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Rinaldo Strauß

„Wir werden uns nie wieder sehen“ – Wiesbaden gedenkt der deportierten Sinti

83 Jahre nach der Deportation von 119 Wiesbadener Sinti nach Auschwitz-Birkenau erinnerte die Stadt an ihre Nachbarn, Kollegen und Freunde. Eine Gedenkstunde im Rathaus verband historische Verantwortung mit Gegenwartsfragen – und zeigte, warum Erinnerung auch heute noch notwendig ist.

Volker Watschounek 12 Stunden vor 0

119 Menschen wurden 1943 nach Auschwitz verschleppt. Die Stadt stellt sich ihrer Geschichte.

Der Festsaal des Wiesbadener Rathauses füllte sich langsam. Schüler nahmen neben älteren Besuchern Platz, Vertreter der Kirchen wechselten leise Worte, Musiker bereiteten sich auf ihren Auftritt vor. Eigentlich hätte die Gedenkstunde draußen stattfinden sollen – am Mahnmal in der Bahnhofstraße. Doch dort laufen aber Bauarbeiten, – und so zog das Erinnern ins Rathaus.

„Diese Gedenkstunde findet dieses Mal – und wir hoffen alle nur dieses Mal – hier im Rathaus statt“, sagte Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende zu Beginn. Der Ort passte dennoch: „Hier schlägt das demokratische Herz Wiesbadens.“

Die Stadt gedachte des 83. Jahrestages der Deportation der Wiesbadener Sinti. Am 8. März 1943 hatten Nationalsozialisten 119 Menschen zum Hauptbahnhof getrieben. Männer, Frauen, Kinder – Nachbarn, Mitschüler, Kollegen. Von dort brachte ein Zug sie in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau.

119 Namen, 119 Leben

Unter den Deportierten befanden sich Menschen jeden Alters. Familien, die seit Generationen in Wiesbaden lebten. Männer, die arbeiteten, Frauen, die ihre Kinder versorgten, Jugendliche mit Zukunftsplänen. Und Kinder, die ihr Leben noch kaum begonnen hatten. Die jüngste unter ihnen war die wenige Wochen alte Marie Meier. Andere, wie der junge Silvester Lampert, standen mitten im Leben. Er arbeitete in einer Wiesbadener Bäckerei, hatte eine Familie, eine Adresse, einen Alltag in dieser Stadt. Dann endete alles abrupt. Beamte holten ihn während der Arbeit ab, setzten seinen Namen auf eine Liste, die in das Vernichtungslager Auschwitz führte. Viele der Deportierten kehrten nie zurück. Nur wenige überlebten.

Ein Satz aus jener Zeit bleibt besonders im Gedächtnis der Zuhörer. Kurz bevor der Transport Wiesbaden verließ, wandte sich der Wiesbadener an seinen Bruder und sagte mit einer Vorahnung, die sich tragisch bewahrheiten sollte: „Wiesbaden. Wir werden uns nie wieder sehen.“

Der Anfang lag vor dem Ende

Oberbürgermeister Mende erinnerte daran, dass die Verbrechen nicht erst mit den Deportationen begonnen hatten. Was damals geschah, begann nicht mit den Zügen nach Auschwitz. Es begann viel früher – mit Vorurteilen, mit Ausgrenzung, mit Gerüchten. Schon lange vor 1933 hatten Behörden Sinti registriert, überwacht und katalogisiert. Eine Schülerin beschrieb später, wie diese Erkenntnis sie während ihrer Recherche traf:
Der Hass kam nicht plötzlich. Er war schon da. Er war vorbereitet.

Geschichte erschien dadurch plötzlich näher. Sie spielte sich nicht irgendwo ab, sondern in derselben Stadt, in denselben Straßen.

Geschichte zwischen Aktenordnern

Besonders eindrücklich schilderten Schüler der Martin-Niemöller-Schule nach den Reden ihre Recherche im Wiesbadener Stadtarchiv. Für ihr Projekt hatten sie sich durch Akten gearbeitet, die Jahrzehnte überdauert haben. Auf dem Tisch lagen graue Mappen mit nüchternen Beschriftungen, darin Meldekarten, polizeiliche Schreiben und Einträge aus der sogenannten Zigeunerkartei. Die Dokumente wirkten kühl und bürokratisch, voller Stempel, Nummern und Unterschriften. Sie erzählten von Verwaltung – und doch ging es in jeder Zeile um ein menschliches Leben.

In einer dieser Mappen fanden sie ein Foto. „Man sieht keinen Fall, keine Aktennummer, sondern ein Gesicht“, erzählte eine Schülerin über den jungen Sinto Silvester Lampert. Lampert arbeitete in Wiesbaden in einer Bäckerei. Ein junger Mann aus der Stadt, mit Arbeit, Familie und Zukunftsplänen. Dann griff der Staat in sein Leben ein. Beamte holten ihn während seiner Arbeit ab, brachten ihn zur Sammelstelle und setzten seinen Namen auf eine Liste – eine Liste, die schließlich nach Auschwitz führte.

