Sie gehören zu Bierstadt. Gemeint sind die exponierten Hangwiesen mit Gebüschen östlich der B 455 – westlich des Oberen Lindenbachtales im Naturraum Kitzelberg-Bingert-Riedel.

Neuntöter und Gebüschbrüter sind auf dem 5 Hektar großen Gebiet zu Hause: Nachtigall, Klappergrasmücke, Dorngrasmücke, Goldammer brüten in dem schützenswerten Naturraum Kitzelberg-Bingert-Riedel. Das Prädikat Naturschutz schütz sie jetzt. Im Rahmen eines Ortstermins am Donnerstagmittag erklärte Umweltdezernent Andreas Kowol, dass die Stadt mit dem neuen Naturschutzgebiet den Fortbestand und die Entwicklung einer unserer schönsten Kulturlandschaften Wiesbadens sichere. Ein Gebiet, dass sich durch seine große Vielfalt an seltenen Tier- und Pflanzenarten auszeichne.

„Seit rund 20 Jahren befindet sich das Untersuchungsgebiet in der Sukzession. Mit jedem Jahr des Gehölzzuwachses verkleinert sich die verbliebene Grünlandfläche als Standort seltener, auf der Roten Liste stehenden Pflanzenarten. Auch die Wiederherstellung des ehemals artenreichen Halbtrockenrasens wird erheblich erschwert.“ – Beschreibung der Schutzbedürftigkeit

Ein Gutachten hat Schutzwürdigkeit des Gebietes festgestellt. Die Wiesen würden seltenen Pflanzenarten wie Heidenelke, Wundklee, Stengellose Distel, Wiesenprimel, Hauhechel und Feldmannstreu einen bedeutenden Lebensraum bieten. Auf den artenreichen Magerwiesen haben ebenso Neuntöter sowie zahlreichen Gebüschbrütern wie Nachtigall, Klappergrasmücke, Dorngrasmücke, Goldammer und Heckenbraunelle ihr Refugium. Um diese Riedlandschaft zu sichern, ist eine geringe Bewirtschaftung mit nur kleinen Eingriffen in den Naturhaushalt erforderlich. Auf Düngung wird hier gänzlich verzichtet, und im Interesse des Umweltschiutzes werden Termine zum Mähen exakt eingehalten. Das dient dem dem Schutz von Tieren und Vegetation. Um auch Erholungssuchenden Einblicke in diese Landschaft zu bieten, wird die Stadt einen Rundweg mit verschiedenen Informationstafeln versehener einrichten – und damit ein zusätzliches Naherholungsgebiet erschließen.

„Zurzeit ist die Wiederherstellung des Wiesenhanges noch mit relativ einfachem technischem Aufwand möglich. Eine Sukzession hin zu einer Waldgesellschaft bedeutet auch ein Verlust an Lebensraum für Gebüschbrüter, die angewiesen sind auf halboffene Landschaften mit Solitärgehölzen.“  – Beschreibung der Schutzbedürftigkeit

Die Ausweisung des Schutzgebiets geht auf Aktivitäten von vier Wiesbadener Naturschutzverbänden im Jahr 2013 zurück, die den Antrag auf Unterschutzstellung eingebracht hatten. Die damalige Koalition hatte den Wunsch in den Koalitionsvertag aufgenommen. Bald darauf hatte sich die Untere Naturschutzbehörde des Umweltamtes mit allen Eigentümern der Flächen beraten und die Zustimmung für eine Unterschutzstellung und für die Wiederaufnahme der über Jahre aufgegebenen Wiesennutzung erhalten.

Beschreibung der Schutzbedürftigkeit

Den Beschrieben Biotoptyp finden wir in unserer heutigen Kulturlandschaft kaum noch. Er ist bedeutend, um etwa die Artenvielfalt unter den Insekten zu erhalten. Gäbe man das Gebiet auf, würde ein bedeutender Lebensraum, für auf der Roten Liste stehende Heuschreckenarten, wie Kurzflügelige Beißschrecke (RLH 3), Wiesen-Grashüpfer (RLH 3) und Große Goldschrecke (RLH 3), verloren gehen. Belastend für das Gebiet ist neben der Nutzungsaufgabe vor allem die Freizeitnutzung in dem Wiesenhang – zu nennen sind sowie Trittschäden durch verschiedene Pfade

