Ein Bühnentier, eine Rampensau, ein Hasardeur und Gaukler: Das ist Chilly Gonzales. Es geht auch kürzer: Gonzales ist eine geniale Erfindung.

Ich kannte ihn bis dahin nur aus dem Frühstücksfernsehen – und bin seit vergangenem Sonntag Chilly Gonzales Fan. Der verschmitzte Pianist und Entertainer wusste das dank Hygieneregeln höchstens halb gefüllte Kurhaus am Sonntag bestens zu unterhalten. Auf unorthodoxe Weise im Bademantel mit einer gelben und einer grünen Socke aus der Ferne fast clownesk anzuschauen, zog er sein Publikum zunehmend in seinen Bann. Mit einem anderthalb Stunden Programm, ausgehend von seinem 2004 erschienenen Album „Solo Piano“. Darauf kam er immer wieder zurück, zwischendurch unternahm er aber Ausflüge durch Kompositionen, die nur schwer einem Genre zuzuordnen sind. Mehr und mehr wie Kammermusik anmutend, von impressionistischen Passagen und kleinen Kostbarkeiten zwischen Jazz und Blues durchzogen. Mit kurzen, humorvollen Moderationen gewürzt.

Mainstream

Apropos Jazz: Aus Take Five machte er Take Four, dann Take Three. Ungewohnt, neu, anders. Die überwiegend allermeiste Musik, die wir im Radio hören,  findet im 4/4 Takt statt. Interessant Chillys These, es würde den Zuhörern nicht mehr zugetraut, einen Dreiviertel oder gar Fünfvierteltakt erfassen zu können, durch den Mainstream geprägt und mit solchen Finessen überfordert. Der Musikinteressierte horcht auf und erlebt dabei etwas!

Jazzpolizisten

Und recht hat er, wenn er sagt, dass Jazz häufig nur von Jazzmusikern für Jazzmusiker gespielt wird. Unter Musikern wird die Jazzpolizei gefürchtet. Das sind musiktheoretisch bewanderte Kritiker, die die Nase rümpfen, wenn jemand „nur“ Pop oder gar Blues spielt. Oft grauhaarig und ein wenig hüftsteif sind Jazzpolizisten. Ganz anders Chilly Gonzales. Nonchalant, entspannt, er spielt für die Menschen im Saal. Die amüsieren sich köstlich, wenn er in die Kamera, die seine Finger in Echtzeit auf die große Leinwand über der Bühne projiziert, Schilder hält. „Gude“ – „Ei Gude“ – „Ei Gude wie“ – „Eier Gude wie“ – „Fuck Mainz“ – Der große Saal lacht laut. Ich mit.

Danke für einen lazy, chilly sunday afternoon. (Text Alexander von Wangenheim)

Zur Person Chilly Gonzales

Chilly Gonzales ist der Bruder des Filmkomponisten Christophe Beck. Er studierte zunächst Jazz-Piano an der Concordia University in Montreal, wandte sich dann aber der Popmusik zu und arbeitete mit den kanadischen Musikern Feist, Peaches und Mocky zusammen. Außerdem wirkte er an den Alben Multiply von Jamie Lidell und Secret House Against the World von Buck 65 mit. Er lebte zeitweise in Berlin und Paris und hat sich 2011 in Köln niedergelassen.

Jazz & more beim Rheingau Musik Festival

14.7.    17 & 20 Uhr | Kurhaus Wiesbaden, Friedrich-von-Thiersch-Saal
Ute Lemper: „Rendezvous with Marlene“

14.7.    19 Uhr | Schloss Vollrads, Seebühne
Klaus Hoffmann: „Septemberherz“

15.7.    17 & 20 Uhr | Kurhaus Wiesbaden, Friedrich-von-Thiersch-Saal
Pippo Pollina & Palermo Acoustic Quintet: „Best Of“

15.7.    19 Uhr | Schloss Vollrads, Seebühne
Helene Blum & Harald Haugaard: „Danish Folk“

15.7.    19 Uhr | Wiesbaden, BRITA-Arena
MAX GIESINGER – ENDLICH AKUSTIK! SOMMER OPEN AIRS 2021

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Foto ©2021 Volker Watschounek

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Die offizielle Internetseite des Rheingau Musik Festivals finden Sie unter www.rheingau-musik-festival.de.

 

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