Alle Jahre wieder: Die Geschenke sind gekauft, der Weihnachtsbaum ist geschmückt, die Gans brät im Ofen und der Haussegen hängt schief. Streit!? Warum ist das so, was können wir dagegen tun?

Es ist bald soweit: In drei Tagen ist Heiligabend und die Vorfreude steigt. Am 24. Dezember beginnt dann das Weihnachtsfest! Lange haben wir darauf gewartet und alles vorbereitet. Doch wer kennt das nicht: Sobald die Familie am Tisch versammelt ist, geht der Streit los. Wiesbaden Lebt! hat mit Prof. Dr. Ralf Nickel, Direktor der Klinik für Psychosomatik an den Helios HSK Wiesbaden, gefragt, warum es ausgerechnet immer an Weihnacht so oft zum großen Krach kommt.

Herr Prof. Nickel, an den Weihnachtsfeiertagen steigen, wie die Polizei berichtet, regelmäßig die Fallzahlen mit häuslicher Gewalt an. Woran liegt das? Ist die Familie nicht dafür gemacht, lange aufeinander zu hocken?

Ja, der Faktor Zeit spielt schon eine Rolle, auch weil damit ja verbunden ist, dass Alltagsroutinen wegfallen und allein dies für viele Menschen ein erheblicher Stressfaktor ist.  Das betrifft natürlich gerade Familien, in denen häusliche Gewalt ohnehin schon ein großes Thema ist. Weihnachten und der Jahreswechsel sind immer auch eine Zeit der Bilanzierung und Rückschau. Gerade mit Weihnachten sind Wunschbilder, Erwartungen, häufig auch idealisierte Erinnerungen an die Kindheit verbunden, die auch in unbelasteten Familien zu einer ungünstigen Grundstimmung beitragen können. Zwischen Idealvorstellung und Realität baut sich ein ganz erhebliches Spannungspotenzial auf und die Fallhöhe zwischen Erwartung und Enttäuschung ist zu kaum einem Zeitpunkt im Jahr höher.

Kann man sagen, ob häusliche Gewalt in unterschiedlichen Gesellschaftsschichten mehr verbreitet ist? Wer ist für Gewalt in der Familie anfälliger?

Tatsächlich sind alle soziale Schichten betroffen, wobei häusliche Gewalt in sogenannten Brennpunktfamilien rascher sichtbar wird. Häusliche Gewalt beginnt aber nicht bei Schlägen und körperlicher Misshandlung, sondern umfasst viel mehr, auch massive Entwertung und Herabsetzung, Bedrohungen und Kontrolle. Die Frage lässt sich also nicht einfach beantworten. Klar ist aber, dass insbesondere Frauen und Kinder von häuslicher Gewalt betroffen sind. So ist mindestens jede dritte Frau einmal im Leben körperlicher oder sexualisierter Gewalt ausgesetzt, jede vierte auch im Rahmen ihrer Partnerschaft. Häusliche Gewalt hat viele Gesichter, auch Männer und Jungen sind davon betroffen und im Übrigen am häufigsten Menschen mit Behinderungen.

Ausgeübt wird häusliche Gewalt häufig von Menschen, die früher selbst Gewalt und Druck erfahren haben und dabei wenig lernen konnten innere Anspannung und Unsicherheit selbst ausreichend zu regulieren. Oft werden Konflikte dann zunächst verleugnet, totgeschwiegen, wodurch die innere Anspannung aber weiter steigt. Ein banales Ereignis führt dann zur Eskalation.

Eigentlich müssten wir durch die ganzen Corona-Beschränkungen doch mittlerweile geübt darin sein, viel Zeit mit unseren engsten Familienmitgliedern zu verbringen. Sind wir durch Corona gelassener oder gereizter geworden?

Gereizter. Denken Sie an die aktuellen Unruhen in China. Es dürfte kaum ein Land geben, in dem Menschen mehr Routine und „Übung“ im Umgang mit der Pandemie haben und insgesamt stärker als andere Gesellschaften adaptiert sind auszuhalten und zu erdulden. Spannung und Unzufriedenheit entladen sich aber gerade heftig.

