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Sarah und Alexander Hodges haben die Patenstaft für Sara und Herbert Epstein. Roland Presber die Patenschaft für Ferdinand Baum.

Fünf neue Stolpersteine in der Herrngartenstraße

Vergangenen Donnerstag wurden in Wiesbaden 20 neue Stolpersteine verlegt: vier davon vor der Hausnummer 17 in der Herrngartenstraße. Insgesamt gibt es damit im gesamten Stadtgebiet von Wiesbaden damit 714 Gedenksteine.

Volker Watschounek 3 Jahren vor 0

Das Aktive Museum Spiegelgasse für Deutsch-Jüdische Geschichte und er Künstler Gunter Demning verlegen in Wiesbaden seit 2008 Stolpersteine: Gedenksteine!

Die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Wiesbaden reicht bis in die Römerzeit zurück. Bis ins 18. Jahrhundert hinein wurden Wiesbadener Juden auf dem jüdischen Friedhof in Wehen beigesetzt. Seit 1750 gab es auch in Wiesbaden einen jüdischen Friedhof. 1869 hat die jüdische Gemeinde ihre große neue Synagoge, die im maurischen Stil von Philipp Hoffmann entworfen worden war, auf dem Michelsberg eingeweiht. Im 19. Jahrhundert noch entstanden zwei weitere Synagogen im Stadtgebiet. In der Nacht der Novemberpogrome 1938 wurden alle drei Synagogen geschändet und beschädigt. Von über 3000 Juden vor 1933 konnte etwa die Hälfte fliehen und den Holocaust überleben. Von den übrigen wurden fast alle aus der Stadt vertrieben oder in die Vernichtungslager deportiert. An sie erinnern 714 Stolpersteine vor den Häusern, wo die Menschen gewohnt oder gearbeitet haben (Stand 10.09.2021): fünf von Ihnen sind Rahel Wechsler geb. Laschkowitz, Samuel Wechsler sowie Herbert Epstein und Sara geb. Wechsler sowie Ferdinand Baum. Sie lebten in der Herrngartenstraße 17 in Wiesbaden-Mitte.

Rahel Laschkowitz

Rahel Laschkowitz wurde am 14. Mai 1882 in Odessa/Russland, heute Ukraine, geboren. Sie war mit dem Schuhmacher Josef Wechsler (Jg. 1868) verheiratet, der 1936 verstarb (Grab: Platter Straße M. l. 2 Nr. 51). Das Ehepaar hatte drei Kinder: Samuel, geboren am 11. April 1910 in Karlsruhe, Sara, geboren am 30. September 1913 in Heilbronn und Russell, die in den Akten des Stadtarchivs erwähnt wird deren Geburts- und Sterbedaten nicht bekannt sind. In Wiesbaden lebte das Ehepaar in der Herrngartenstraße 17.

Samuel Wechsler

Samuel machte eine Ausbildung zum Elektrotechniker und wohnte viele Jahre in der Nerostraße 4. Nach dem Verbot, seinen Beruf auszuüben, war er ohne Einkommen und floh im August 1939 nach Antwerpen/Belgien. Das Mobiliar ließ er in der Wohnung der Mutter zurück. Seine Schwester Sara bemühte sich im Februar 1940 um eine sog. Unbedenklichkeitsbescheinigung, um die Möbel nachzusenden. Sicherlich ohne Erfolg.
Nachdem die Nationalsozialisten Belgien im Mai 1940 erobert hatten, wurden die Juden auch hier registriert, diskriminiert und entrechtet. Wie im Deutschen Reich wurde ein Judenrat eingerichtet, der im Auftrag der Behörden alle Maßnahmen ausführen musste. Samuel erhielt im August 1942 die Aufforderung zum Arbeitseinsatz, der zudem noch freiwillig angetreten werden sollte. Das war eine Täuschung, ein Arbeitseinsatz war nie vorgesehen. Samuel wurde nach nur viertägigem Aufenthalt Im Lager Dossin in Mechelen am 15. August 1942 in einem Sammeltransport nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Sara Wechsler

