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Torsten Anstädt, Oli Dürr und Andrea Hausy erläutern das Inklusionsprojekt „Touched by art“

Kunst baut Brücken: Inklusionsprojekt „Touched by art“ startet

Kunst verbindet in Wiesbaden Menschen mit und ohne Beeinträchtigung. „Touched by art“ startet im Rathaus und setzt auf Begegnung, Dialog und gemeinsames Schaffen. Ein Projekt, das nicht nur Werke zeigt, sondern Prozesse sichtbar macht und die Stadtgesellschaft bewegt.

Volker Watschounek 6 Tagen vor 0

„Touched by art“, das inklusive Kunstprojekt bringt Menschen zusammen. Begegnung, Dialog und Arbeit zeigen, wie Inklusion im Alltag wirklich funktioniert.

Der Festsaal im Wiesbadener Rathaus hat sich am Mittwochvormittag langsam gefüllt. Stimmen mischen sich, Stühle rücken, irgendwo wird noch ein Mikrofon justiert. Dann tritt Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende nach vorne – und wird persönlich. „Seien sie alle sehr herzlich begrüßt“, sagt er, fast wie in einer kleinen Runde. Und gleich danach wird klar, worum es ihm geht: „Es gehört ins Herz der Stadt – und nicht an den Rand.“

Touched by art

April bis Mai 2026 Tandem-Arbeit in den Ateliers der Künstler im Palasthotel.

Mittwoch, 13. Mai 2026
17.30 Uhr, Filmvorfühurng in der Caligari Filmbühne
„Zeppelin oben rechts“ in Kooperation mit Touched by art

Donnerstag, 25. Juni 2026
19:00 Uhr, Versteigerung einzelner Kunstwerke im Museum Reinhard Ernst in Kooperation mit Christie’s;

Freitag, 17. Juli, bis Sonntag, 23. August 2026
Ausstellung im Bellevue Saal, Wilhelmstrasse 32
Ausstellungseröffnung 17. Juli 2026, 19:00 Uhr.

Gemeint ist das Projekt Touched by art – Kunst berührt inklusiv. Ein Projekt, das Menschen zusammenbringt. Nicht nebeneinander, sondern miteinander – getragen von der Landeshauptstadt Wiesbaden und der EVIM Teilhabe gGmbH als Hauptträger.

Stimmen aus dem Projekt: „Wir probieren das zusammen“

Dann wird es im Saal still. Das Licht dimmt sich leicht, ein Film beginnt. Keine große Inszenierung, keine dramatische Musik – stattdessen Gespräche. Echt, tastend, manchmal suchend. Zwei Künstler sitzen sich gegenüber, ein Tisch zwischen ihnen, darauf Skizzen, Farbkarten, ein paar Notizen. Man merkt sofort: Sie kennen sich noch nicht lange. Und doch entsteht in diesen Minuten etwas, das sich nicht planen lässt.

„Ich sehe Musik in Formen“, sagt einer. Er beschreibt, wie sich Klang in Linien übersetzt, wie Rhythmen zu Strukturen werden. Er spricht ruhig, fast vorsichtig. Sein Gegenüber hört zu, nickt, greift den Gedanken auf. „Dann könnten wir das verbinden“, sagt er. Form und Klang. Vielleicht in einer Skulptur – oder in mehreren Ebenen. Ein kurzer Moment der Stille. Kein Zweifel, kein Widerspruch. Sondern ein Weiterdenken.

„Wir probieren das zusammen aus“, sagt die Künstlerin schließlich. Ein Satz, der nicht groß klingt. Kein Konzept, kein fertiger Plan. Aber genau darin liegt seine Kraft. Es geht nicht darum, sofort zu wissen, wohin es führt. Es geht darum, sich einzulassen. Ein anderer Teilnehmer spricht später über seine Arbeit. „Manchmal fehlen mir die Worte“, sagt er. „Dann male ich. Dann geht es einfacher.“ Er lächelt dabei, fast ein wenig entschuldigend – und zugleich überzeugt.

