Seit 2015 lädt das Museum Wiesbaden Künstler ein, Arbeiten für die Ausstellungsräume des Museums „maßzufertigen“. Die Musumsräume sollen das gegenwärtige Wirken beeinflussen dürfen und die Arbeiten sollen sich im Hinblick auf die Räume entwickeln können.

Im Sommer 2015 besuchte Museumsdirektor Alexander Klar die Galerie von Bärbel Grässlin in Frankfurt, um sich dort Thomas WernersNeue Bilder“ anzusehen. Es waren durchgehend hochformatige Arbeiten mit Leimtempera auf grobmaschigen Juteleinwänden. Ganz ähnlich der Werke, die aktuell im Museum Wiesbaden zu sehen sind.

„In der Akademie haben die Studenten in den 80er Jahren groß gelernt. Meine Antwort darauf war das Kleinformatige. Das Kleine ist geblieben. Das Große in Kombination hinzugekommen.“ – Thomas Werner

„Verglichen mit den etwa 2,8 mal 4 Meter großen Formaten der Jahre 2004–2012 und deren Auseinandersetzung mit der Wirkung figurativer Motive waren diese Arbeiten zum einen konzentriert, streng und von einheitlichem Format, zum anderen aber von einer betörenden Farbigkeit, in der strahlende Blau- und Brauntöne dominierten.“ Im Vergleich mit der durchaus kraftstrotzenden Knalligkeit früherer Bilder wirkten die neuen Bilder oft klar seinerzeit fast introvertiert. Diese sichtliche Wandlung interessierte Wiesbadens Museumsdirektor, weshalb das Gespräch mit Thomas Werner recht schnell zu der Vereinbarung führte, dass das Museum Wiesbaden seine ab 2015 entstehenden Bilder im Sommer 2017 im Museum Wiesbaden zeigen würde.

Landesmuseum, kurzgefasst

Ausstellung: „Vorne“
Wann: Freitag, 28. Juni 2017 bis Sonntag, 29. Oktober 2017
Öffnungszeiten: dienstags 10:00 bis 20:00 Uhr, mittwochs und freitags bis sonntags 10:00 bis 17:00 Uhr,  montags geschlossen
Wo: Hessisches Landesmuseum für Kunst und Kultur (Museum Wiesbaden), Friedrich-Ebert-Allee 2, 65185 Wiesbaden (Karte / Navigation)
Eintritt: Sonderausstellungen 10,00 Euro, ermäßigt 7,oo Euro. Der Eintritt in die Sonderausstellung beinhaltet den Eintritt in die Dauerausstellung.
Dauerausstellung 6,00 Euro, ermäßigt 4,00 Euro

Dass Thomas Werner von einer erfolgreich entwickelten Motivik in intensiver Farbigkeit Abstand nahm, um stillere, verschlossenere Bilder zu malen, verschreckt dabei nicht, sondern macht neugierig. Weckt das Interesse auf den Blick auf „Vorne“ – die Wiesbadener Ausstellung, die anhand von 19 Bildern die neue Werkphase des Malers Thomas Werner in den Fokus stellt – Bilder, die er eigens für die beiden Räume auf der zweiten Etage entwickelt hat.

„Jute, Pappe, Gips sind Alltagsgegenstände – ich möchte nicht das Material herausstellen. Für mich als Maler ist es bedeutender, was mit der Malerei auf dem Material entsteht.“ – Thomas Werner

Thomas Werner ist Maler, was nach Old School klingen mag, aber eben genau das auch ist, mit höchstem Anspruch an sich selbst: Thomas Werner malt – nicht weil Malen als Konzeptkunst „eine gute Idee ist “, sondern weil man dazu malen können muss. Oder präziser: weil er malen können will. Werner folgt einer Haltung, die das Malen an sich als ein Konzept mit genügend Spielraum für die notwendige Vielschichtigkeit des Ergebnisses (also des Bildes) behandelt.

Das Museum Wiesbaden zeigt bis zum 29. Oktonr Kunst von Thomas Werner. Bild: Volker Watschounek

Ohne Titel 2016, Leimtempera auf Jute 200 x 170 cm, Thomas Wernr. Bild: Volker Watschounek

Malerei ist sowohl Können als auch das Vergessen von Können. Für Thomas Werner ist sie die Angemessenheit der Form, der Mittel, des Materials und des Inhalts. Wenn Malerei gelingt, entsteht Schönheit. Die Kultivierung einer der heutigen Malerei angemessenen Haltung zum eigenen Werk geht bei ihm Hand in Hand mit der Fähigkeit, einprägsame Bilder zu erschaffen.

