Bereits von weitem ist erkennbar, welchem künstlerischen Schwergewicht am Donnerstag der diesjährige Jawlensky-Preis der Stadt Wiesbaden verliehen wurde: dem renommierten amerikanische Künstler Richard Serra. Unübersehbar prangt am Bauzaun vor dem Museum Wiesbaden ein riesiges Transparent, ein Hinweis auf die  Ausstellung „Props, Films, Early Works“.

Serra ist der sechste Preisträger und die Jury entschied sich bereits 2014 für ihn. Der Preis wird im Turnus von fünf Jahren vergeben. Die Preisverleihung und die damit verbundene Ausstellung erst jetzt stattfinden zu lassen, ist einerseits dem organisatorischen Aufwand einer solchen Ausstellung geschuldet. Laut Museumsdirektor Dr. Alexander Klar hat das aber auch damit zu tun, dass 2017 wieder die Documenta in Kassel stattfindet. Dadurch erhofft sich das Museum zusätzliche Besucher.

Landesmuseum, kurzgefasst

Was: Ausstellung – „Richard Serra – Props, Films, Early Works“
Wann: 17. März bis 18. Juni 2017
Wo: Hessisches Landesmuseum für Kunst und Natur (Museums Wiesbaden), Friedrich-Ebert-Allee 2, 65185 Wiesbaden (Karte / Navigation)
Eintritt:  10,00 Euro

Der Ausstellungstitel „Props, Films, Early Works“ weist darauf hin, dass frühe, bildhauerische Werke und Filme des Künstlers zu sehen sind. Bei der Pressekonferenz zwei Tage vor Ausstellungseröffnung erklärte der Kurator Dr. Jörg Daur, warum diese Form der Fokussierung gleich in mehrfacher Hinsicht sinnvoll erscheint. Wer Richard Serras aktuelle Werke kennt und um die exorbitante Größe und das damit verbundene Gewicht seiner Skulpturen weiß, dem ist bewusst, dass eine wie immer geartete aktuelle Werkschau organisatorisch und finanziell vom Museum Wiesbaden kaum zu stemmen gewesen wäre.
Die Stadt hat laut Kulturdezernentin Rose-Lore Scholz 100.000 EUR in die Ausstellung investiert. Von der Nassauischen Sparkasse und der Spielbank wird der Jawlensky-Preis ebenfalls maßgeblich finanziell unterstützt

Alleinstellungsmerkmal durch Reduktion

Eine von klugen Köpfen konzipierte Ausstellung kann allerdings aus der Not auch eine Tugend machen, wie das Museum Wiesbaden beweist. Wie bei Richard Serra der Fall, kann der Fokus auf einen Teilaspekt im künstlerischen Betrieb zu einem Alleinstellungsmerkmal werden. Es entstand eine Präsentation von Werken, wie sie in dieser Stringenz seit den 70er Jahren nicht mehr zu sehen war. Außerdem ging es in der Konzeption darum „den heutigen Stahlskulpturen eine Geschichte zu geben“, wie Daur es formulierte.

Richard Serra beschränkt sich bei einen Werken auf  die älteren Werke, die kleiner und leichter sind – wenn bei einem Gewicht von 2 1/2 Tonnen Blei, die seine Skulpturen durchaus wiegen – von „leicht“ überhaupt geredet werden kann. Alleine sind die Skulpturen nicht zu bewegen. Sie sind so schwer, dass sie mit einem Kran in stundenlanger Arbeit aufwändig von Assistenten des Künstlers aufgestellt werden müssen. Und dennoch vermitteln sie dem Betrachter eine luftige Leichtigkeit und Fragilität. Als Absperrung zwischen Besucher und Skulpturen verläuft jeweils eine filigrane Schnur, die den Blick auf die Skulpturen zwar nicht verstellt, aber den Besucher an deren „Gefährlichkeit“ erinnern soll.

Den Skulpturen ist außerdem immanent, dass sie das Ergebnis eines handwerklichen Tuns spiegeln, worauf auch der englische Begriff „props“ des Ausstellungstitels verweist. Deshalb ist es sicherlich kein Zufall, dass die Ausstellung mit der Arbeit „Cutting Device“ beginnt, die explizit den Produktionsprozess thematisiert. Mit „props“ wird aber nicht nur auf die handwerkliche Aktivität des Künstlers verwiesen, sondern auch auf den industriellen Prozess, der sich dahinter verbirgt.

Nostalgisch, museal und im positiven Sinne fast deplatziert

Viele der Skulpturen wurden in der Heinrichshütte in Hattingen hergestellt. Dieser industrielle Entstehungsprozess wird auch in dem Film „Stealmills“ dokumentiert, der ebenso Bestandteil der  Ausstellung ist. Heute ist die Heinrichshütte bezeichnenderweise ein Museum für Eisen und Stahl. Sie gehört zur Route der Industriekultur im Ruhrgebiet. Eine Route, die das Ende der großflächigen industriellen Produktion und der damit verbundenen extremen gesellschaftlichen Umwälzungen dokumentiert. Auch davon zeugen die Skulpturen Serras: sie sind Teil einer industriellen Geschichte und wirken dadurch selbst tendenziell nostalgisch, museal und im positiven Sinne fast deplatziert. Die Skulpturen sind zudem dadurch charakterisiert, dass sie Gegensätze wie „Schwere/Leichtigkeit“, „Verbundenheit/Unverbundenheit“ und „Geschlossenheit/Offenheit“ in sich vereinen. Serra steht in der Tradition „die Skulptur vom Sockel zu holen“ nimmt aber gerade durch seine Werke auch eine einzigartige Position ein, indem er grundlegende Fragestellungen des plastischen Schaffens und das Zusammenspiel Werk/Rezipient sowie die Prozesshaftigkeit in seinen Werken thematisiert und dem Betrachter unaufdringlich vor Augen führt bzw. in seinen späteren Arbeiten körperlich erfahrbar macht. Dank der Arbeit des umsichtigen Kurators Daur, werden die vielfältigen Sichtweisen auf die ausgestellten Werke Serras in der Ausstellung betont und nicht verstellt.

„He is completely satisfied“

Richard Serra kann aufgrund von einer Erkrankung anlässlich der Eröffnung nicht anwesend sein, allerdings ist seine langjährige Atelierleiterin Trina Mckeever für drei Tage aus New York angereist und antwortet auf die Frage, wie Richard Serra die entstandene Ausstellung bewertet mit den Worten: „He is completely satisfied“. Der Künstler ist zufrieden, das Museum kann es auch sein. Die Zusammenarbeit ist offensichtlich sehr konstruktiv verlaufen. Auf die Frage, ob – wie bei anderen Preisträgern auch – ein Werk Serras erworben werden kann oder als Dauerleihgabe im Museum verbleibt, antwortete Museumsdirektor Klar mit einem verschmitzten Lächeln, dass die Fühler bereits in diese Richtung ausgestreckt wurden und im Hintergrund daran gearbeitet werde. Dann bleibt nur, die Daumen zu drücken, dass dies gelingt.

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