Auszug aus  dem Schutzwürdigkeitsgutachten

Die Riedellandschaft des Wiesbadener Vortaunus ist gekennzeichnet durch die von Nord nach Süd verlaufenden kleinen Bergrücken, die durch die Talauen des Lindenbach-, des Wäschbach-, des Wickerbach-, des Medenbach- und des Klingenbachtalzuges gegliedert werden. Von West nach Ost folgen dem Kitzelberg-Bingert-Riedel die Landschaftsteile Heßlocher Riedel, Steinkopf-Riedel, Bauwald-Riedel, Hockenberg-Riedel sowie Seyriedel, also der Landschaftsraum zwischen Sonnenberg und Breckenheim/Wildsachsen unterhalb des Wiesbadener Taunushanges. Diese besondere Landschaftsform ist durch das Relief feingegliedert und birgt eine hohe Standortvielfalt. Deutlich wird dies durch die kleinräumig sehr abwechslungsreichen Bodengesellschaften, eine Voraussetzung für die Vielfalt der Vegetation. Dies gilt insbesondere für den Kitzelberg-Bingert-Riedel und dessen Osthang.
Kleinflächig wechseln hier folgende Bodenformen: Pararendzina, aus Lößlehm, tiefgründig; Parabraunerde-Pseudogley, mittel bis schwach erodiert, aus Solifluktionsschutt, mittelgründig, örtlich tiefgründig; Ranker-Braunerde aus pliozänem Kiesmaterial, flachgründig; Parbraunerde, stark erodiert, zum Teil podsolig, aus Schutt, flachgründig; Braunes Koluvium vorwiegend aus Lößlehm (umgelagert, tiefgründig).

Nutzungsgeschichte und heutiger Zustand

Die Nutzungsgeschichte des Untersuchungsgebietes ist eng mit der Geschichte des Lindentaler Hofes verbunden. Die Distrikte Hofgewann, Bingert und Aussicht waren weitgehend ungeeignet für den Ackerbau und wurden größtenteils nach dem 30-jährigen Krieg als Weideland genutzt. Davor und vor der letzten Wüstungsperiode im Mittelalter dürfte das Gebiet zu den großen Schaftriften (Heiden) gehört haben. Erst Mitte des 19. Jahrhundert mit dem Bau der Straße von Bierstadt nach Eppstein (heutige Trasse der B 455) und der Intensivierung der Landwirtschaft sind partiell die abflachenden Flächen und die Ebene des Bingert in Ackerland umgewandelt worden. Die steileren Flächen (bewegtes Relief) blieben der Wiesennutzung und Beweidung vorbehalten. Die Wiesenhänge des Distriktes Aussicht dürften in den letzten vier Jahrhunderten nicht umgebrochen worden sein. Dafür spricht vor allem der Fund vieler Kennarten für typische und hochwertige Magerwiesen (nach Auswertung der Großmann-Flora sowie einer Kartierung von 1990), wie sie einmal in der Riedellandschaft verbreitet waren. Die jüngere Nutzungsgeschichte des Untersuchungsgebietes zeigt eine starke Veränderung der Landschaft in diesem Raum. In den 1970er Jahren entstand auf der Höhenfläche direkt an der B 455 der Reitplatz des Kloppenheimer Reit- und Fahrvereins. Die verbleibenden Hangwiesen wurden noch bis 1998 regelmäßig durch eine Kloppenheimer Wanderschäferei genutzt. In den 1970er bis  1990er Jahren ist vielen dieser Landschaftsteil als sogenannte Segelfliegerwiese (für Modellflugzeuge) bekannt. Erst die Ausweisung großer Teile des Wiesbadener Außenbereiches als Landschaftsschutzgebiet sowie die Aufforstung des oberen Teiles des Wiesenhanges als Ersatzaufforstung für den Bau der Startbahn West des Frankfurter Flughafens hat diese Hobbynutzung zur Aufgabe gezwungen. Seit 2000 befindet sich das Gebiet in der Sukzession

