Eine Ausstellung zum „Begreifen der Welt“ – von Liebe zur Weisheit oder Freundschaft zum Wissen: Der Eingang  zu einem Frageraum. Der Eingang zum Philosophieren.

Der Kunstverein Bellevue-Saal hat gerade zur Zeit des Nichtreisenkönnens üppig angerichtet: Berge, Täler, Meere, Landschaften, die von dem Wiesbadener Maler Wulf Winckelmann und dem in Hamburg beheimateten Jens Rausch stammen. Die Ausstellung Vom Begreifen der Welt ist vom 4. März bis zum 4. April zu sehen. Falls die Ausstellung nicht besichtigt werden kann, wird ein Videobeitrag auf der Webseite www.kunstverein-bellevue-saal.de zumindest einen Eindruck von Kunst und Künstlern vermitteln.

Kunstverein Bellevue-Saal, kurz gefasst

Ausstellung – Vom Begreifen der Welt
Wann:
4. März bis 4. April 2020
Öffnungszeiten: Öffnung frühestens nach dem 7. März,
dienstags bis freitags von 16:00 bis 19:00 Uhr, samstags und sonntags von 14:00 bis 18:00 Uhr
Wo: Kunstverein Bellevue-Saal, Wilhelmstraße 32, 65183 Wiesbaden (Anfahrt planen!)
Eintritt: frei

Ihre Themen sind gleich, und alles versteht sich als Malerei. Bei aller Unterschiedlichkeit in der Anmutung der künstlerischen Positionen von Rausch und Winckelmann wird anhand ihrer jeweiligen Auseinandersetzung und Herangehensweise mit und an das Thema Natur vor allen Dingen eines deutlich: Beiden Künstlern geht es nicht nur um die Erschaffung eines eigenen künstlerischen Kosmos‘, sondern vielmehr um den Gedanken, das Wesen der Natur selbst durch ein prozesshaftes künstlerisches Arbeiten und die hierfür verwendeten Materialien zu begreifen – und das im wahrsten Wortsinn: Denn beide Künstler zeigen Werke, die insbesondere durch ihre ausgeprägten haptischen Oberflächenstrukturen auffallen.

Feuer, Asche, Bitumen und Ruß

Rausch nutzt Materialien, die zumeist aus natürlichen Kreisläufen stammen oder selbst natürliche Prozesse und Reaktionen auslösen: Feuer, Asche, Bitumen und Ruß; oder auch Eisen- und Kupferoxide, die ihre Rostspuren wie Vergänglichkeitsmerkmale auf der Bildoberfläche hinterlassen. Immer wieder generiert der Künstler den Zufall, denn sowohl Prozess als auch Material haben ihr oft nicht kalkulierbares Eigenleben, durch das sich natürliche (Mikro-)Strukturen ausbilden oder – wortwörtlich – ablaufende Fließbewegungen auf den Bildstrukturen entstehen. Auf diese Weise verschmelzen Material, künstlerische Interaktion, chemische Reaktion und Zufall zu einem Prozess, der zusammen mit dem Werktitel eine komplexe Einheit bildet. Dies zeigt sich etwa bei Rauschs »Alchemistischen Mischwäldern«, bei denen Wald auf einer völlig neuen Ebene, nämlich materiell, chemisch, physikalisch und metaphysisch – eben alchemistisch – erwächst. Auch in seinen Bergarbeiten nutzt er Materialien, die einst aus dem tiefsten Inneren der Erde geborgen wurden: Kalk, Gips und Graphit auf geformten, bildhauerisch zu Bergen aufgewölbtem Blei. Es ist gewissermaßen ein Bergen des Bildes aus dem Material selbst heraus. Ein philosophischer Blick auf die Welt, die dem Betrachter die Natur in ihrer prozessualen (Anti-) Ästhetik und in all ihrer Komplexität vor Augen führt.

Überlagerte Farbmaterialien und Werkstoffe

Gleichermaßen philosophisch geht Winckelmanns an sein Werk. Seine Malereien sind eine Huldigung an die Größe und Unendlichkeit der Natur: Großformatige Leinwände, die nur aus Himmel und Meer bestehen, Dickichte aus undurchdringlicher Vegetation. Dass der Mensch im Vergleich zur ihn umgebenden Natur winzig und relativ bedeutungslos ist, wird auf seinen Gemälden schnell deutlich, denn er kommt darin schlicht nicht vor. Winckelmanns Arbeiten entstehen ausschließlich im Atelier, ohne bildliche Vorlage aus seiner Erinnerung heraus. Er arbeitet mit einem vielschichtigen Auftrag unterschiedlicher übereinander gelagerter Farbmaterialien und Werkstoffe. Details wie Wellen oder Blätter der Bäume werden nicht im klassischen Sinne gemalt, sie entstehen vielmehr aus dem rhythmischen Duktus des pastosen Materialauftrags, dem Einbringen und mechanischem Entfernen von Farbe in das entstandene Relief sowie den chemischen Reaktionen sich gegenseitig abstoßender Farbsubstanzen. Einzelne Wellen oder Blätter entpuppen sich daher bei genauem Hinsehen eher als strukturiertes Konglomerat aus Farbmaterial. Erst durch den Betrachtungsabstand – und insbesondere durch die Sehgewohnheiten im Kopf des Betrachters selbst – fügen sich diese Malspuren schließlich zur Landschaft. Gezielt lotet Winckelmann dabei die Funktionsweise und Grenzen unserer Wahrnehmung aus, spielt mit ihnen und hinterfragt sie. Denn was uns als Ganzes »realistisch« erscheint, bleibt im Detail völlig abstrakt.

Philosophischer Ansatz

Rausch und Wulf eint dieser philosophische und nicht zuletzt vielleicht sogar romantische Blick auf die Natur. Ihre individuelle Suche nach einem Erfassen, besser noch einem »Begreifen« der Welt durch den künstlerischen Akt und aus dem Material heraus verbindet beide Künstler und die Komplexität ihrer Werke.

Ausführliche Informationen sind auch auf den jeweiligen Webseiten der beiden ausstellenden Künstler zu finden: www.jensrausch.de und www.wulfwinckelmann.de.

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Die offizielle Internetseite vom Kunstverein Bellevue-Saal finden Sie unter www.kunstverein-bellevue-saal.de.

 

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