Seit Wochen kämpfen sich Schüler, Eltern und Lehrer durch die Krise. Das Homeschooling legt die Versäumnisse bei der Digitalisierung sowie die strukturellen Probleme im Bildungsbereich offen.

Es ist eine noch nie dagewesene Situation. Die Sicherheits- und Hygieneregeln im Zuge von COVID-19 haben und werden auch die nächsten Wochen den Schultag auf den Kopf stellen. Für die nächste Monate ist mit einer Parallelität von Präsenzunterricht und außerschulischen Lernen dem sogenannten Homeschooling, zu rechnen. Das nimmt der Stadtelternbeirat der Landeshauptstadt, um dafür kurzfristig die technischen, personellen und rechtlichen Missstände aufzuzeigen und zu fordern, Abhilfe zu schaffen.

Blended Learning

Eltern und Lehrer fordern ein umfassendes und nachhaltiges Konzept, das die unterschiedlichen Voraussetzungen der Schüler und Lehrkräfte mit einbezieht. Schulen brauchen einen verlässlichen Rahmen für ihr Handeln. Die Kombination von Distanz- und Präsenzlernen, das sogenannten Blended Learning, heißt die große Herausforderung. Entscheidend ist eine sinnvoll geplante Verknüpfung der zwei Phasen durch die Bereitstellung von altersgerechten, bestenfalls fächerübergreifend Arbeitsaufträgen, Materialien und Lernarrangements.

Lehren und Lernen während Corona

Das veränderte Lehren und Lernen braucht einheitliche, verlässliche technische Tools und Methoden und – es will gelernt sein! Die Zeit bis zu den Sommerferien sollte genutzt werden, um die technischen Voraussetzungen zu schaffen, Lernumgebungen und Kommunikationsformen zu definieren sowie Lehrer und Schüler in der Anwendung zu schulen. Dabei muss die Bereitstellung und die Wartung der (technischen) Ausstattung in der Hand der Schulträger und die Weiterbildung der Lehrkräfte bei HKM und den staatlichen Schulämtern liegen.

Es ist zu berücksichtigen, dass große Klassen für die Präsenzphasen aufgeteilt werden, gleichzeitig aber das Homeschooling in hoher Qualität weiterläuft. Immer wird es auch Kinder geben, die zur Risikogruppe gehören, aber gleichberechtigt beschult werden müssen. Dabei ist es wichtig, dass die Schüler mindestens einmal pro Woche am Präsenzunterricht teilnehmen. Die Organisation solch verzahnter Abläufe erfordert Unterstützung der Lehrer und Schulleitungen. Damit die Lehrer nicht am Blended Learning ausbrennen, braucht es Kooperation in den Kollegien, eine gute Koordination seitens der Schulleitungen, aber auch gute Lernbibliotheken mit Lernmaterial angepasst an den hessischen Lehrplan.

Ein neuer Lernalltag

Es ist erwiesen, dass Schüler individuelles Feedback brauchen, Gelegenheit, Fragen zu stellen und Ermunterung von ihren Lehrer. Es geht darum, die direkte Kommunikation zwischen Lehrenden und Lernenden auch außerhalb des Präsenzunterrichts aufrecht zu erhalten. Da reicht es nicht, dass Lehrer einmal pro Woche per E-Mail Arbeitsblätter an ihre Schüler verschicken. Videokonferenzen zwischen LehrerInnen und Schüler müssen zum Lernalltag dazugehören. Jedes Kind aller Altersklassen und Schulformen sollte Zugang dazu haben. Die notwendigen Voraussetzungen (z.B. E-Mail / Accounts für alle LehrerInnen und SchülerInnen, technische Geräte, Internetzugang) sind von den Schulämtern zu schaffen. Die Plattformen müssen für die eigenständige Nutzung durch die Kinder geeignet und der Menge der Kommunikation gewachsen sein und –selbstverständlich – die geltenden Datenschutzkriterien erfüllen. Eine wichtige Rolle kommt der Klassenleitung oder Tutor zu. Diese koordiniert den Lernumfang und die Kommunikation zwischen Klasse und Fachlehrer, achtet darauf, dass alle erreicht werden und kümmert sich bei Problemen. Letztlich ist der Klassenlehrer oder die Klassenlehrerin auch erste Ansprechpartner für die Eltern.

Bildungsungerechtigkeit

Alle Berichte aus den Schulen zeigen, dass die ohnehin Benachteiligten häufig durch das Lernen zu Hause weiter abgehängt werden. Daher ist darüber nachzudenken, ob durch spezielle zusätzliche Lernangebote durch das HKM einer Verschärfung der Bildungsungerechtigkeit entgegengewirkt werden kann. Gerade für diese Schülergruppe ist die Schule eine wichtige Konstanz und Bezugspunkt. Daher geht es nicht nur um technische Ausstattung, sondern auch um soziales Miteinander, Kommunikation und Teilhabe.

Angeleitetes und strukturiertes Lernen

Neben diesen schulorganisatorischen Aspekten müssen auch die rechtlichen Rahmenbedingungen geschaffen werden. Wenn der Präsenzunterricht nicht in gewohnter Form stattfinden kann, brauchen Schüler einen schulrechtlichen Anspruch auf ein angeleitetes und strukturiertes Lernen im häuslichen Kontext. Nach viel Wiederholen und Vertiefen, der sogenannten unterrichtsersetzenden Lernsituation, muss es auch wieder möglich sein, neuen Lehrstoff zu vermitteln und Klausuren und Prüfungen abzulegen. Gesetzliche Änderungen müssen jedoch mit Lehrer- und Elternvertreter erarbeitet werden, um die Praxisrelevanz und die Akzeptanz sicher zu stellen. Die Schulen benötigen für die Sicherstellung des Schulbetriebs unter diesen erschwerten Bedingungen die Unterstützung des Kultusministeriums, der Gesundheitsämter und der Schulträger. Hygieneaufwand, Splittung der Lerngruppen und kombinierte Präsenz- und Distanzlernphasen bedeuten einen erheblichen Organisations- und Personalaufwand für die Schulen. Was fehlt, sind klare, praxisnahe Vorgaben des HKM und die Einbindung von Eltern, LehrerInnen, SchülerInnen und Schulleitungen in den Entscheidungsprozess. Dann kann die aktuelle Situation gemeistert und sogar etwas für die Zukunft der schulischen Bildung gewonnen und mitgenommen werden.

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Die offizielle Internetseite zum Stadtelternbeirat finden Sie unter www.wiesbaden.de.

 

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