Sara Wechsler war Verkäuferin und soll u.a. in Essen, Mainz und Dresden gearbeitet haben. 1933 kehrte sie nach Wiesbaden zurück, um den schwer erkrankten Vater zu pflegen. Von 1935 bis 1937 soll sie sich erneut in Essen aufgehalten haben. Vermutlich hat sie hier ihren zukünftigen Ehmann Herbert Epstein kennengelernt. Herbert Epstein wurde am 16. Mai 1900 in Dresden geboren. Die Heirat fand am 23. 12. 1940 statt.
Herberts Eltern Oskar und Klara geb. Mannheim besaßen in Essen eine Steppdeckenfabrik. Herbert hatte 5 Brüder (Bernhard, Karl, Albert, Norbert Walter, Julian), die wie er ein Realgymnasium in Essen besuchten, eine kaufmännische Ausbildung erhielten und zeitweise in der Firma der Eltern beschäftigt waren.
Seit Februar 1941 war Herbert in Wiesbaden gemeldet und wurde im gleichen Monat zur Zwangsarbeit bei der Firma W & J.  Scheid/Straßenbau in Limburg/Lahn verpflichtet, ab August 1941 musste er bei einer Baufirma in Wiesbaden- Erbenheim arbeiten.

Rahel Wechsler

Rahel Wechsler, ihre Tochter Sara Epstein und der Schwiegersohn Herbert wurden am 10. 6. 1942 nach Lublin deportiert. Rahel und Sara starben im Gas von Sobibor. Herbert Epstein wurde in Lublin zu Zwangsarbeit in dem Lager Majdanek selektiert und kam dort am 8. 8. 1942 zu Tode.

Herberts Brüder Bernhard, Jg. 1893 und Karl Jg. 1895 waren wie Samuel nach Belgien geflohen und wurden von dem Lager Mechelen in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und ermordet.
Zu erwähnen bleibt noch, dass der Musiker Eugen Eschwege, für den hier schon ein Stolperstein liegt, von Juni 1939 bis Juni 1942 bei Rahel Welcher zur Untermiete gewohnt hat. Sicherlich hat sie damit auch ihren Lebensunterhalt bestritten.

Ferdinand Baum

Ferdinand Baum wurde als drittes der fünf Kinder von Mayer Baum und dessen zweiter Frau Berta geb. Simon am 12. Juni 1872 in Wiesbaden geboren.  Er wurde Kaufmann und führte einen kleinen Betrieb mit Kellerei-Artikeln für Weinhandlungen und vertrieb Wein und Spirituosen in Kommission. Im Januar 1914 teilte er dem Finanzamt mit, dass er kein Vermögen besitze und das Geschäft ohne eigene Betriebsmittel führe. Eine Prüfung durch das Finanzamt im Dezember 1930 ergab, dass er sein Geschäft in gemieteten Räumen in der Herrngartenstraße 17 führte, wo er auch wohnte und über ein Ladenlokal und ein Büro verfügte. Er besaß weder eine Registrierkasse noch beschäftigte er Angestellte. Im Jahr 1928 war er schwer erkrankt, konnte daher seine Geschäfte nicht führen und es ergaben sich größere Verluste. Am 15. Juli 1931 meldete er sein Gewerbe offiziell ab.

Von diesem Zeitpunkt an lebte Ferdinand Baum in „sehr bescheidenen Verhältnissen“, wie er später auch noch einmal dem Finanzamt gegenüber bestätigt hat. Kleine Beträge verdiente er durch den Verkauf eines Ackers in Bierstadt und als Bevollmächtigter für die Versteigerung des Hausrates emigrierter Juden aus Wiesbaden durch die Firma Julius Jäger. Weiterhin erhielt er Zuwendungen von seinen Geschwistern und weiteren Verwandten. Als er im Februar 1940 sein Vermögen deklarieren sollte, besaß er nichts mehr.
Am 1. September 1942 wurde Ferdinand Baum nach Theresienstadt deportiert, wo er wenig später, am 14. Oktober des gleichen Jahres, zu Tode kam.
Seine Schwägerin Julie Baum geb. Schloss, die Witwe seines zwei Jahre älteren Bruders Max, wurde mit dem gleichen Transport nach Theresienstadt deportiert und am 29. September 1942 in Treblinka ermordet.
Ferdinands ein Jahr jüngere Schwester, Lina Herz geb. Baum, wurde am 21. September 1942, ebenfalls in Treblinka, ermordet.

Bild oben @2021 Volker Watschounek

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Die offizielle Internetseite zu den Stolpersteinen in Wiesbaden finden Sie unter www.wiesbaden.de.

 

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Volker Watschounek lebt und arbeitet als freier Fotograf und Journalist in Wiesbaden. SEO und SEO-gerechtes Schreiben gehören zu seinem Portfolio. Mit Search Engine Marketing kennt er sich aus. Und mit Tinte ist er vertraut, wie mit Bits und Bytes. Als Redakteur und Fotograf bedient er Online-Medien, Zeitungen, Magazine und Fachmagazine. Auch immer mehr Firmen wissen sein Know-how zu schätzen.