Nie wieder Krieg. Am Freitag jährt sich zum 75. Mal der 8. Mai 1945. Das Datum markiert die vollständige militärische Niederlage und das Ende des verbrecherischen Hitler-Regimes. 

Landtagspräsident Boris Rhein (CDU) erinnert an den 8. Mai 1945, an die „tiefe Zäsur in der deutschen und europäischen Geschichte“. Die Konsequenz laute: „Nie wieder Hass, nie wieder Krieg, nie wieder Ausgrenzung“, so Rhein in der kurzen Ansprache zu Beginn der Plenarsitzung am Dienstag in Hessischen Landtag in Wiesbaden.

Befreiung und Niederlage

Am Ende des Krieges war Deutschland besiegt, besetzt und durch eigene unsägliche Verbrechen befleckt – allerdings auch von der nationalsozialistischen Diktatur befreit. Der Tag war für alle Deutschen ein Tag der Befreiung, wiewohl sich das Tor der Freiheit zunächst nur den Westdeutschen öffnete. Die Deutschen hatten lange Zeit einen schwierigen Zugang zur objektiven Bedeutung des historischen Ereignisses und zu seinem zentralen Standort in unserer Geschichte, symbolisierte er doch Befreiung und Niederlage zugleich.

Millionen Vertriebene

Der Zustand des Landes war 1945 gekennzeichnet durch die Abwesenheit jedweder staatlicher Ordnung! Über die Hälfte der Menschen in Deutschland waren nach dem Krieg nicht dort, wo sie hingehörten oder hinwollten, darunter neun Millionen Ausgebombte und Evakuierte, vierzehn Millionen Flüchtlinge und Vertriebene, zehn Millionen entlassene Zwangsarbeiter und Gefangene. Abermillionen nach und nach zurückkehrende Kriegsgefangene. Millionen Deutsche waren innerhalb ihres eigenen Landes vertrieben worden.

Verfolgt und ermordet

Die durchlittenen Bombennächte, die harten Hungerwinter der ersten Nachkriegsjahre und der Überlebenskampf unter anarchischen Alltagszuständen ließen viele Deutsche keinen  Gedanken an die Vergangenheit fassen. Sie empfanden sich selbst als Opfer – und ersparten sich so die Gedanken an die wirklichen Opfer, die millionenfach ermordet worden waren: Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle, Kranke, andere Völker –insbesondere in der Sowjetunion und in Polen, und die vielen anderen.

Verspätete Vergangenheitsbewältigung

Es muss tief irritieren, aber der Überlebenstrieb schaltete Schuldgefühle ab und viele Deutsche begannen erst sehr widerstrebend und widerwillig sich mit dem Ulmer Einsatzgruppen-Prozess von 1958 und dann mit den Auschwitzprozessen von Generalstaatsanwalt Fritz Bauer ab 1963 den in der Geschichte der Menschheit beispiellos begangenen Verbrechen zu stellen.

Flucht, Vertreibung und Unfreiheit

Der Knoten von Ursache und Folge wurde erst mit einer Distanz von 40 Jahren durch Bundespräsident Richard von Weizsäcker mit seiner großartigen Rede vor dem Deutschen Bundestag durchschlagen. Dort stellte er ohne Umschweife klar: Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Und fast noch wichtiger fuhr er fort: Niemand wird um der Befreiung willen vergessen, welche schweren Leiden für viele Menschen mit dem 8. Mai erst begannen und danach folgten. Aber wir dürfen nicht im Ende des Krieges die Ursache für Flucht, Vertreibung und Unfreiheit sehen. Sie liegt vielmehr in seinem Anfang und im Beginn jener Gewaltherrschaft, die zum Kriege führte. Wir dürfen den 8. Mai 1945 nicht vom 30. Januar 1933 trennen.

Unerlässliche Prägungen

Weil wir aus der Vergangenheit Lehren ziehen wollen, ist der Umgang mit der Vergangenheit für eine Gegenwart, die besser sein soll und in der wir kein zweites Mal versagen dürfen, so wichtig. Das sind keine leeren Erinnerungsrituale, sondern unerlässliche Prägungen, damit nie wieder geschieht, was geschah! Der zweite Weltkrieg hatte nicht nur die materielle sondern auch die institutionelle Infrastruktur jener Region, die seit Jahrzehnten als stabilste und am höchsten  entwickelte der Welt galt, verwüstet. Und Deutschland hatte das moralische Gefüge der westlichen  Welt durch Verbrechen, die niemand jemals für möglich gehalten hatte, zerstört.

Verantwortlich zeigen

Wären die Deutschen nicht bereit gewesen, sich dann doch der einzigartigen Monstrosität des Holocaust und der Verantwortung für schrecklichste Kriegsverbrechen zu stellen, wie hätte dieses Land jemals wieder in die Zivilisation zurückgefunden und zu einem geachteten Mitglied der Völkergemeinschaft werden können? Das muss man sich vergegenwärtigen, wenn wir erinnern. Für keine Generation in Deutschland wird die Auseinandersetzung mit der eigenen  Vergangenheit jemals abgeschlossen sein. Es muss einem klar sein: unter eine solche Geschichte lässt sich kein Schlussstrich ziehen!

Friedliche Revolution

Und es gibt fortwährende Verpflichtungen, die unmittelbar und auch mittelbar aus der deutschen Politik der Jahre 1933-1945 für uns alle erwachsen. An erster Stelle nenne ich die besonderen Beziehungen zu Israel.  Aber auch in anderen Ländern wirkt der Nationalsozialismus als Vergangenheit fort, die nicht vergeht, weil er die Spaltung Europas in einen freien und einen unfreien Teil verursacht hat. Daraus ergibt sich eine Pflicht zur Solidarität mit Ländern, die erst im Zuge der friedlichen Revolution von 1989/1990 ihre innere und äußere Souveränität wiedergewonnen haben.

Würde des Menschen achten

Und für uns hier in Deutschland ist die wichtigste Lehre aus der deutschen Geschichte der Jahre 1933-1945, dass es eine Pflicht gibt, unter allen Umständen die Unantastbarkeit der Würde jedes einzelnen Menschen zu achten und zu garantieren. Ich sage das auch vor dem Hintergrund aktueller Ereignisse in unserem Land.Denn das Mittel der Nationalsozialisten, um Hass zu schüren (oder wenigstens, um das Wegschauen zu rechtfertigen), war es, Vorurteile und Feindschaften entstehen zu lassen.

Nie wieder Hass

Und deswegen sollte aus Anlass des 8. Mai unsere Botschaft als demokratisch gewählte Politiker lauten: Nie wieder Hass, nie wieder Krieg, nie wieder Ausgrenzung, es soll nie wieder ein nationalistisches, sondern es soll ein europäisches Deutschlandsein, an dem wir unabhängig von unseren politischen Überzeugungen gemeinsam arbeiten und bauen! (Bild: ©2020 WikiImages auf Pixabay)

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Die offizielle Internetseite des Hessischen Landtag finden Sie unter: hessischer-landtag.de

 

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