Lange waren es die Mädchen, die in ihrem Bildungserfolg hinter den Jungen zurückblieben. Die Zeiten haben sich geändert.

Mädchen sind heute in der Schule erfolgreicher als Jungen: Sie bekommen häufiger eine Gymnasialempfehlung und machen häufiger das Abitur. Das bundesweite Bild zeigt sich auch in Wiesbaden. Bei genauer Betrachtung der beiden Geschlechter fällt auf, dass sie an Wiesbadens Schulen unterschiedlich gut abschneiden. Das zeigt 2020 gut an den Zahlen der Schulabgänger. Tendenziell verlassen mehr Jungen ohne oder mit einem niedrigen Bildungsabschluss die Schule. Die Schulabgänger der Sekundarstufe I, die die Schule ohne Abschluss verlassen, sind zu 75 Prozent männlich – und auch bei denjenigen mit Haupt- und Förderschulabschluss besteht die Mehrheit aus Jungen. Im Gegensatz dazu erreichen mehr Mädchen das Abitur. Mit diesen und weiteren Daten stützte sie die These von Jungen als „problematische Gruppe“ in pädagogischen Institutionen, allen voran in Schulen.

Kulturelle Bedeutung „Geschlech“

Derart aufs Thema eingestimmt zeichnete Professor Dr. Jürgen Budde von der Europa-Universität Flensburg facettenreich mögliche Ursachen für die bestehenden Geschlechterungleichheiten nach. Beginnend mit einem Exkurs in die Geschlechtertheorie, kam er auf die pädagogische Perspektive zu sprechen und betonte die kulturelle Bedeutung der Kategorie Geschlecht, die eben kein bloßes biologisches Kriterium sei, sondern auch eine soziale Konstruktion und damit gesellschaftlichen Deutungen und Normierungen unterworfen sei.

PISA-Studie

Für die Schule sei das Geschlecht – zum Beispiel neben dem sonderpädagogischem Förderbedarf – nur eines von mehreren Differenzierungskriterien. Dass Jungen als eigene Gruppe sehr wohl besondere Ansprache benötigen, um ihr kognitives und kreatives Potential auszuschöpfen, beweise ein Blick in die Ergebnisse der PISA-Studie: Jungen dominieren hier gleichzeitig in der Spitzen- und in den Risikogruppen, während sich die Mädchen tendenziell in der Mitte wiederfinden.

Soziale Herkunft

Allerdings sei seit 2006 eine Angleichung der Ergebnisse für die beiden Geschlechter zu beobachten. Überlagert werde diese Nivellierung nun aber von der Entwicklung, dass sich die Milieuschere weiter öffne, das heißt es ist ein tendenziell schlechteres Abscheiden aufgrund der sozialen Herkunft zu beobachten. Allerdings seien hier Jungen wiederum stärker betroffen als Mädchen mit den entsprechenden Merkmalen.

Bildungsverlierer

Zusammenfassend hielt Budde fest, dass die Diskussion über Jungen im Bildungssystem mit stark defizitorientiertem Blick geführt werde. Dadurch würden Jungens in eine passive Rolle gedrängt. Die in Medien und im Alltag häufig vorzufindende Beschreibung als Bildungsverlierer ließe Jungen schließlich nicht kalt und könne sich negativ auf deren Selbstbild und Motivation auswirken. Beides wiederum stelle einen wichtigen Faktor für den schulischen Erfolg dar. Denn für gelingende Bildungsbiographien von Jungen wäre es wichtig, eine Kultur der Anerkennung der (geschlechter-)spezifischen Bedürfnisse beim Lernen sowie in der sozialen Interaktion an Schulen zu schaffen.

Bildung schafft Zukunft

Die Themenreihe Bildung schafft Zukunft ist als Plattform für Fragestellungen aus dem Bildungsbereich zu verstehen und richtet sich an die Akteurinnen und Akteure der Wiesbadener Bildungslandschaft sowie an alle an Bildung Interessierten. Die Vorträge sind kostenfrei.

Foto oben ©2021 Stdat Wiesbaden

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Weitere Informationen zu Bildungsgleichheit der Geschlechter finden Sie www.bpb.de.

 

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