Poetikdozent Saša Stanišić stellt sich vor: Er mag die meisten Menschen. Im Gespräch mit ihm merkt man das  Ihn interessieren Barmherzigkeit und Warmherzigkeit – mehr als ihre Gegenteile, sagt er in der SZ.

Es dauerte nur wenige Minuten und Saša Stanišić hatte das Publikum im G-Gebäude der Hochschule RheinMain auf seiner Seite. Bestens aufgelegt erzählte er im voll besetztem „Hörsaal“ davon, dass er Städte gerne auf eigene Faust mit Smartphone erkunde. Das er stets versuche, Laufen zu gehen. Etwa in Bielefeld – die Stadt war gerade genannt, musste der 41-Jährige auch schon schmunzeln. Einige Studenten stimmten in das Schmunzeln ein. Das zeigte, die Verschwörungstheorie ist bekannt, nicht nur bei Stanišić: und Bielefeld gibt es nicht. 😉

„Mit der deutschen Sprache kann ich Bedeutungen viel präziser lenken, ganze Milieus reproduzieren.“Saša Stanišić

Bestens aufgelegt gab der in Višegrad, Jugoslawien, Geborene am Donnerstagnachmittag seinen Einstand als Poetikdozent der Hochschule RheinMain. Mal ernst, mal humorvoll gewährte Stanišić im Gespräch mit Prof. Dr. Michael May vom Fachbereich Sozialwesen Einblicke in seine Arbeit als Schriftsteller, die eng mit seiner persönlichen Biografie verbunden ist. So reihten sich zahlreiche Episoden aus seinen ersten Jahren in Deutschland aneinander. Der Dozent erzählte von seinen ersten Versuche, schriftstellerisch tätig zu werden. Er erzählte von Beobachtungen, Rückblicke die immer wieder Eingang in seine Werke fanden und finden.

„Ich wurde 1998 nicht abgeschoben, weil der Sachbearbeiter in der Ausländerbehörde mehr als nur Dienst nach Vorschrift tat.“ – schreibt Saša Stanišić in seinem Bestseller „Herkunft“

Sein erstes Gedicht schrieb Stanišić im Alter von 15 Jahren. Er war gerade erst aus Jugoslawien nach Deutschland geflüchtet. Er schrieb in deutscher Sprache. In welcher auch sonst – vor der Sprache zeigte er keinen und sehr viel Respekt zugleich, erzählte er. Mit Deutsch seien Gedanken und Bedeutungen präziser zu lenken. In seiner serbokroatischen Muttersprache gerieten seine Texte dagegen zu emotional. Sie wirkten dann kitschig.

 „Brüche sind Quellen für Geschichten.“– Saša Stanišić, für ihn gilt das in besonderer Weise

Nicht fehlen durfte natürlich sein neuestes Werk, für das Stanišić im Oktober mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde. Aus seinem autobiografischen Roman Herkunft las er das Kapitel Dr. Heimat, in dem er zunächst von seiner Kariesbehandlung durch einen deutschen Zahnarzt erzählt. Es schließlich mit der Annäherung zweier sich fremder und völlig unterschiedlicher Personen. So stand im Vorlesungssaal Zentrum des Gesprächs immer wieder die bewegende Biografie des 41-Jähringen. Eine Biografie, der er heute viel Positives abgewinnen kann.

Antrittsvorlesung Sasa Stanisic, Hochschule Rhein-Main

Antrittsvorlesung Sasa Stanišić, Hochschule Rhein-Main

Ausblick Vorlesung

Seine erste Vorlesung im Rahmen der Poetikdozentur hält Stanišić am 19. Februar in den Räumlichkeiten der Hochschul- und Landesbibliothek, eine zweite folgt am 29. April. Im Kulturforum Wiesbaden liest Stanišić am 2. April und 13. Mai. Inhaltlich geht es darum, wie ein Roman, dessen Erzählung nicht in der Gegenwart stattfindet, entsteht? Wie schreibt man einem historischen Stoff Gegenwart ein? Wie ist der Stellenwert von Recherche für einen fiktionalen Text – wie lassen sich Fakten in Geschichten transportieren? Wieso schaffen es vierzig erwachsene Männer Materialien für den Bau einer ganzen Mühle über den Ozean zu verschiffen und haben dann aber vor Ort niemanden, der sich mit dem Bau von Mühlen auskennt? Wie ist es eigentlich, der jüngere, unbekannte Bruder von Georg Büchner zu sein? Wie bringt man einem Komantschen deutsche Redewendungen bei? Wie schreibt man eigentlich einen modernen Western? Und was hat Bettina von Arnim mit all dem zu tun?“ Die vielen Fragen könne er auch nicht beantworten, so Stanišić. Er findet es aber vielleicht in Wiesbaden heraus.

Weitere Informationen zur aktuellen Poetikdozentur.

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Die offizielle Internetseite der Hochschule RheinMain finden Sie unter www.hs-rm.de.

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