Der Ludwig-Beck-Preis ehrt Frauen und Männer, die Freiheit, Verantwortung und Zivilcourage leben – im Exil, im Alltag, im Moment echter Entscheidung.
Der Festsaal des Wiesbadener Rathauses wirkt an diesem Freitag konzentrierter als üblich. Weniger Rascheln, weniger höfliche Floskeln, dafür gespannte Aufmerksamkeit. Die Stadt verleiht den Ludwig-Beck-Preis für Zivilcourage sowie den Preis für Bürgermut – zwei Auszeichnungen, die nicht Glanz verheißen, sondern eine Haltung würdigen, die sich in schwierigen Zeiten besonders bewähren muss. Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende und Stadtverordnetenvorsteher Gerhard Obermayr sprechen über Mut, ohne ihn zu verklären. Zivilcourage, so klingt es in diesem Saal, beginnt selten im Rampenlicht. Sie entsteht dort, wo jemand hinschaut, obwohl Wegsehen bequemer wäre.
Die musikalische Einstimmung übernimmt Jong-ho Jong, Student der Wiesbadener Musikakademie, der die ersten Minuten des Abends mit ruhigen Klängen füllt. Sie tragen weit hinein in die Reihen des Festsaals – als wollten sie daran erinnern, wie leise Verantwortung manchmal beginnt.
Erinnerung als Widerstand
Der Ludwig-Beck-Preis 2025 geht an zwei Frauen, deren Lebenswege kaum unterschiedlicher sein könnten, die jedoch dieselbe innere Haltung verbindet: Irina Scherbakowa und Julia Nawalnaja.
Scherbakowa arbeitet seit Jahrzehnten gegen das Vergessen. Als Gründungsmitglied der Menschenrechtsorganisation Memorial ordnet sie Verbrechen ein, rekonstruiert verschüttete Biografien und widerspricht beharrlich jeder staatlichen Geschichtsklitterung. Ihre Arbeit schafft Orientierung – in Russland, in Europa. Die Zerschlagung von Memorial, das sich 2022 mit dem Friedensnobelpreis geehrt sah, trifft sie persönlich. Doch sie verstummt nicht. Nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine verlässt sie ihr Land. Exil bedeutet für sie keinen Rückzug, sondern eine andere Form von Nähe: Sie nutzt die Distanz, um weiter aufzuklären.
Obermayr schildert diesen Weg als Beispiel unbeugsamer Konsequenz. Er erinnert an Scherbakowas Kindheit in der Sowjetunion, an ein Geschichtsbild, das Widerstand gegen Hitler weitgehend ausblendete. Der Name Ludwig Beck tauchte dort nicht auf. Ihre Rede öffnet den Blick auf eine russische Gesellschaft, in der Oppositionelle nicht laut auftreten, sondern im Stillen bestätigen, dass es auch in Russland Menschen gibt, die nicht schweigen wollen. „Wir wissen von euch“, sagt sie, „und wir vergessen euch nicht.“
Freiheit als Verpflichtung
Während Scherbakowa die Vergangenheit sortiert, verteidigt Julia Nawalnaja die Gegenwart. Ihre Stimme trägt weit über den Festsaal hinaus. Sie begleitet ihren Mann, den russischen Oppositionspolitiker Alexej Nawalny, durch Haft, Isolation, Repression – bis zu seinem Tod. Dann entscheidet sie: Sie macht weiter. Nicht aus Pathos, sondern aus Pflichtgefühl. In Wiesbaden spricht sie ruhig, präzise, bestimmt. Sie betont, wie sehr demokratische Gesellschaften unter Druck stehen – von außen, durch autoritäre Systeme; von innen, durch populistische Stimmen, die sich an Müdigkeit und Unsicherheit nähren.
Ihr Mut entsteht nicht im heroischen Moment, sondern im langen Atem. Sie trägt eine Verantwortung, die sich nicht ablegen lässt. Darin gleichen sich beide Preisträgerinnen: Sie verändern politische Debatten, weil sie nicht aufgeben.
Worte, die verpflichten
Oberbürgermeister Mende betont, wie selten Mut mit Applaus beginne. Zivilcourage wachse im Zweifel, im Risiko, oft im Alleinsein. Gerade deshalb brauche eine Stadt wie Wiesbaden Menschen, die sich erinnern, orientieren, einstehen. Die Geburtsstadt Ludwig Becks verleiht diesen Preis nicht zufällig hier: „Wiesbaden versteht sich als Ort der Haltung“, sagt Mende. „Geschichte verpflichtet uns, hinzuschauen.“
Obermayr knüpft an. Er spricht über Becks Widerstand, seinen Mut, 1938 gegen Hitler aufzustehen, obwohl er wusste, wie einsam dieser Weg werden würde. Er schlägt den Bogen zu den russischen Aktivistinnen und erinnert daran, dass Freiheit kein Zustand sei, sondern ein Prozess – einer, der Menschen brauche, die Verantwortung nicht scheuen.
Mut im unmittelbaren Moment
Der Preis für Bürgermut führt den Blick aus der Weltpolitik zurück in die Nachbarschaft. Johann Zernickel und Andrej Belosludov handeln im April 2024, als eine Frau in ihrem Wohnhaus mit einem Messer angegriffen wird. Kein Zeitfenster für Diskussionen, keine Vorbereitung. Zernickel reißt den Täter weg, hält ihn fest. Belosludov sichert die Waffe, leistet Erste Hilfe. Beide retten damit ein Leben.
Westhessens Polizeipräsident Björn Gutzeit würdigt ihre Tat als Beispiel einer Haltung, die im Alltag über Sicherheit entscheide. Nicht jede Gefahr lasse sich durch Einsatzkräfte verhindern, sagt er. Gesellschaft brauche Menschen, die innehalten statt weiterzugehen. Der Mut dieser beiden Männer zeige, wie sehr Zusammenhalt von spontaner Hilfe abhängt.
Zernickel und Belosludov selbst reagieren bescheiden. Sie wollten nicht ausgezeichnet werden, sagen sie. Sie hätten getan, was nötig gewesen sei. Doch genau dieses Selbstverständnis macht ihre Tat so bedeutsam.
Preise mit Maß und Bedeutung
Der Ludwig-Beck-Preis ist mit 10.000 Euro dotiert, der Preis für Bürgermut mit 2.500 Euro. Geld bleibt an diesem Vormittag Nebensache. Entscheidend ist die Botschaft: Demokratie lebt nicht allein von Institutionen, sondern von Menschen, die Haltung zeigen – im Widerstand gegen staatliche Unterdrückung ebenso wie im Treppenhaus nebenan.
Wiesbaden erinnert mit dieser Feierstunde daran, dass Mut kein einmaliges Ereignis ist. Er ist eine Entscheidung – jeden Tag, überall dort, wo Menschen Verantwortung übernehmen. Die Bühne mag an diesem Tag im Rathaus stehen. Doch der Geist des Preises reicht weit darüber hinaus: hinein in eine Gesellschaft, die Orientierung sucht und Menschen braucht, die sie geben.
Foto – Stadtverordnetenvorsteher Dr. Gerhard Obermayr und OB Gerd Uwe Mende überreichen Aktivistin Julia Nawalnaja den Ludwig-Beck Preis 2026
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