Über die Öffnung der Kitas selbst entscheiden zu können, sei eine Chance. Wenn Personal am 22. Juni zur Verfügung steht, warum dann nicht am 2. Juni? Lässt Christoph Manjura Leidenschaft vermissen?

In der Samstagsausgabe vom Wiesbadener Kurier wirft die ehemalige Bundesfamilienministerin Kristina Schröder der Stadt Wiesbaden bei der Kita-Öffnung fehlendes Innovationsdenken vor. Wiesbadens Sozialdezernent Christoph Manjura sieht das anders und fragt sich, ob die ehemalige Bundesfamilienministerin die Arbeit in Kindertagesstätten verstehe. Auf Facebook geht er dezidiert auf das Interview ein… und erhält für seinen sogenannten Faktencheck in zahlreichen Kommentaren Zuspruch.

Alles heiße Luft…

Christoph Manjura: Wo bleibt eigentlich die Kritik an ihrem CDU-Parteifreund, Kultusminister Lorz?

Kristina Schröder hat auch Kinder in der Grundschule. Dort gibt es bis zu den Ferien sechs Stunden Präsenzunterricht pro Woche. Sechs! Erst hat Hessens Kultusminister Alexander Lorz die Rückkehr der Viertklässler Anfang Mai nicht auf die Kette bekommen und jetzt ist er sehr vorsichtig. Warum fordert Frau Schröder nicht die vollständige Öffnung der Grundschulen von Hessens Kultusminister? Kein Wort der Kritik auch dazu, dass Grundschüler mitunter an zwei Wochentagen drei Stunden Schule haben? Ja, – und dann? Dann muss die Stadt / die Betreuung gefälligst einspringen. Der Minister schiebt alle Verantwortung auf die Schulen und die Kommunen. Aber: Kein Wort von Frau Schröder zum Kultusminister. Und auch keine Nachfrage dazu der Redakteurin.

„Jetzt komplett selbst über die Öffnung entscheiden zu dürfen, bedeutet eine große Chance, den Familien vor Ort zu helfen! Das ist in Wiesbaden aber nicht passiert. Ich bin enttäuscht von dem Minimalprogramm, das Sozialdezernent Christoph Manjura vorgelegt hat.“ – Kristina Schröder, Bundesfamilienministerin a. D.

Christoph Manjura: Auch ich wäre gerne schon weiter!

Genau deswegen habe ich am 5. Mai (!) eine baldige Öffnung der Kitas für alle Kinder und Handlungsspielraum für die Kommunen zur Umsetzung flexibler Übergänge gefordert. Was ist in Hessen passiert? Nichts. Die erweiterte Notbetreuung wurde restriktiv gehandhabt und während andere Bundesländer zum Beispiel jahrgangsweise die Kinder zurückgeholt haben, haben wir in Hessen gewartet. Am 20. Mai wurde dann eine Pressemitteilung zum eingeschränkten Regelbetrieb veröffentlicht, die Verordnung (eine um drei bis vier Sätze ergänzte Fassung der vorherigen) sechs Tage später, am 26. Mai. Wir hätten schon am 18. Mai mit den Vorschulkindern beginnen können, wenn sich die Landesregierung ausreichend für die Sache interessieren würde.

„Die Dreijährigen gehen erst ab dem 22. Juni in die Kita. Ganze vier Tage bis zu den Sommerferien! Das bietet man ernsthaft Eltern an, die ganze 14 Wochen auf ihren Kindergarten verzichten mussten? Auch der Hinweis auf fehlendes Personal leuchtet mir nicht ein. Wenn es am 22. Juni zur Verfügung steht, warum nicht auch schon am 2. Juni?“ – Kristina Schröder, Bundesfamilienministerin a. D.

Christoph Manjura: Eine Kita ist keine Fabrik!

Und sie lässt sich nicht mal eben so übers Wochenende wieder hochfahren. Genau deswegen braucht es ein stufenweises Vorgehen. Von jeder einzelnen Kita ist ein Hygienekonzept gefordert, das muss eingeübt und umgesetzt werden. Die jetzige Situation ist für alle neu. Für die Kinder wie für die pädagogischen Fachkräfte. Die einen Kinder werden sich leicht tun, die anderen schwerer. Die Kinder werden die Begleitung ihrer Erzieher brauchen. Kindertagesstätte ist Beziehungsarbeit, ist Bildung, Erziehung und Betreuung – kein Ikea-Bällebad. Unsere Gesellschaft braucht Erzieher, die diesen Wiedereinstieg gut meistern können. Auch deshalb gehen wir behutsam vor.

„Sozialdezernent Manjura nennt es „größtmögliche Planungssicherheit“, wenn Eltern erst am Ende einer Woche erfahren, wie es mit der Betreuung für die folgende Woche aussieht. Das macht mich fassungslos. Warum machen wir es nicht direkt wie die Stadt Usingen oder ganz NRW, wo die Kitas für alle öffnen, nur mit etwas weniger Stunden?“ – Kristina Schröder, Bundesfamilienministerin a. D.

Christoph Manjura:  Usingen ist eine Kleinstadt und NRW hebt das Betretungsverbot zum 8. Juni auf.

Frau Schröder meint, dass Usingen seine Kitas wieder voll öffnet und NRW alle Kinder bei eingeschränkten Betreuungszeiten kommen lässt. Der Usingen-Vergleich hinkt. Wiesbaden hat so viele Kinder in der Betreuung wie Usingen Einwohner. Die Organisation von Kinderbetreuung im Hochtaunus ist eine andere Sportart. Und NRW? NRW hebt das Betretungsverbot auf – dieses bleibt in Hessen bis 5. Juli bestehen. Ebenso wie die mittlerweile unsinnige Unterteilung in system- und nicht-systemrelevante Berufe. Auch hier sollte sich Frau Schröder lieber an den Herrn Ministerpräsidenten wenden. Der könnte das ändern und so die Kapazitäten fairer verteilt werden.

