Mit dem Schenkungsvertrag zwischen dem Land Hessen und dem Stifter Ferdinand Wolfgang Neess erhielt das Museum Wiesbaden eine der bedeutendsten Privatsammlungen des Jugendstils und des Symbolismus: die Dauerausstellung Jugendstil.

Die Schenkung F.W. Neess umfasst über 500 Objekte auf höchstem Niveau – darunter Möbel, Glas, Gemälde, Lampen, Silber und Keramik. Einen Großteil der Sujets zeigt das Museum Wiesbaden seit dem 29. Juni 2019 auf rund 800 qm Ausstellungsfläche im Rahmen seiner Jugendstil-Dauerausstellung – in einem eigens für die Werke von Neess bereitgestellten Südflügel.

Querschnitt durch alle Gattungen des Jugendstils

Das Hessischen Landesmuseum für Kunst und Natur zeigt mit der größten Schenkung, die das Museum je erhalten hat, die Sammlung des am 26. Januar 2019 in Wiesbaden verstorbenen Mäzens Ferdinand Wolfgang Neess. Sie bildet einen Querschnitt durch alle Gattungen des Jugendstils und verschließt sich dabei keineswegs den wichtigen Positionen des Symbolismus. Die Sammlung veranschaulicht auf beeindruckende Art das Ziel des Wiesbadener Kunstsammlers. Von Beginn an hatte er die Idee des „Gesamtkunstwerks“. Mit der Untrennbarkeit von Kunst und Leben, die der er in seinem Alltag aufgegangen ist sammelte er fast fünf Jahrzehnte lang Objekte, ohne dabei den Blick auf die kontextuelle Geschlossenheit der Sammlung zu verlieren. Diesen Gedanken greift das Museum Wiesbaden auf und stellt die Objekte in geografischen und thematischen Konstellationen miteinander in Bezug.

Landesmuseum (Museum Wiesbaden), kurz gefasst

Daueratsstellung – „Jugendstil. Schenkung F.W. Neess“ – „Federschmuck aus aller Welt“
Wann: seit dem Sommer 2019
Wo: Hessisches Landesmuseum für Kunst und Kultur (Museum Wiesbaden), Friedrich-Ebert-Allee 2, 65185 Wiesbaden (Anfahrt planen!)
Öffnungszeiten: dienstags 10:00 bis 20:00 Uhr, mittwochs und freitags bis sonntags 10:00 bis 17:00 Uhr,  montags geschlossen
Eintritt: 6,00 Euro (Dauerstellung), 10,00 (Sonderausstellung)
Kinder- und Jugendliche freier Eintritt

Freier Eintritt ins Museum Wiesbaden an jedem ersten Samstag im Monat

Die Schenkung F.W. Neess schließt an die Sammlung des 19. Jahrhunderts im Museum Wiesbaden an, welche die glänzende Epoche des Weltkurbades Wiesbaden widerspiegelt und heute einer der Schwerpunkte der Sammlungen des Museums ist. Sie verbindet diese mit der bedeutenden Jawlensky- und Expressionismus-Sammlung des Hauses. Ohne die breite Strömung des Jugendstils hätten die Avantgardekünstler am Beginn des 20. Jahrhunderts in München und Murnau nicht rasch auf die flächenbezogene Kunst des japanischen Farbholzschnitts oder der oberbayerischen naiven Hinterglas-malerei reagiert. Mit der Sammlung Neess ergeben sich auch einprägsame Wechselbeziehungen zur Naturhistorischen Abteilung des Museums: Jugendstil und Symbolismus thematisieren den Kreislauf des Werdens und Vergehens aus der Kraft der Natur. Die Vielzahl floraler Motive stellt ein entscheidendes Ausdruckskriterium dieser Kunst dar.

„Dem Zusammenhang zwischen dem floralen, in der Fläche sich ausbreitenden Ornament des Jugendstils und der zur konsequenten Vereinfachung strebenden Kunst der Maler im Umfeld des Blauen Reiters im Museum Wiesbaden an zahlreichen Beispielen veranschaulichen zu können sei ein großes Glück.“ – Direktor Alexander Klar

Zur Eröffnung der Ausstellung erklärte Alexander Klar, Direktor des Museums Wiesbaden: Die Sammlung findet ihren Ausstellungsort auf der Ebene 1 des Südflügels des Museums, in den historischen Ausstellungsräumen der Nassauischen Altertümer. Damit werden die von Theodor Fischer für die Ausstellung von Objekten und Skulpturen vorgesehenen Räume wieder ihrer ursprünglichen Anmutung als Tageslichtgalerien für Objekte zugeführt. Theodor Fischers Raumfolge ist eine für die Präsentation von Objekten, Möbeln und Interieurs maßgeschneiderte Architektur, die nun wieder ihre ursprüngliche Erscheinung als Ausstellungsräume für eine kulturhistorische Sammlung erhalten hat. Ich danke allen Unterstützern, die es möglich gemacht haben, die Sammlung Neess in diesen Räumen zu zeigen, darunter in erster Linie den Stiftern, dem Land Hessen, der Hessischen Kulturstiftung und der Stadt Wiesbaden.

