65 Jahre Ehe: Karin und Otto Kotzan zeigen, wie Gespräche, Geduld und Humor ein gemeinsames Leben tragen können.
Wenn Karin und Otto Kotzan heute in ihrem Wohnzimmer in Delkenheim sitzen, wirkt ihr Leben nicht wie etwas, das 65 Jahre umfasst – sondern wie ein ruhiger Fluss, der viele Biegungen genommen hat, ohne seine Richtung zu verlieren. Beide erzählen nicht in Jahreszahlen, sondern in Bildern, Erinnerungen, Gesten. Und doch beginnt ihre Geschichte weit voneinander entfernt: in Köln und in Ostpreußen.
Karin, geboren 1938, wächst im Rheinland auf, mit Karneval, Kamelle und dem, was man in Köln „Strüsschen“ nennt. Später zieht die Familie nach Wiesbaden. Otto, Jahrgang 1932, wächst in Ostpreußen auf, erlebt Krieg, Flucht und zu Zeiten der DDR eine schwierige Reise über Berlin in den Westen. Erst als junger Mann erreicht er Wiesbaden. Und dort kreuzen sich ihre Wege – an einem Samstagabend im Kurhaus Wiesbaden. Sie tanzen, kommen ins Gespräch, verlieren einander nicht mehr aus den Augen.
Ein Alltag, der sich formt – und trägt
Ihr gemeinsames Leben beginnt in Erbenheim, später zieht die junge Familie nach Delkenheim. Karin arbeitet bei Hertie, wird zur Stütze der Schreibwarenabteilung, berät Mütter, die ratlos vor Schulanfangslisten stehen. Otto arbeitet als selbstständiger Tischler, restauriert Möbel, schnitzt Figuren, baut eine Kellerbar erst für sich und später für Nachbarn und bleibt bis zu seinem 72 Lebensjahr beruflich aktiv, weil Arbeit für ihn Freude bedeutet.

Sie bekommen drei Kinder: Wolfgang, Jürgen und Katja. Das Leben nimmt Fahrt auf – und stellt das Paar gleichzeitig vor große Aufgaben. Als der älteste Sohn mit fünf einen Hirntumor entwickelt, gerät für einen Moment alles ins Wanken. Doch die Kotzans organisieren Therapien, kämpfen für Schulbildung und später eine Ausbildung. Sie telefonieren, verhandeln, überzeugen. Sie lassen nicht los. „Man muss reden“, sagt Otto. „Man muss dranbleiben“, sagt Karin. Beide meinen: gemeinsam.
Haus, Familie, Feste – und die Kraft des Alltags
Viele Erinnerungen drehen sich um Essen, Lachen, Feiern. Otto kocht bis heute mit Hingabe: Krautwickel, Gänseschmaus zu Weihnachten, Kartoffelpuffer, alles selbst gemacht. Im Garten zieht er Tomaten und Salat, gießt mit Regenwasser aus einer eigenen Konstruktion, arbeitet draußen. Auch Näharbeiten erledigt der 93-Jährige heute noch selbst.
In den 80er-Jahren wird die Kellerbar zum Treffpunkt einer ganzen Nachbarschaft. Man feiert reihum, tauscht Rezepte und Geschichten, die Kinder schleichen heimlich in die Bar, wenn die Erwachsenen nicht hinsehen. Urlaub führt die Familie nach Österreich, Italien und Spanien. Kleine Autos, große Strecken, Hagelschäden, Thermoskannen – jede Episode gehört zum Familienalbum.
Stärke im Alter – und ein Zuhause, das bleibt
Heute, mit 93 und 87 Jahren, leben die beiden nach wie vor glücklich im eigenen Heim. Sie wollen bleiben, solange es geht – mit Rampe, Treppenlift, Unterstützung der Kinder. Als Otto sich im vergangenen Sommer die Hüfte bricht, steht er schnell wieder auf. „Wenn ich liegen bleibe, war es das“, sagt er rückblickend. Und geht. Die Kinder nennen ihn ein „Stehaufmännchen“. Karin lächelt nur: „So war er immer.“

Beide verfolgen Fußball, streiten spielerisch über Bayern und Köln. Beide lesen morgens die Zeitung, wissen was in der Welt passiert. Sie rufen täglich bei den Kindern an, diskutieren Weltpolitik, Vereinsfußball und Nachbarschaftsthemen. Sie sind interessiert, wach, zugewandt.
Was 65 Jahre bedeuten können
Am Ende ihres langen Erzählens wirkt nichts pathetisch. Ihre Ehe besteht nicht aus dem einen großen Geheimnis, sondern aus vielen kleinen Entscheidungen: zusammenbleiben, zuhören, reden, Aufgaben teilen, Grenzen akzeptieren, Neues annehmen.
„Er hat sich immer gesorgt“, sagt Karin. „Und sie hat immer gesprochen“, sagt Otto.
Vielleicht reicht genau das, um eine Ehe 65 Jahre lang zu tragen.



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