„Manjura lädt das Thema einfach bei den Kitas ab. Und die Wiesbadener Eltern stehen im Regen. Wenn man bundesweit vergleicht, gehören wir damit mittlerweile zu den Kommunen in ganz Deutschland, die ihre Kitas am zaghaftesten öffnen. Unsere Infektionszahlen begründen das nicht.“ – Kristina Schröder, Bundesfamilienministerin a. D.

Christoph Manjura: Wer meint Kita kann eben mal in einem Bürgerhaus stattfinden, der hat Kita nicht verstanden!

So viel Geringschätzung für die Arbeit der pädagogischen Fachkräfte lässt tief blicken. Oder hat die ehemalige Familienministerin einfach nur nie die Arbeit in Kindertagesstätten verstanden, wenn sie der Meinung ist, diese könnte mal eben im Gemeindesaal oder im Bürgerhaus stattfinden? Nun. Frau Schröder meint gar, dass sei innovativ! Ebenso innovativ nennt sie es, Eltern oder Bundesfreiwillige für die Arbeit in Kitas zu akquirieren. Das ist nicht innovativ, sondern naiv. Ich habe einen Heidenrespekt vor dem, was in den Kitas aktuell alles zu bewältigen und moderieren ist. Verunsicherte Kinder, die diese Pandemie verarbeiten müssen, sicher auch verunsicherte Erzieher. Eltern mit großen, kaum erfüllbaren Erwartungen. Und dann sollen auch noch Bundesfreiwillige oder Eltern eingearbeitet werden? No way. Vom Thema Infektionsschutz mal abgesehen. Auch Corona führt nicht dazu, dass wir allen Anspruch an Qualität über Bord werfen. Davon hätten übrigens weder Kinder noch Eltern was.
Alle Kitas in den Wald, meint Frau Schröder. Genau. Aus der Innenstadt mit dem Bus. Weltfremd.

„Man könnte viel innovativer sein und die Kitas besser unterstützen. Bei Platzproblemen könnte man zum Beispiel Bürgerhäuser und Gemeindesäle für die Betreuung öffnen. Man könnte Wandergruppen einrichten, bei denen die Kinder den ganzen Tag an der frischen Luft sind.“ – Kristina Schröder, Bundesfamilienministerin a. D.

Manjura: Hat Frau Schröder auch mit einem Punkt Recht?

Ja. Sicher hätte ich meinen Satz zur Planungssicherheit nochmal konkretisieren müssen. Uns geht es primär darum, dass Kita-Leitung, Eltern und Kinder nicht beim abholen erfahren, ob morgen Kita ist, sondern dies (mindestens) wochenweise festgelegt wird. Natürlich ist das zum Beispiel für berufstätige Eltern weit weg von befriedigend. Das Wort Planungssicherheit ist nach elf Wochen Pandemie unpassend gewesen.

Es gibt so einige Möglichkeiten, man muss sich nur mit Leidenschaft dahinterklemmen, um Familien endlich wirklich zu helfen.“ – Kristina Schröder, Bundesfamilienministerin a. D.

Manjura: Zum Abschluss etwas Persönliches:

Das Interview schließt mit dem Satz Es gibt so einige Möglichkeiten, man muss sich nur mit Leidenschaft dahinterklemmen, um Familien endlich wirklich zu helfen. Ich habe mir ein dickes Fell zugelegt. Ich streite auch gerne über den richtigen Weg. Frau Schröder kennt meine persönlichen Lebensumstände nicht – Wahrscheinlich auch nicht die von 80 Prozent der Stadtgesellschaft. Was sie aber sicher weiß ist, dass ich selbst eine Familie mit zwei kleinen Kindern habe. Zwei Kinder und eine Frau, die mich gerade aktuell sicher noch mehr brauchen würden. Und die dennoch viel verzichten müssen, während ich arbeite und versuche noch jede Frage so schnell es geht zu beantworten. Anmerkung: Es gibt auch noch andere Themen im Dezernat von Christoph Manjhura.

„Als ich das Interview von Dr. Kristina Schröder las, war ich kurz davor zu explodieren. Auch deshalb: Danke, lieber Christoph Manjura, für diese Replik. Ich teile das uneingeschränkt –. Ja, als Mutter wünschte ich mir auch eine vollständige Öffnung. Ich kenne viele, die mit ihren Kräften langsam aber sicher am Ende sind… Aber ich finde, dass das Dezernat einen guten Job macht. Ebenso die Einrichtungen und ErzieherInnen.“ – Nadine Ruf auf Facebook

Und noch was Versöhnliches:

Danke für die vielen positiven Rückmeldungen und die wertschätzende Kommunikation. Es liegt aktuell in der Natur der Sache, dass meine Antworten nicht immer zufriedenstellend sind. Ich sehe meine Aufgabe darin für die Menschen in Wiesbaden ansprechbar zu sein. Es geht mir aber auch darum Dinge in einen Gesamtzusammenhang einzuordnen und damit vielleicht auch mal einen Perspektivenwechsel zu ermöglichen. Meist gelingt das sehr gut – obwohl schriftliche Kommunikation mit Unwägbarkeiten verbunden ist. Das zeigt, dass auch in den sozialen Medien unser Miteinander respektvoll und gut funktionieren kann. Danke dafür! (Bild: Montissori Schule)

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Das offizielle Statement von Sozialdezernent Christoph Manjura finden Sie unter www.facebook.com.

 

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