„Mich ergreift große Dankbarkeit. Ich danke Ferdinand Wolfgang Neess und seiner Frau Danielle im Namen der hessischen Landesregierung und aller künftigen, hoffentlich zahlreichen Besucher des Landesmuseums dafür, dass wir in den Genuss dieser großartigen Sammlung kommen dürfen. Sie zeigt Kunst- und Kulturgeschichte von 1850 bis in die Gegenwart und präsentiert durchgängig Spitzenwerke. Besonders freut mich, dass der Jugendstil ab jetzt mit Wiesbaden einen neuen prominenten Ort auf der hessischen Landkarte bekommen hat.“ – Angela Dorn, Hessische Kunstministerin:

Zur Ausstellung – Der Rundgang beginnt mit historischen Filmaufnahmen der Tänzerin Loïe Fuller (1862-1928), einer Amerikanerin, die sich das kurz zuvor erfundene elektrische Licht auf der Bühne zu eigen machte, und mit ihrem Tanz auf der Pariser Weltausstellung 1900 die Kunstwelt inspirierte. Parallel dazu wird eine bedeutende Quelle für den biomorphen Formenschatz des Jugendstils im Vorraum des Saales der Formenvielfalt mit lithografischen Bildtafeln aus Ernst Haeckels (1834-1919) Kunstformen der Natur vorgestellt, zumal die Natur von Beginn an das Wörterbuch der Jugendstilkünstler bildete. Der folgende Ausstellungsraum beschäftigt sich mit der Idee des „Gesamtkunstwerks“. Eine besondere Rolle spielte dabei auch hier der Einsatz von elektrischem Licht. Die Jugendstilkünstler schufen mit ihrem Fantasie­ und Formenreichtum eine künstlich beleuchtete Welt aus Blumenblättern und Früchten auf transparentem Glas.

„Ferdinand Wolfgang Neess war ein Pionier in der Wiederentdeckung des Jugendstils; er begann zu einem Zeitpunkt zu sammeln, als diese Kunstrichtung nicht hoch im Kurs stand. Wie kaum ein zweiter Sammler hat er sich in den Stil der Jugend eingefühlt, hat deren Credo der Einheit aus Kunst und Leben zu seinem eigenen gemacht. Das von ihm selbst so apostrophierte Bauchgefühl hat ihn niemals im Stich gelassen, war es doch immer von seiner Fachkompetenz geleitet. Mit einer einzigartigen Treffsicherheit hat er sich der Materie angenommen und eine Sammlung aufgebaut, die europaweit ihresgleichen sucht. Sie ist aus dem Geist des Gesamtkunstwerks geboren und selbst zum Gesamtkunstwerk geworden.“ – Peter Forster, Kustos Alte Meister und Jugendstil Sammlung F.W. Neess

Die Kunst sollte insgesamt den privaten Lebensraum vollständig durchdringen, Alltagsgegenstände wurden künstlerisch überformt und das Ideal ging dabei über das bloße Wohnen inmitten der Kunst weit hinaus; erfüllte sich erst in einer existenziellen Verschränkung von Leben und Kunst. Der zweite Raum konzentriert sich auf Art Nouveau in Frankreich. In Form einer begehbaren Skulptur mit Hauscharakter vereint er die wesentlichen Strömungen der floral­ symbolistischen Variante des Jugendstils. Wichtige Positionen sind Hector Guimard und Vertreter der École de Nancy, des Zentrums des Art Nouveau, mit ihren Hauptprotagonisten Émile Gallé und Louis Majorelle. Frauenbilder und Geschlechterrollen um 1900 sind Schwerpunkt zahlreicher Gemälde und Objekte. Ein weiterer Raum ist der Weltausstellung 1900 in Paris gewidmet. Zahlreiche Objekte aus der Sammlung befanden sich in der Kunstausstellung und werden atmosphärisch von originalen Film­ und Bildaufnahmen umfangen. Ferner stellt ein Ausstellungsraum die Wiener Werkstätte und die sogenannte Wiener Secession vor. Der Rundgang endet mit der deutschen Ausprägung des Jugendstils und präsentiert Künstler-positionen zwischen München und Worpswede.

Neess und Jugendstil, Hintergrund

Der Jugendstil, ein künstlerisches Phänomen des ausgehenden 19. Jahrhunderts (ca. 1890 – 1910), formte sich als Antwort auf die Industrialisierung und den Historismus in Europa. Angefangen mit der britischen ‚Arts and Crafts‘-Bewegung suchten Künstler in ganz Europa und darüber hinaus nach einem Stil der Zeit mit eigenem Charakter und definierten die Erscheinungsformen alltäglicher Gegenstände neu. Mit ihrer Kunst reagierten nicht nur Vertreter der bildenden Künste, sondern aller Disziplinen auf die gesellschaftlichen Umbrüche um 1900: Hoffnungen und Ängste wurden in utopischen, mythischen oder dystopischen Motiven festgehalten. Viele von ihnen, darunter Émile Gallé oder Alphonse Mucha, fanden Inspiration in der Natur und verbanden ihre Kunst mit geschwun-genen Linien oder floralen Ornamenten. Aber auch düstere, symbolistische Motive nahmen Einfluss auf die Kunst und Kultur des Fin de Siécle, etwa Franz von Stucks Die Sünde.

Impressionen

Flickr Album Gallery Pro Powered By: Weblizar

Bilder: Ralf Brinkmann

Weitere Nachrichten aus dem Ortsbezirk Mitte lesen Sie hier.

Die offizielle Internetseite vom Museum Wiesbaden finden Sie unter museum-wiesbaden.de.

 

Sie möchten keinen Beitrag mehr verpassen und stets aktuell informiert sein? Dann bestellen Sie doch gleich unseren Newsletter oder folgen uns auf Twitter, Instagram und werden Sie Fan von Wiesbaden lebt!