Neujahrsempfang der IHK Wiesbaden unter dem Motto „The Change“: Die Zukunft verlangt verändertes Handeln bei Energie, Infrastruktur und Fachkräftegewinnung.

Gefordert sind der Wille und die Bereitschaft zu Veränderung, Wandel und Erneuerung – kurzum The Change muss her, dem Motto vom Neujahrsempfang der Industrie und Handelskammer Wiesbaden (IHK) in den Räumen der Casino-Gesellschaft entsprechend. In wechselnden Gesprächsrunden erlebten rund 300 Gäste aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft diese von Fachleuten teils dringlich formulierte Aufforderung zum Wechsel in der Energiepolitik, der Infrastruktur, der Fachkräftegewinnung und der Bil-dung.

„Die Zeit drängt! Multiple Krisen stellen unsere Gesellschaft und Wirtschaft auf eine harte Probe. Nur gemeinsam, entschlossen und mit Mut können wir un-sere Region jetzt nach vorne bringen.“ – Dr. Christian Gastl. 

Dringenden Handlungsbedarf auch im Bereich der Mobilität sieht IHK Präsident Dr. Christian Gastl gegeben, der bislang das Fehlen einer deutlichen Zukunftsperspektive beklagt. Die Mobilität und damit auch die Attraktivität einer Region sei ein wesentlicher Faktor bei der Gewinnung von Fachkräften, die, wie IHK-Hauptgeschäftsführerin Sabine Meder auf dem Neujahrsempfang einräumt, auch die Kammer vor Herausforderungen stelle. Gleich zu Beginn des rund zweistündigen Talks, an dem auch Hessens Ministerpräsident Boris Rhein (CDU) teilnahm, blickte sie unter anderem auf die Vollversammlungswahl, die 2024 erstmals rein digital durchge-führt wird. Dabei gab es auch einen besonderen Appell an die Unternehmerinnen im Kammerbezirk, sich zu engagieren.

„Ehrenamtliches Engagement in der IHK bringt allen Seiten etwas und je vielfältiger unsere Vollversammlung ist, desto stärker ist die Stimme der Wirtschaft.“ – Sabine Meder. 

Frauen sind nach Ansicht von Professor Marcel Fratzscher, Leiter des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), eine von insgesamt drei Stellschrauben, an denen im Interesse einer großen Transformation der Wirtschaft gedreht werden müsse. Das Potenzial gut ausgebildeter Frauen werde zu wenig genutzt, meint der Ökonom, der ferner für Veränderungen bei der Anwerbung von Fachkräften aus dem Ausland plädiert. „Die 2010-er Jahre sind extrem erfolgreich gewesen und das hat uns etwas faul gemacht“, meint der Professor für Makroökonomie an der Humboldt-Universität zu Berlin, der einen 160 Milliarden Euro Investitionsstau bei den Kommunen bemängelt. Fratzscher, obgleich eigentlich optimistisch, ist besorgt, dass Deutschland die wirtschaftliche, ökologische und ökonomische Transformation verschlafen könne. Ein Beispiel: Inakzeptable bürokratische Hürden, wodurch von der Antragstellung bis zum Bau eines Windrades sieben Jahre vergingen, dabei, so der Ökonom, ist die Ener-gie für die Transformation extrem wichtig. Wir müssen schneller werden, räumt Ministerpräsident Rhein ein, der die zur Bewältigung der aktuellen Energiekrise greifende Strom- und Gaspreisbremse trotz schuldenfinanzierten Geldes als riesigen Kraftakt würdigt. IHK-Präsident Gastl begrüßt die Preisbremsen, sieht allerdings die zahlreichen Meldepflichten für große Unternehmen kritisch. 

