Wer will heute noch Landarzt werden? In strukturschwachen Regionen stehen immer mehr Landarztpraxen leer. Neue Konzepte für die Gesundheitsversorgung müssen her.

Mehr als 30 Vertreter aus Politik, öffentlichem Gesundheitsdienst, Gesundheitsförderung und Prävention, der akademischen Forschung, der Selbsthilfe sowie Erbringer von Gesundheitsleistungen sind Ende April in Wiesbaden zu der ersten regionale Gesundheitskonferenz Wiesbaden–Rheingau-Taunus–Limburg-Weilburg zusammengekommen. Mit ausgewählten Studien und Modellprojekten haben sie die regionale Gesundheitsversorgung virtuell beleuchtet.

„Finanzielle Anreize alleine reichen nicht aus. Es müssen breiter angelegte Anreizstrukturen geschaffen werden, um die Niederlassungsentscheidung im ländlichen Raum zu fördern.“Professorin Dr. Lilia Waehlert

Die hausärztliche Versorgung in Deutschland ist angespannt. Aufgrund der hohen Altersstruktur von Ärzten wird der Ruf nach Lösungen lauter, um die Nachbesetzung von Hausarztpraxen in ländlichen Regionen sicherzustellen. Im Rahmen von Studierendenprojekten wurde in Kooperation mit dem RWI Leibniz Institut für Wirtschaftsforschung und der Hochschule Fresenius unter Studierenden und  Hausärzten eine Studie durchgeführt, die den Einfluss von sozialpsychologischen und sozioökonomischen Effekten auf die Standortentscheidung untersucht. Die biografische Verbundenheit sowie familiäre Gründe würden wichtige Kriterien für die Standortwahl von Hausärzten darstellen und damit die Bedeutung von sozioökonomischen Faktoren hervorheben.

„Die Ergebnisse legen nahe, dass es sowohl für Hausärzte als auch für Medizinstudierende einen Zusammenhang zwischen der Einwohnerzahl des Heimatorts und der Einwohnerzahl des Niederlassungsorts gibt.“ –  Professorin Dr. Lilia Waehlert

Die Mitglieder der Gesundheitskonferenz diskutierten mögliche frühe Anreizsysteme, um Niederlassungsentscheidungen in der Region zu fördern. Zur Sprache kamen beispielsweise ein regionales Stipendienprogramm oder wohnortnahen Ausbildungsstätten für Hausärzte. Die ersten Überlegungen hierzu sollen in einer der Folgetagungen vertieft werden.

„Als Träger der Alten- und Eingliederungshilfe haben wir ein hohes Interesse, das Virus in den Griff zu bekommen und freuen uns, die Gesundheitsämter bei Kontaktnachverfolgung unterstützen zu können.“ – Frédéric Lauscher, Vorstandsvorsitzender des Frankfurter Verbandes

Neben grundsätzlichen Versorgungsthemen befasste sich die Gesundheitskonferenz auch mit aktuellen Herausforderungen, mit denen sich das Gesundheitswesen angesichts der Corona-Pandemie konfrontiert sieht. Im Kern ging es um das Thema der Nachverfolgung von Kontaktpersonen, die in der Pandemie-Bekämpfung eine zentrale Rolle einnimmt. Um Infektionsketten frühzeitig durchbrechen zu können, ist sie mit entscheidend. Insbesondere bei dynamischem Infektionsgeschehen geraten die Gesundheitsämter jedoch oft an strukturelle und personelle Grenzen. In enger Kooperation mit dem Hessischen Ministerium für Soziales und Integration wurde im Gesundheitsamt Wiesbaden unter Amtsleiterin Dr. Kaschlin Butt ein Modellprojekt ins Leben gerufen, das mithilfe von externen Dienstleistern bei der Kontaktpersonennachverfolgung entlastet. Hierfür arbeitet das Gesundheitsamt mit dem Callcenter des gemeinnützigen Vereins Frankfurter Verband für Alten- und Behindertenhilfe zusammen. Der Verband stellt fünf umfassend geschulte Mitarbeitende, die täglich bis zu 20 Corona-Fallakten autark und vollständig bearbeiten.

„Anfängliche Bedenken konnten durch gründliche Abstimmung und Klärung von datenschutzrechtlichen Fragestellungen abgebaut werden. Um wichtige personelle und räumliche Ressourcen im Amt zu erhalten, wurde das Projekt um drei Monate verlängert.“ – Dr. Kaschlin Butt

Die Aufgabenbereiche der Callcenter-Mitarbeitenden beginnen bei der Tätigung von Erstanrufen, der Anamnesebefragung und dem Einpflegen von Index-Personen in die Software bis hin zur Kontaktpersonenermittlung und dem Ausstellen von Quarantänebescheinigungen. Die Zusammenarbeit werde von beiden Kooperationspartnern als sehr gut bewertet, kommentiert Dr. Kaschlin Butt die ersten Evaluierungsergebnisse. Die Zusammenarbeit mit externen Dienstleistern stelle eine flexible Lösung dar, um Behörden in Pandemiezeiten bei nicht-hoheitlichen Aufgaben zu unterstützen. Eine Übertragung des Modells auf andere Gesundheitsämter oder auf weitere Betätigungsfelder sei ebenfalls denkbar. 

Hintergrund

Die erste regionale Gesundheitskonferenz Wiesbaden–Rheingau-Taunus–Limburg-Weilburg tagte am im Juli 2019. Ziel der Gesundheitskonferenz ist es, die regionalen Versorgungsstrukturen im Versorgungsgebiet sechs zu beobachten, Problemanalysen zu erstellen und Lösungsvorschläge zu entwickeln, um die Gesundheitsversorgungsleistungen für vor Ort zu verbessern. Die Konferenz findet drei bis vier Mal im Jahr statt. Die Ergebnisse werden von den Teilnehmern als Empfehlungen formuliert und dem Hessischen Ministerium für Soziales und Integration für die regionale Gesundheitsplanung vorgelegt.
Das Gremium besteht Delegierten der Landkreise und der Landeshauptstadt Wiesbaden, der Kassenärztlichen Vereinigung, der Ärzte- und Apothekerkammer, der Krankenkassen und –verbände, der Hessischen Krankenhausgesellschaft, Benannte der Kommunalen Spitzenverbände, des Landespflegerates sowie der Landesarbeitsgemeinschaft und Selbsthilfe.

Symbolfoto oben ©2020 Containment Management im Gesundheitsamt Volker Watschounek

Weitere Nachrichten aus dem Ortsbezirk Mitte lesen Sie hier.

Mehr Informationen zur Gesundheitskonferenz finden Sie unter: www.wiesbaden.de.

Advertisement

Sie möchten keinen Beitrag mehr verpassen und stets aktuell informiert sein? Dann bestellen Sie doch gleich unseren Newsletter oder folgen uns auf Twitter, Instagram und werden Sie Fan von Wiesbaden lebt!