Es ist eher so, dass die Corona bedingte Einschränkung und Erschöpfung auf den mit Weihnachten verbundenen selbst oder von außen gemachten Stress treffen. In beiden Fällen schränken Konventionen und damit auch äußere Zwänge den eigenen Gestaltungsspielraum ein.

Worin liegen meist die Ursachen eines Familienstreits, es muss ja nicht immer in Handgreiflichkeiten ausarten?

Oft verdichten sich vor den Feiertagen private und berufliche Aufgaben, alles soll noch schnell erledigt werden und neue Aufgaben, wie etwa die Jagd nach den passenden Geschenken und der Druck viele, auch unangenehme Entscheidungen zu treffen kommen hinzu:  bei wem wird gefeiert, welches Menü kommt auf den Tisch, möglicherweise ist auch die Frage wer eingeladen wird zu klären.

Daneben haben auch unterschiedliche Traditionen und Erwartungen der einzelnen Familienmitglieder einen wesentlichen Einfluss. Hier hilft es dann, die jeweiligen Vorstellungen möglichst frühzeitig auszutauschen, sich abzustimmen und die anstehenden Tage, Abläufe und Aktivitäten gemeinsam zu planen. Kommen alle zu Wort und kann jeder seine Vorstellungen einbringen, fällt es leichter auch mal Abstriche zu machen.

Weihnachten ist ja in vielerlei Hinsicht aufgeladen: Einerseits durch Geschenke, das perfekte Essen, den Anspruch an ein perfektes Familienfest. Ist der Erwartungsdruck zu hoch?

Ja, dieses Überladen spielt – wie schon deutlich wurde – eine wichtige Rolle. Das ist aber nicht an sich negativ, ist es doch auch Ausdruck davon Weihnachten als etwas Besonderes und Wertvolles anzusehen und wahrzunehmen, dass man mit der Familie teilt und feiert. Ohne Frage ein schönes Anliegen, nur stolpert man dabei allzu häufig über seine eigenen Ansprüche und seinen Perfektionismus.

Wie schaffen wir es, dass wir friedlich die Weihnachtstage miteinander verbringen? Kann man präventiv etwas machen?

Tatsächlich kann man einiges machen, manches erschließt sich schon aus dem bereits Gesagten. Über die eigenen Erwartungen und Vorstellungen sprechen klingt vielleicht banal, ist aber sehr hilfreich. Dazu eigene Vorstellungen mal hinterfragen und eine Beschränkung auf das was einem wirklich wichtig ist trägt dazu bei gemeinsame Lösungen zu finden und die Feiertage eben nicht zu überladen. Sinnvoll ist gemeinsam mit der Familie zu planen anstelle für die Familie. Das schafft schon vor Weihnachten Gemeinsamkeit. Eigene Gewohnheiten sollten dabei nicht komplett vernachlässigt werden und man darf sich und anderen auch mal Auszeiten und Rückzugsmöglichkeiten erlauben.

Sind die Familienverhältnisse aber sehr schwierig, dominieren etwa Druck, manipulatives Verhalten und emotionale Erpressung als strukturelles Merkmal der Familie, ist es manchmal wichtig, einfach nur „durchzuhalten“. Dann hilft, eine bereits geplante Auszeit nach Weihnachten, etwa ein gemeinsames Wochenende mit Partner oder Freunden, oft sehr gut die Zeit zu überstehen.

Wie stellen Sie sicher, dass Ihr eigenes Fest „perfekt“ wird?

Gerade als Arzt ist einem schon bewusst, dass beispielsweise das Glück gesund zu sein und die Weihnachtstage überhaupt mit der Familie oder Freunden verbringen zu können, nicht selbstverständlich ist. Oder denken Sie an die Situation in der Ukraine, die vielen dort auseinandergerissenen und verletzten Familien. Das hilft die eigenen Wünsche und Idealvorstellungen mit einem Augenzwinkern zu betrachten und dabei das wirklich Wichtige im Blick zu behalten.

Foto oben ©2022 Pixabay

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Die Internetseite der Helios Dr. Horst Schmidt Kliniken Wiesbaden finden Sie unter www.helios-gesundheit.de.

 

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