„Die 2010-er Jahre sind extrem erfolgreich gewesen und das hat uns etwas faul gemacht.“ – Professor Marcel Fratzscher

Flankiert wurde der nach zweijähriger pandemiebedingter Abstinenz erste persönliche IHK-auf dem Neujahrsempfang, der von IHK-Pressesprecher Roland Boros moderiert und von Neela musikalisch umrahmt wurde, durch Videos. In kurzen Einspielungen schickten Günter Berz-List, Schwälbchen Molkerei (Bad Schwalbach), Sophie Egert, Weingut Egert (Hattenheim) und Dina Reit, SK Laser (Wiesbaden), Fragen zu den Themen Infrastruktur, Energiepreise und Fachkräftemangel in die Runde. Mehr Investitionen in die Infrastruktur fordert IHK-Präsident Gastl ein: „Wir haben zu lange von der Substanz gelebt. Jetzt brauchen wir endlich den Change bei der Planung, Genehmigung und dem Ausbau der Infrastruktur.“ Gastl präsentiert auch frische Berechnungen für den durch den Ausfall der Salzbachtalbrücke verursachten Schaden.

„Es ist gut, dass es mit der Salzbachtalbrücke vorangeht. Trotzdem, der wirtschaftliche Schaden für unsere Region hat sich schon auf mehr als 170 Mio. Euro summiert.“ – Dr. Christian Gastl

Auch mit dem Blick auf den Fachkräftemangel forderte Gastl eine Stärkung der Infrastruktur, außerdem eine Qualifizierung, die sich stärker am Bedarf orientiert und grundsätzlich höhere Investitionen in die Schulen. Ministerpräsident Boris Rhein warb dafür, dass ausländische Berufsqualifikationen und Bildungsabschlüsse leichter anerkannt werden. Vereinfachte Verfahren seien wichtig, um dem Fachkräftemangel in Deutsch-land entgegenzuwirken. 

Neujahrsempfang der IHK in den Räumen der Casino Gesellschaft Wiesbaden

Foto: Neujahrsempfang der IHK in den Räumen der Casino Gesellschaft Wiesbaden v.l.n.r. IHK Präsident Dr Christian Gastl, Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende, Landrat Frank Kilian, Moderator Roland Boros.

Um Fachkräfte buhlen derzeit auch die Stadt Wiesbaden (dies im Schulterschluss mit zahlreichen Landes- und Bundesbehörden) und der Rheingau-Taunus-Kreis. Wiesba-dens Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende und Frank Kilian, Landrat des Rheingau-Taunus-Kreises, skizzierten in ihren Statements ihre individuellen Bemühungen um die Förderung der Gründer:innen-Szene in Stadt und Region und die Attraktivitätssteige-rung und Belebung von Innenstädten. Einen positiven Schub im Bereich der kulturellen Vielfalt Wiesbadens erwartet sich Oberbürgermeister Mende vom Baustart im Walhalla, Landrat Kilian verspricht sich viel von einem „virtuellen Gründerhaus“, das Anregungen, Tipps und Unterstützungsangebote für eine Unternehmensgründung bündelt. 

„Lassen Sie uns nicht länger verharren, sondern verändern.“ – Dr Christian Gastl

Um „The Change“ realisieren zu können, „muss die Akzeptanz in der Bevölkerung ge-stärkt werden“, ist DIW-Chef Marcel Fratzscher überzeugt. Veränderung komme für viele Menschen einer Bedrohung gleich, da sie vor unbekannte Herausforderungen ge-stellt würden. Ganz im Sinne des Ökonomen appelliert auch Oberbürgermeister Mende an den Zusammenhalt: „Eine solidarische Gesellschaft schafft viel mehr als eine individualisierte Gesellschaft.“ Boris Rhein kündigt für den Weg der Transformation einen vertrauensvollen und intensiven Dialog mit der Wirtschaft an: „Die IHK ist dabei ein wichtiger Impulsgeber“. Und trotz der schwierigen Ausgangslage sieht IHK-Präsident Gastl genügend Gründe für Zuversicht.

Foto oben v.l.n.r. Moderator Roland Boros, Ministerpräsident Boris Rhein, IHK-Präsident Dr. Christian Gastl, Professor Marcel Fratzscher ©2022 IHK Wiesbaden/Josh Schlasius

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Die offizielle Internetseite der IHK-Wiesbaden finden Sie unter www.ihk-wiesbaden.de.

 

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