Im Saal wird es noch stiller. Kein Rascheln, keine Bewegung. Die Menschen schauen, hören, nehmen auf. Was hier sichtbar wird, ist kein fertiges Ergebnis. Es ist der Beginn eines Prozesses. Ein vorsichtiges Annähern. Ein gemeinsames Suchen. Und vielleicht genau der Moment, in dem „Touched by art“ beginnt zu wirken – auch über Wiesbaden hinaus, unterstützt von internationalen Künstlern wie Udo Lindenberg, Yayoi Kusama und Gerhard Richter.

„Berühren geht nicht allein“

Dann tritt Holger Thewalt von EVIM nach vorne. Er wirkt konzentriert, fast nachdenklich – und spricht mit einer Klarheit, die im Raum sofort ankommt. „Berühren geht nicht allein“, sagt er. Eine kurze Pause folgt. „Dafür braucht man ein Gegenüber.“ Ein Satz, der zunächst schlicht klingt – und dann nachwirkt. Der EVIM-Gecshäftsführer Thewalt lässt ihn stehen, erklärt ihn nicht sofort. Er schaut ins Publikum, zu den Künstlern, zu den Unterstützern. Dann führt er den Gedanken weiter.

Berührung, sagt er, bedeutet mehr als Nähe. Sie entsteht im Austausch, im Dialog, im gemeinsamen Erleben. „Es geht darum, sich einzulassen. Auf den anderen. Auf das, was entsteht, wenn man nicht alleine bleibt.“ Thewalt spricht von Möglichkeitsräumen – nicht als abstrakten Begriff, sondern als etwas sehr Konkretes. Räume, in denen Menschen ausprobieren dürfen. In denen sie Fehler machen, neu beginnen, sich entwickeln. Räume, die nicht festlegen, sondern öffnen. „Das sind Räume für Begegnung“, sagt er. „Räume, in denen etwas wachsen kann.“

Man merkt, dass er nicht über ein Konzept spricht, sondern über Erfahrung. Über viele Gespräche, viele Treffen, viele kleine Schritte, die dieses Projekt getragen haben.

Dann richtet er den Blick bewusst auf die Künstler im Saal. Einige sitzen vorne, andere weiter hinten. Manche schauen zurück, andere senken kurz den Blick. „Sie sind heute die Hauptpersonen“, sagt er. Kein Pathos, kein großes Ausrufezeichen. Eher eine Feststellung. Und genau deshalb wirkt sie. Denn plötzlich verschiebt sich der Fokus – weg von Organisation und Struktur, hin zu den Menschen, die in einem Film gezeigt werden, die jetzt beginnen zu arbeiten, zu suchen, zu gestalten.

Beteiligte Künstler

International und national bekannte Künstler wie Marion Eichmann, René Dantes, Katrin Kampmann, Helge Leiberg, Eva Ohlow, Thomas Reifferscheid, Renata Tumarova, Silvia Willkens, Miriam Vlaming und Susanne Zuehlke machen mit.
Die Künstler mit Beeinträchtigung werden von verschiedenen Trägern der Eingliederungshilfe begleitet, darunter EVIM, IFB Stiftung, Facettenwerk, Vitos, Werkgemeinschaft sowie „Eigenart“ / die Kunstwerker. Ergänzt wird das Projekt durch ein begleitendes Tandem im Bereich Musik und Literatur

Zehn Tandems, viele Wege

Ab jetzt beginnt die eigentliche Arbeit. Was im Festsaal startet, verlagert sich in die Ateliers – konkret in barrierefreie Räume im Palasthotel. Zehn Tandems ziehen dort ein, jeweils zwei Menschen, die sich meist zuvor nicht kannten. Ein Künstler mit Beeinträchtigung, ein Künstler ohne. Zwei Perspektiven, zwei Biografien, zwei Arten zu arbeiten. Und genau darin liegt der Reiz.