Artenvorkommen Flora und Entwicklungsmöglichkeit

Die Hangwiesen im Distrikt Aussicht/Lerchenberg befinden sich in fortgeschrittener Sukzession. Etwa die Hälfte des Grünlandes ist locker mit überwiegend wärmeliebenden Gehölzen wie Eingriffliger und Zweigriffliger Weißdorn, Roter Holunder und Kreuzdorn sowie Wildrosen bewachsen. An feuchteren Stellen setzt sich der Schwarze Holunder sowie das Pfaffenhütchen durch. Teilweise sind  in die Gebüsche verwilderte Zwetschgen eingestreut. Bei der Nacherfassung in 2015 sind 5 Wildrosenarten (ssp) bestimmt worden: Rosa tomentosa (Filzrose) – Rosa gallica (Essigrose) – Rosa canina (Hundsrose) – Rosa pimpinellifolia ssp pim. (Stachelige Rose) – Rosa dumetorum (Heckenrose). Die Auswertung der Flora von Großmann (1960) sowie von Abt (1990) und die Nacherfassung der Grünlandarten von 2014/15 bestätigen die Vermutung, dass es sich hier eindeutig um die Restbestände der von KORNECK ebenfalls 1960 bestimmten Straußgrasreiche Fiederzwenken-Weide (Gentiamo-Koeleretum agrostietum tenuis) handelt. Diese Pflanzengesellschaft ist in unserem Gebiet auch auf Grund fehlender Wanderschäfereien äußerst gefährdet und selten. Dies gilt insbesondere für die östliche Vortaunuslandschaft Wiesbadens. 2015 konnten zusätzlich die Kennarten Bromus erectus, Briza media, Cynosurus cristatus, Primula veris, Ononis repens, Centaurium erythraea, Cirsium acaule, Hippocrepis comosa und Eryngium campestre nachgewiesen werden. Folgende typische Ausbildung der Pflanzengesellschaft für den Taunus ist an diesem Standort zu erwarten: Die Entwicklungsmöglichkeit in Hinblick auf die Wiederherstellung dieser heute sehr seltenen Wiesengesellschaft wird als gut angesehen. Die Wiederaufnahme der Grünlandpflege durch eine Grundherstellung im Winter (Mulcharbeiten) sowie die jährliche Mahd – zunächst zweischürige Wiese und die spätere Einführung der extensiven Beweidung mit leichten Tierrassen – ist geeignet, das noch vorhandene Samenpotential der oben genannten Pflanzenarten zu aktivieren. Die Flächen wurden in der Vergangenheit weitgehend weder gedüngt noch wurden die Wiesen umgebrochen oder mit Herbiziden behandelt. Ein Teil des Hanges (Bereich Lerchenberg) befindet sich in einem Zustand der Überweidung. Die Umstellung auch dieser Weideflächen auf eine extensive Nutzung wird ebenfalls zum Erfolg führen.

Artenvorkommen Fauna und Entwicklungsmöglichkeit

Entsprechend der Erfassung der verschiedenen Tierartengruppen durch das Fachbüro Horch/Wedra von 2010 ist das Untersuchungsgebiet wichtiges Rückzugsgebiet für eine Reihe von Tagfaltern, Heuschrecken- und Vogelarten. Für letztere Artengruppe konnten als Brutvögel  Wiesenpieper, Sommergoldhähnchen, Nachtigall, Dorngrasmücke, Heckenbraunelle, Klappergrasmücke und Goldammer, Feldlerche und Feldsperling nachgewiesen werden. Ein mögliches  Vorkommen des Wendehalses konnte 2015 nicht bestätigt werden. 2015 konnte durch Herrn Rosenberg, HGON-Wiesbaden, der Neuntöter als Brutvogelart nachgewiesen werden. Hohe Bedeutung hat das Gebiet für Tagfalter und Heuschreckenarten. Insbesondere gilt dies für alle wärmeliebende Arten der Erfassungsliste von Horch/Wedra. Durch die Wiederherstellung des Halbtrockenrasens sowie die Vereinzelung und teilweise Zurückdrängung der Gebüsche bei gleichzeitiger Förderung wärmeliebende Solitärgebüsche (seltene Wildrosenarten, Förderung bewehrter Gehölze) erhöhen sich die Artenvielfalt an Gehölzen und die Attraktivität für spezialisierte Gebüschbrüter. Die Erweiterung der extensiven Grünlandflächen bietet idealen Lebensraum insbesondere für Heuschrecken- und Schmetterlingsarten.

Schutzzielformulierung

Schutzzweck ist die Entwicklung, Erhaltung und Sicherung eines extensiv genutzten Grünland-Gehölzkomplexes auf einem trockenwarmen Standort in der naturräumlichen Teileinheit Wiesbadener Vortaunus des Naturraums Vortaunus, Osthang des Kitzelberg-Bingert-Riedel: „NSG Hangwiesen Aussicht/Lerchenberg in Wiesbaden Bierstadt“. Der Schutz und die Entwicklung gelten insbesondere dem artenreichen bodensauren Halbtrockenrasen in der Form eines extensiv genutzten Wiesenhanges. Schutz- und Pflegeziel ist die Erhaltung und Entwicklung dieses Biotopkomplexes durch die Gewährleistung einer extensiven Wiesennutzung bei gleichzeitiger Erhaltung einzelner wärmeliebender Gebüsche als Lebensraum für Gebüschbrüter sowie für auf der Roten Liste stehende Heuschrecken- und Tagfalterarten.

Foto oben ©2021 LH Wiesbaden

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Die vollständige Schutzwürdigkeitsgutachten zum NSG Hangwiese finden Sie unter www.wiesbaden.de

 

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