In Zeiten des großen kirchlichen Einflusses war Gott wichtiger als die Familie. Die Marienverehrung stellte die Mutter in den Mittelpunkt. Dem Vater kam die Rolle des Ernährers zu. Die Mutter kümmerte sich um das Kind. Diese Rollenklischees sind Vergangenheit.

Die Pandemie hat nahezu jeden Lebensbereich durcheinandergewirbelt, und ganz besonders familiäre Strukturen: Homeschooling und Homeoffice haben Rollenbilder wieder auf dem Prüfstand gestellt. Die Evangelische Familienbildung in Wiesbaden rückt deswegen die Vaterrolle erneut in den Fokus: Bewusst Vater werden – Ein Camp für werdende Väter ist ein Gesprächsangebot für Männer. Väter und werdende Väter sollen sich kennenlernen und vernetzen. Die Kursleiter Martin Noack und Tom Karcher sprechen im Interview über Rollenbilder und Väterthemen. Das Gespräch führte Andrea Wagenknecht

Ein Gespräch über „Bewusst Vater werden“

Wiesbaden lebt: Herr Noack, Herr Karcher,  Sie sind beide seit Jahren in der Männer- und Väterarbeit tätig. Wie kam es damals dazu, Väterangebote zu kreieren?
Martin Noack: Ich war in der Krabbelgruppe meiner Tochter der einzige Mann. Und da habe ich mich gefragt: Wo sin die Väterangebote? Wo können sich Väter miteinander vernetzen? Warum gibt es das so selten? Ich bin seit knapp zehn Jahren in der Männerarbeit tätig, doch die Geburt meiner Tochter hat bewirkt, dass ich meinen Fokus nochmal spezieller auf das Vaterwerden gerückt habe. Außerdem: Ich wollte nach der Geburt meiner Tochter mehr Zeit für die Familie haben und flexibel arbeiten. Das war für mich auch ein Grund, mich als Coach und Berater selbstständig zu machen.
Tom Karcher: Ich war damals auch der einzige Mann in der Krabbelgruppe. Das fand ich sehr schade. Gerade weil ich den Wert des Austausches unter Männern schon kannte. Obwohl ich den Austausch mit Frauen auch hilfreich fand, habe ich gemerkt, dass ich mit meinem Kind anders umgehe als die Frauen. Deswegen habe ich dann einen Vätertreff gesucht – leider vergeblich.

Was unterscheidet Angebote nur für Väter von Angeboten für Mütter und Väter?
TK: Auf den Punkt gebracht: Männer werden nicht schwanger. Deswegen ist der Zugang zum Kind ein anderer, den muss sich der Vater erarbeiten. Da tauchen dann einfach andere Fragen und Themen auf. Frauen werden auf Schwangerschaft und Geburt sehr intensiv vorbereitet. Auch wenn Männer in solchen Kursen dabei sind, geht es selten um sie und ihre Vaterrolle. Deswegen ist es wichtig, dass Männer sich untereinander vernetzen. Bestimmte Fragen stellen Männer nicht, wenn Frauen dabei sind.

Zum Beispiel?
TK: Wie werde ich zu dem Vater, der ich sein will? Wie gehe ich mit Scheitern um? Wie funktioniere ich als Mann im Job und als Vater? Habe ich einen guten Zugang zu mir? Nur so finde ich auch einen Zugang zum Kind. Das sind nur Beispiele. In dem Kursangebot, können auch ganz andere Themen dran sein. Wir lassen uns von den Themen der Männer führen.
MN: Die Vaterrolle ist gesamtgesellschaftlich im Umbruch. Dieser Wandel muss gestaltet werden. Viele Väter wollen mehr Zeit für die Familie haben und suchen nach der richtigen Balance. Dazu muss auch die Kommunikation und Organisation zwischen den Eltern gut gestaltet sein. Hinzu kommt, dass den Männern oftmals die Vorbilder fehlen. In der vorherigen Generation war der Mann meistens überwiegend in der Rolle des Ernährers. Vereinbarkeitsangebote wahrnehmen – das ist bei Männern oft mit der Angst vor einem Karriereknick verbunden. Und das ist meiner Erfahrung nach auch eine reale Angst.
TK: Das kann ich bestätigen. Wer heute die Vaterrolle anders leben will, bekommt oft Gegenwind in der Arbeitswelt.

Die Gesprächsabende finden unter anderem am Lagerfeuer statt. Ist das nicht auch ein Klischee? Mütter treffen sich im Stuhlkreis, Väter am Lagerfeuer?
TK: Für mich ist das Lagerfeuer nichts männerspezifisches. Die Hüterinnen des Feuers waren ursprünglich Frauen. Lagerfeuer mache ich mit Frauen und Männern.
MN: Die Erfahrung zeigt, wenn man gemeinsam was in der Natur tut, kommt man besser ins Gespräch. Die Indoor-Eltern-Angebote sind häufig sehr weibliche Formen der Familienbildung.

Was wünschen Sie sich von dem Kurs?
N & K: Teilnehmer, die es als Chance begreifen, sich miteinander und mit ihrer Vaterrolle auseinanderzusetzen.

Zu den Personen

Martin Noack und Tom Karcher haben langjährige Erfahrung in der Beratung von Eltern sowie in der Männer- und Väterarbeit. Noack ist Vater einer Tochter, systemischer Berater (DGSF), Vorstandsmitglied bei der LAG Väterarbeit Hessen und Stresspräventionstrainer. Er konzipiert unter anderen Coaching-Online-Programme für Väter, bietet Workshops für Väter in Unternehmen und hat Vater-Kind-Treffen geleitet.
Karcher ist Heim- und Jugenderzieher, Erlebnis- und Naturpädagoge und Vater eines Sohnes. Väter-Angebote leitete er unter anderem für das Bistum Mainz, die Stadt Wiesbaden und im Rahmen seiner Arbeit im Schoß Freudenberg.

Bewusst Vater werden

Der Kurs Bewusst Vater werden – Ein Camp für werdende Väter wird finanziell vom Sozialdezernat der Landeshauptstadt Wiesbaden unterstützt. Der Kurs beginnt im März und umfasst fünf Väterrunden am Lagerfeuer und vier virtuelle Treffen. Termine: 26. März, 30. April, 28. Mai, 25. Juni und 16. Juli – jeweils von 15.30 bis 18 Uhr. Nach dem Auftakt im März wird monatlich ein virtueller stündlicher Austausch angeboten. Kosten: 220 Euro pro Vater.
Leitung: Tom Karcher und Martin Noack. Anmeldung und Informationen: Telefon 0611-524015, info@familienbildung-wi.de, www.familienbildung-wi.de.

Bild oben ©2022 Pixabay

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