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OB Gerd-Uwe Mende, Johann Zernickel, Andrej Belosludov, Björn Gutzeit, Dr. Gerhard Obermayr.

Zivilcourage als Haltung: Ehrung im Wiesbadener Rathaus

Zivilcourage beginnt selten mit Applaus. In Wiesbaden werden Menschen geehrt, die trotzdem handeln: mit Haltung gegen Repression, mit Mut im Alltag. Die Verleihung des Ludwig-Beck-Preises zeigt, warum Demokratie Erinnerung und Entschlossenheit braucht.

Volker Watschounek 8 Stunden vor 0

Wiesbaden verleiht den Ludwig-Beck-Preis: Internationale Zivilcourage trifft auf beherzten Bürgermut aus der Nachbarschaft.

Der Festsaal des Wiesbadener Rathauses wirkt an diesem Freitag konzentrierter als sonst. Weniger Smalltalk, mehr Ernst. Die Stadt verleiht den Ludwig-Beck-Preis für Zivilcourage und den Preis für Bürgermut – zwei Auszeichnungen, die nicht Glanz versprechen, sondern Verantwortung markieren. Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende und Stadtverordnetenvorsteher Gerhard Obermayr sprechen über Mut, ohne ihn zu romantisieren. Zivilcourage, so klingt es an diesem Vormittag, entsteht selten im Rampenlicht. Sie beginnt dort, wo jemand hinschaut, obwohl Wegsehen einfacher wäre.

Erinnerung als Widerstand

Der Ludwig-Beck-Preis 2025 geht an Irina Scherbakowa und Julia Nawalnaja. Beide stehen für eine Courage, die nicht spontan aufblitzt, sondern sich über Jahre formt. Scherbakowa arbeitet als Historikerin gegen das Vergessen. Als Gründungsmitglied der Menschenrechtsorganisation Memorial sammelt sie Zeugnisse, ordnet Verbrechen ein, widerspricht staatlicher Geschichtsklitterung. Nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine verlässt sie ihr Land, bleibt aber politisch präsent. Exil bedeutet für sie keinen Rückzug, sondern eine andere Form von Nähe.

Julia Nawalnaja trägt ihre Haltung öffentlich. Sie unterstützt ihren Mann Alexej Nawalny bis zu dessen Tod, widersetzt sich Repression, hält an den Werten der UN-Menschenrechtscharta fest. Ihr Engagement fordert einen Preis – und sie zahlt ihn bewusst. Sie spricht nicht pathetisch, sondern präzise. Genau darin liegt ihre Kraft.

Worte, die verpflichten

Oberbürgermeister Mende findet klare Sätze. Zivilcourage beginne selten mit Applaus, sagt er, sondern mit Zweifel, Risiko und dem Gefühl, allein zu stehen. Wiesbaden, die Geburtsstadt Ludwig Becks, verleihe diesen Preis nicht zufällig hier. Die Stadt verstehe sich als Ort der Erinnerung und der Haltung. Geschichte verpflichte nicht zum Nachahmen, wohl aber zum Hinschauen. Die Preisträgerinnen verkörpern diesen Anspruch – leise, beharrlich, unbeugsam.

Mut im unmittelbaren Moment

Der Preis für Bürgermut richtet den Blick weg von der großen Weltpolitik und hinein in den Alltag. Johann Zernickel und Andrej Belosludov handeln im April 2024, als eine Nachbarin mit einem Messer angegriffen wird. Es bleibt keine Zeit für Abwägungen. Zernickel zieht den Täter weg und hält ihn fest, Belosludov sichert die Waffe und leistet Erste Hilfe. Sie handeln nicht heroisch, sondern notwendig. Die Nachbarin überlebt.

Diese Szene passt in keinen Festsaal. Und doch gehört sie hierher. Bürgermut zeigt sich, wenn Menschen Verantwortung übernehmen, ohne nach Anerkennung zu fragen. Spontan. Selbstlos. Lebensrettend.

Preise mit Maß und Bedeutung

Der Ludwig-Beck-Preis ist mit 10.000 Euro dotiert, der Preis für Bürgermut mit 2.500 Euro. Zahlen spielen an diesem Vormittag eine Nebenrolle. Wichtiger bleibt die Botschaft: Demokratie lebt von Menschen, die Haltung zeigen – im Widerstand gegen Unterdrückung ebenso wie im Treppenhaus nebenan. Wiesbaden verleiht Preise. Aber vor allem erinnert die Stadt daran, dass Mut kein Ausnahmezustand ist. Er ist eine Entscheidung.

Foto ©2026 Volker Watschounek / Wiesbaden lebt!

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