Am Anfang steht kein fertiger Plan. Stattdessen ist dem Prozess ein erstes Kennenlernen voraus gegangen – begleitet von Christine Rother-Ulrich und filmisch dokumentiert. Der Film fragt: Wer arbeitet wie? Welche Materialien liegen bereit? Was fühlt sich vertraut an – und was völlig neu? Manche beginnen sofort, greifen zu Farben, zu Ton. Andere zögern, beobachten, fragen. „Wie machst du das normalerweise?“ oder: „Wollen wir das gemeinsam ausprobieren?“

Die Rollen bleiben offen. Mal führt der eine, mal die andere. Ideen entstehen spontan oder wachsen langsam. Eine Künstlerin sagt im Film: „Manchmal gibt es nicht die richtigen Worte.“ Sie hält inne, sucht – und findet: „Dann ist es einfacher, das mit Farben zu machen.“ Dieser Moment bleibt hängen. Kommunikation ohne Umweg. Ausdruck ohne Übersetzung. Ein gemeinsames Arbeiten, das nicht alles aussprechen muss, um zu funktionieren.

Ein anderer Künstler beschreibt es ähnlich. Während er an einer Skulptur arbeitet, spricht er über Rhythmus und Bewegung. „Das läuft einfach mit“, sagt er. „Während man arbeitet.“ Prozesse entstehen, die nicht linear verlaufen. Ein Bild wird begonnen, überarbeitet, weitergegeben. Einer setzt an, der andere führt fort. Manchmal passt es sofort. Manchmal nicht. Dann beginnt alles von vorn.

Es geht nicht um das perfekte Ergebnis. Es geht um den Weg. Um Unsicherheit, Vertrauen – und darum, dass etwas entsteht, das keiner allein geschaffen hätte. Vielleicht ist genau das der Schlüssel: nicht zu wissen, was am Ende steht – und trotzdem anzufangen.

Gruppenfoto: Auftaktveranstaltung zu „Touch by Art“ im Festsaal des Wiesbadener Rathauses mit den Beteiligten Künstlern sowie Unterstützern und Sponsoren. ©2026 Volker Watschounek

Wiesbaden schaut zu – und macht mit

Das Projekt bleibt nicht in den Ateliers. Was dort entsteht, wird öffentlich sichtbar. Die Werke werden später im Museum Reinhard Ernst präsentiert, anschließend in Kooperation mit Christie’s versteigert – zugunsten zukünftiger inklusiver Kunstprojekte. Danach folgen eine Ausstellung im Bellevue-Saal sowie ein begleitendes Filmprogramm, in der Caligari FilmBühne. An diesem Vormittag im Rathaus spielt all das noch keine Rolle.

Im Festsaal zählt nicht das fertige Werk. Nicht der Marktwert. Nicht die Wirkung nach außen. Hier zählt der Moment, in dem etwas beginnt. Man spürt das im Raum – in Gesprächen nach der Veranstaltung, in kleinen Gruppen, die stehen bleiben. Menschen tauschen sich aus, lernen sich kennen, verabreden sich. Kontakte entstehen beiläufig – und genau deshalb tragen sie.

Ein Künstler sagt im Vorbeigehen: „Ich bin gespannt, was passiert.“ Kein großer Satz. Aber einer, der offen bleibt. Vielleicht ist es genau diese Offenheit, die das Projekt trägt. Denn Touched by art fordert nicht nur die Beteiligten heraus. Es richtet sich auch an die Stadt. An die, die zuschauen – und an die, die bereit sind, sich einzulassen.

Wiesbaden schaut nicht nur zu. Wiesbaden wird Teil davon. Das zeigt sich schon jetzt: in der Unterstützung vieler Träger, im Engagement Einzelner, in spontanen Gesten. Menschen bieten Hilfe an, organisieren Räume, bringen Material, schenken Zeit.

Es ist diese Bewegung, die das Projekt größer macht als seine Idee. Und vielleicht ist es genau das, was bleibt.

Foto – Torsten Anstädt, Oli Dürr und Andrea Hausy und „Touched by art“ ©2026 Volker Watschounek

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