Malen und vergessen

„Vorne“ heißt für ihn ganz emphatisch: Oberfläche, Taktilität, eine Bewegung nach vorn (körperlich und geistig), wie sie etwa durch die extremen Größenunterschiede der Formate in der Ausstellung beim Besucher provoziert werden soll. Natürlich klingt hier auch mit an, dass es nach dem Ende der Avantgarden das „Vorne“ nicht mehr gibt, mithin auch keine Definition, wer vorne respektive avantgarde wäre. Thomas Werner sieht sich jedenfalls nicht vorne. In diesem Sinne ist Malerei zutiefst widersprüchlich und geprägt von Ambivalenz: Sie ist Kenntnis von Malerei, von Material, von Kunstgeschichte, von Theorie, von aktueller Malerei und zeitgenössischer Kunst. Und dennoch funktioniert Malerei heute auch nur dann, wenn man dies alles beim Malen wieder vergessen kann.

Verschiedene Bildträger

Thomas Werner und Alexander Klar im Gespräch. Bild: Volker Watschounek

Für die Ausstellung in Wiesbaden hat Thomas Werner vier „Bildmodi“, genauer vier Sorten Gemälde mit unterschiedlichen Bildträgern hergestellt: Großformatige Werke auf Jute, kleinere, von ihm als „Maquetten“ bezeichnete Arbeiten auf handelsüblichem, ungrundiertem Wellkarton und weitere kleine Arbeiten auf gegossenen und ungrundierten Gipsplatten sowie auf Papierrohstoff.

„What you see is what you see.“ – Frank Stella, amerikanischer Art-Direktor

Die eher dichte Oberfläche des Wellkartons wird über die Malerei aufgeschlossen. Der Papierrohstoff saugt zunächst viel Wasser, quillt auf und hat am Ende eine sehr offene, poröse Oberfläche. Der Gips saugt ebenfalls die Farbe auf, bis er nach ein paar Schichten gesättigt ist, sodass die Oberfläche im Laufe der Arbeit immer glatter wird. Bei den Gipsarbeiten besteht die malerische Herausforderung darin, die mehr oder weniger zufällige Oberflächenbeschaffenheit, die beim Gießen entsteht, mittels der Malerei zu kommentieren, zu konterkarieren und am Ende zu „fassen“.

„Als ich mit der neuen Serie anfing, habe ich erst einmal Pigmente aus einer Kiste herausgeholt, die ich bereits in den 90er Jahren verwendet hatte.“ – Thomas Werner

Das Material für die großen Bilder ist Jute, grundiert mit Streichmakulatur und Kreidegrund, die verwendete Farbsorte (für alle Bildträger) ist Leimtempera, eine Emulsion aus Zellleim und Leinölfirnis, vermengt mit in Terpentin gelöstem Dammarharz und etwas Kunstharzbinder.

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Die hauptsächlich verwendeten Erdfarben-Pigmente sind: Siena natur und gebrannt, Umbra natur und gebrannt in vier verschiedenen Tönen, Französischer Ocker (Sofodor), Französischer Ocker gebrannt (Soforouge), Pompejanischrot, Eisenoxidgelb und -rot, Englischrot und für die ganz dunklen Partien Kasslerbraun. Die anderen Farben, die hauptsächlich zum Einsatz kommen sind: Kadmiumgelb, -orange, -rot, -grün, Kobaltblau, Ultramarinblau, Preußischblau (ein sehr dunkles, tiefes Blau), für Lasuren manchmal Manganblau und schließlich Krapplack als leuchtende rote Lasur.

„Ich bin zufrieden, wenn ein Besucher am Ende mit einem Bild im Kopf die Ausstellung verlässt und damit nach Hause geht.“ – Thomas Werner

Für Ihren Ausstellungsbesuch sollten Sie sich die Auflistung der Malmaterialien abspeichern, um sich beim betrachten der Werke stets die Arbeit am Bild vor Augen zu führen. Gemäß der Erkenntnis, dass Malerei sich in der permanenten Krise befindet und nur sie selbst sich immer wieder aus dieser Krise herausmalen kann, zeigen Thomas Werners Bilder eine neue Dimension der Malerei, erlauben die Sujets dem Betrachter, Nähe wie auch Distanz einzunehmen und in Kenntnis des Malprozesses das Werk des Künstlers durch aufmerksame Betrachtung im Geiste zu vollenden.

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