Weniger Menschen, leisere Töne: Der Ostermarsch 2026 in Wiesbaden bleibt politisch – und zeigt, wie sich die Friedensbewegung verändert.
Der Platz vor dem Wiesbadener Hauptbahnhof füllte sich an diesem Karsamstag langsam. Transparente wurden ausgerollt, Stimmen fanden sich, doch die große Wucht vergangener Jahre blieb aus. Wer genau hinsah, zählte rund 200 Menschen – weniger als noch vor zwei Jahren. Und trotzdem: Die Friedensbewegung war da. Sie sprach, sie widersprach, sie ging los.
Büchel – Zentrum der nuklearen Teilhabe
Der Fliegerhorst Büchel (ICAO-Code: ETSB) liegt in Rheinland-Pfalz nahe der Verbandsgemeinde Ulmen im Landkreis Cochem-Zell. Er dient dem Taktischen Luftwaffengeschwader 33 als militärische Basis der deutschen Luftwaffe.
Seit 2004 gilt Büchel als der einzige Standort in Deutschland, an dem Kernwaffen der Streitkräfte der USA gelagert werden. Nach dem Abzug der Waffen aus Ramstein im Jahr 2005 konzentriert sich die sogenannte nukleare Teilhabe der NATO hier.
Deutsche Soldaten trainieren in Büchel mit Tornado-Kampfflugzeugen den Einsatz amerikanischer B61-Atombomben. Damit bleibt der Standort ein zentraler Baustein der Abschreckungsstrategie – und zugleich ein politisch umstrittener Ort innerhalb der Friedensbewegung.
Zwischen Tradition und Gegenwart
Der Ostermarsch gehört zu den Ritualen der deutschen Protestkultur. Seit den 1950er Jahren ziehen Menschen durch Städte, fordern Abrüstung, warnen vor Krieg, hoffen auf Vernunft. In Wiesbaden begann der Tag mit einer Auftaktkundgebung auf dem Bahnhofsvorplatz – ein Ort, an dem sonst Reisende eilen, Züge kommen und gehen. An diesem Vormittag blieben einige stehen.
Die Redebeiträge griffen große Themen auf: Atomwaffen, militärische Aufrüstung, geopolitische Konflikte. Besonders häufig fiel der Name Büchel. Dort lagern weiterhin US-Atombomben, deren Abzug viele fordern. Deutschland solle dem Atomwaffenverbotsvertrag beitreten, hieß es. Atomwaffen seien illegal, ihr Besitz widerspreche dem Völkerrecht.
Ein Redner zeichnete ein düsteres Szenario: Im Fall einer Eskalation werde Büchel in der Verbandsgemeinde Ulmen im Landkreis Cochem-Zell in Rheinland-Pfalz selbst zum Ziel. Die Worte klangen drastisch, fast apokalyptisch. Und doch nickten viele im Publikum.
Konflikte der Gegenwart
Andere Stimmen weiteten den Blick. Sie sprachen über die Kriege in der Ukraine, im Nahen Osten und in weiteren Krisenregionen. Sie kritisierten geopolitische Machtspiele, warfen Regierungen vor, wirtschaftliche Interessen über Menschenrechte zu stellen.
Eine Rednerin thematisierte die Lage der Kurden und griff dabei auch die deutsche Politik an. Sie sprach von einem „Rechtsruck“, von wachsender Intoleranz und davon, dass sich Menschen klar positionieren müssten. Ihre Worte fanden Zustimmung – Applaus, aber auch nachdenkliche Gesichter.
Immer wieder fiel der Satz: Krieg ist kein Naturgesetz. Die Friedensbewegung hält an dieser Überzeugung fest, auch wenn die Weltlage dagegen zu sprechen scheint.
Weniger Menschen, andere Töne
Auffällig blieb die geringere Teilnehmerzahl. Die Veranstalter hatten mit rund 300 Menschen gerechnet. Gekommen waren etwa 200. Das ist kein Einzelfall. Seit den 1990er Jahren verliert die Bewegung an Breite. Große Mobilisierungen wie in den 1980er Jahren – damals gingen Hunderttausende auf die Straße – scheinen weit entfernt.
Stadtrat Hartmut Bohrer, Die Linke, erinnerte an jene Jahre, als in Bonn 300.000 Menschen demonstrierten. Damals ging es um den NATO-Doppelbeschluss, um Pershing-Raketen, um atomare Abschreckung. Heute wirken die Parolen moderater, fast vorsichtig. Provokante Slogans von früher sind verschwunden. Stattdessen dominieren Appelle, die mehrheitsfähig wirken sollen.
Vielleicht liegt darin ein Teil der Erklärung: Die Bewegung hat sich verändert. Sie sucht Anschluss an eine breitere Öffentlichkeit, verliert dabei aber ein Stück ihrer alten Wucht.

Zwischen Zweifel und Hoffnung
Und doch blieb der Ostermarsch mehr als nur ein Ritual. Menschen kamen zusammen, hörten zu, diskutierten. Einige hielten Schilder hoch, andere schwiegen. Viele gingen schließlich gemeinsam los – durch Wiesbaden, durch Straßen, die den Alltag kannten und an diesem Tag für einen Moment politisch wurden. Zogen zum Mauritiusplatz, wo am Ende die Hauptkundgebung stattgefunden hat.
Fest steht: Die Friedensbewegung wirkt leiser als früher. Aber sie verschwindet nicht. Sie passt sich an, ringt um Relevanz, sucht neue Worte für alte Fragen. So bleibt am Ende kein großes Pathos. Kein historischer Moment. Aber ein Bild: rund 200 Menschen, die sich nicht abfinden wollen. Die gehen, auch wenn es weniger geworden sind.
Foto ©2026 Volker Watschounek
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