Gerade dieser Gegensatz berührte die Schülerinnen besonders. Auf der einen Seite das Foto eines Menschen mit Blick, Geschichte und Alltag. Auf der anderen Seite die Akten: nüchterne Vermerke, bürokratische Sprache, Formulare. Schritt für Schritt verwandelten diese Dokumente einen Menschen in eine Nummer. Beim Lesen wurde den Jugendlichen klar, wie Verwaltung und Ideologie ineinandergreifen konnten – und wie aus einem Gesicht in einer Mappe ein Opfer der Deportation wurde.

Erinnerung als Aufgabe

Das Mahnmal für die deportierten Sinti gehörte seit seiner Errichtung im Jahr 1992 zu den ersten dieser Art in Deutschland. Jahrzehntelang erinnerte der Sandsteinblock in der Bahnhofstraße an die Wiesbadener Männer, Frauen und Kinder, die von dort aus ihren letzten Weg antreten mussten. Zurzeit ist das Denkmal jedoch verschwunden, – wegen Bauarbeiten in der Reisinger-Anlage.

Doch für Rinaldo Strauß änderte das nichts an der Bedeutung des Erinnerns. Ein Denkmal könne verschwinden, sagte er – die Verantwortung nicht. Ein Mahnmal aus Stein kann vorübergehend verschwinden. Das Erinnern darf es niemals.

Strauß sprach nicht von Erinnerung als Pflichttermin im Kalender oder als stilles Ritual einmal im Jahr. Für ihn ist Erinnerung eine Haltung, die die Gegenwart betrifft. Sie beginnt nicht erst am Denkmal und endet nicht nach einer Gedenkminute. Gedenken ist kein stiller Gebrauch, sondern Widerstand – gegen das Vergessen, gegen das Verdrehen und gegen jede Form der Relativierung.

Geschichte, so machte er deutlich, verschwinde nicht von selbst. Sie bleibe in Archiven, in Familiengeschichten, in den Erinnerungen der Überlebenden – und manchmal auch in Vorurteilen, die weitergegeben werden. Deshalb müsse Erinnerung immer wieder neu erarbeitet werden: durch Forschung, durch Bildung, durch öffentliches Erinnern. Und sie lebt davon, dass Menschen erzählen, zuhören, widersprechen und Verantwortung übernehmen.

Vergangenheit traf Gegenwart

Die Redner beließen es nicht beim Blick zurück. Immer wieder führten ihre Worte von der Geschichte in die Gegenwart. Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende machte deutlich, dass das Erinnern an die Deportation der Wiesbadener Sinti nicht nur eine historische Pflicht sei, sondern auch eine Warnung für die Gegenwart. Antisemitismus und Antiziganismus seien keine überwundenen Kapitel der Geschichte, sondern Phänomene, die auch heute wieder sichtbar würden – im Alltag, im Internet, auf Demonstrationen und manchmal sogar in politischen Debatten.

Wenn wieder darüber gesprochen wird, wer angeblich dazugehört und wer nicht, dann müssen bei uns allen die Alarmglocken angehen, sagte Mende. Denn genau solche Gedanken hätten einst den Boden bereitet für Ausgrenzung, Entrechtung und schließlich für die Deportationen.

Auch Rinaldo Strauß erinnerte daran, dass das Ende des Nationalsozialismus 1945 nicht automatisch ein Ende der Diskriminierung bedeutete. Viele Überlebende der Konzentrationslager kehrten zwar zurück, doch sie fanden eine Gesellschaft vor, in der Vorurteile und Misstrauen fortbestanden. Behörden griffen teilweise weiterhin auf Akten aus der NS-Zeit zurück, Sinti und Roma mussten noch Jahrzehnte um Anerkennung, Entschädigung und gesellschaftliche Gleichberechtigung kämpfen.

Gedenken der deportierten Sinti und Roma
Mahnmal in der Bahnhofstraße: Gedenken der deportierten Sinti und Roma. ©2023 Volker Watschounek

Vor diesem Hintergrund sei Erinnerung mehr als ein Blick in die Vergangenheit, betonte Strauß. Sie sei eine Aufgabe für die Gegenwart. Demokratie, sagte er, sei kein Zustand, der einmal erreicht und dann dauerhaft gesichert sei. Sie müsse immer wieder verteidigt werden – durch Aufmerksamkeit, durch Engagement und durch den Mut, Diskriminierung und Menschenfeindlichkeit entgegenzutreten.

Die Stadt erinnerte sich

Zum Ende der Gedenkstunde erklang ein Musikstück. Danach trugen Schüler ihre Texte vor – entstanden aus Recherchen im Stadtarchiv und aus einem Rundgang durch Wiesbaden. Sie erzählten von Orten, an denen sie früher achtlos vorbeigegangen waren: vom Kurhaus, von der Friedrichstraße, vom Arbeitsamt. Durch ihre Recherche hatten diese Plätze für sie eine andere Bedeutung bekommen. Hinter den Fassaden tauchten Geschichten von Ausgrenzung und Verfolgung auf.

Geschichte lag plötzlich mitten in der Stadt – zwischen Häusern, in Archiven, manchmal nur in einem Foto. Oder in einem Satz, der bis heute nachhallt: „Wiesbaden. Wir werden uns nie wieder sehen.“

Archivbild

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Die Internetseite des Landesverbandes der Sinti und Roma finden Sie unter www.sinti-roma.com.

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