus einem Konflikt wachsen, wenn wir etwas dafür tun, wenn wir für uns für Versöhnung einsetzen, wenn wir uns für Frieden und Gerechtigkeit einsetzen, wenn wir das Menschenmögliche machen, um Kriege zu verhindern. Bei britischen Gedenkfeiern wird häufig das Kohima Epitaph zitiert.

Es sollte auch ein besseres Morgen sein, ein Morgen der Freiheit, ein Morgen ohne Krieg.
Daher enttäuscht der aktuelle Krieg in und gegen die Ukraine so sehr. Wir sind natürlich betroffen von den vielen Opfern, diese Woche wurde von amerikanischer Seite eine Zahl von mindestens jeweils 100000 getöteten und verwundeten Soldaten auf russischer und ukrainischer Seite genannt. Außerdem seien bereits rund 40000 ukrainische Zivilisten ums Leben gekommen.‘ Wir sind erschrocken ob der willkürlichen Zerstörung, bestürzt vom Einsatz terroristischen Mitteln und von gezielten Angriffen auf die Zivilbevölkerung durch die russischen Streitkräfte. Flucht und Hunger werden als Waffen eingesetzt. Ein Angriffskrieg findet fast vor unserer Haustür statt. Nun wurde die Hoffnung, dass es keine Kriege mehr gibt, bisher ohnehin nicht erfüllt. Je nach Definition von Krieg ist es strittig, ob es beispielsweise seit 1945 überhaupt eine Zeit ohne Krieg gegeben hat.

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Mit den Balkankriegen der 1990er Jahre hatten wir auch bereits einen europäischen Konflikt. Damit begannen auch die Auslandseinsätze der Bundeswehr bei denen bisher 116 deutsche Soldaten umgekommen sind.? Von außereuropäischen Konflikten, wie z.B. dem Bürgerkrieg in Syrien – bei dem Russland auch eine treibende und unrühmliche Rolle spielt – sind wir auch indirekt betroffen, weil viele Menschen von dort bei uns Schutz gesucht haben und noch suchen. Dieser gezielte Angriffskrieg mitten in Europa, allein zur Durchsetzung des Machtanspruches eines Menschen und seines Systems ist aber auch ein Verrat an die Hoffnung auf einem neuen, besseren Morgen. Das Völkerrecht und die Regeln der Nachkriegsordnung in Europa wurden gebrochen. Damit werden nicht nur heute neue Opfer, neues Leid, neue Zerstörung verursacht, sondern auch die Opfer der Vergangenheit, all die Menschen, an die wir hier und heute denken und erinnern wollen, werden verraten.

Kohima Epitaph: „When you go home, tell them of us and say, for your tomorrow, we gave our today.“

Sie sollten nicht umsonst gestorben sein. Wir wollten daraus lernen. Wir wollten nicht nur wie heute erinnern und gedenken, sondern gleichzeitig Anlässe, Institutionen, Systeme und Regeln schaffen, die eine Wiederholung verhindern. Sind wir damit gescheitert? Als Pfarrer bin ich sozusagen vom Berufs wegen für die Hoffnung zuständig. Neben Glauben und Liebe gehört laut dem Apostel Paulus im 1. Korintherbrief (13,13) die Hoffnung zu den drei Kerneigenschaften. Im Römerbrief (8,25) stellt Paulus dazu klar, dass Hoffnung viel mit Ausharren und Geduld zu tun hat: Wenn wir aber auf das hoffen, was wir nicht sehen, so warten wir darauf in Geduld.

Kohima Epitaph Übersetzt: „Wenn du nach Hause gehst, erzähle von uns und sage: Für dein Morgen haben wir unser Heute gegeben.“

Das heißt, auch wenn wir das Ziel der Versöhnung und Verständigung und des friedlichen Zusammenlebens gerade nicht sehen, auch wenn sie scheinbar in weite Ferne gerückt sind, müssen wir trotzdem daran festhalten. Der Handlungsauftrag, sich aktiv für einen gerechten und damit dauerhaften Frieden und für die Moglichkeit der Verständigung über Fronten und Grenzen hinweg einzusetzen, bleibt. Der Weg zur Versöhnung muss immer
möglich sein. Der Frieden ist zwingend notwenig damit wir eine lebenswerte Zukunft haben, auch und gerade im Interesse unserer Kinder, die heute durch die Schüler der Elly-Heuss-Schule vertreten werden, und die uns auch gleich ihre eigene Perspektive auf Krieg und Frieden erzählen werden.

Auszug aus den Redebeiträgen der Elly Heuss Schule

Erstmals für meine Generation herrscht Krieg in Europa, etwas was wir nur aus Geschichtsbüchern kannten. Und auch wenn Krieg in Europa genauso schrecklich und grausam ist, wie Krieg überall sonst, so ist er für uns näher und beängstigender. Nachrichten über Tod und Gewalt werden für uns immer mehr Teil des Alltags, und deshalb ist der Volkstrauertag besonders dieses Jahr so wichtig.

Wir müssen wieder daran erinnert werden wie schrecklich und abscheulich die Gewalt ist, welche für uns leider immer normaler wird. Denn Krieg und Gewalt sollten nicht normal sein, denn wenn sie es sind, dann gewöhnen wir uns an diese und nehmen immer mehr von diesen hin und damit auch da. Leid welches damit einhergeht. Frieden ist nicht selbstverständlich. Viele aus meiner Generation, und auch ich selbst, dachten das, aber die Geschehnisse in der Ukraine zeigen, er ist es nicht. Frieden ist nicht selbstverständlich, weil für manche Gewalt noch immer eine Lösung ist, es ist ihnen egal wie viele Unschuldige darunter leiden, solange die eigenen Interessen gewahrt werden. Die Geschichte zeigt uns oft wie zerstörerisch ein solches Weltbild ist und dennoch scheinen wir als Menschheit noch immer nicht aus ihr gelernt zu haben. Deshalb, müssen wir heute am Volkstrauertag an das Schrecken des Krieges erinnern, um aus der Geschichte zu lernen, damit wir nie wieder den schrecklichen Fehler machen, Krieg als Lösung anzusehen und uns in der Zukunft jenen entgegenstellen die es tun.

Foto oben ©2021 Volker Watschounek

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Die offizielle Internetseite zum Südfriedhof finden Sie unter www.friedhoefe-wiesbaden.de.

 

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