Die Ausstellung „Erzähl mir von Europa“ im Stadtmuseum am Markt zeigt Europa nicht als Idee, sondern als vielstimmige Erfahrung von Menschen.
Europa kann kalt wirken, sobald es nur noch aus Linien, Institutionen und Schlagworten besteht. Genau dagegen setzt die Ausstellung „Erzähl mir von Europa“ im Stadtmuseum am Markt einen entschiedenen, klugen und sehr menschlichen Kontrapunkt.
Stadtmuseum am Markt, kurz gefasst
Sonderausstellung – „Erzähl mir von Europa“
Wann: 17. März bis 31. Mai 2026
Wo: Stadtmuseum am Markt, Dern’sches Gelände, 65183 Wiesbaden
Im Stadtmuseum am Markt erscheint Europa nicht als bunte Fläche im Atlas, nicht als Debatte über Zuständigkeiten, nicht als Sonntagsrede. Es tritt als Gesicht in den Raum. Es spricht. Es erinnert sich. Und plötzlich steht der Kontinent nicht mehr fern in Brüssel oder Straßburg, sondern direkt vor den Besuchern. Die Wanderausstellung ist seit dem 18. März in Wiesbaden zu sehen und gehört zum europäischen Zeitzeugenprojekt „European Archive of Voices“.
Stimmen statt Schlagworte
Zur Eröffnung machte Sabine Philipp, Direktorin der Stiftung Stadtmuseum Wiesbaden deutlich, warum diese Schau so gut nach Wiesbaden passt. Die Stadt trage seit 2021 den Titel Europastadt, doch der eigentliche Reiz liege tiefer: Die Ausstellung bringe Menschen, Institutionen und Generationen zusammen. Genau das versteht auch das sam als Aufgabe – Austausch ermöglichen, Begegnung stiften, Netzwerke knüpfen.
Und diese Ausstellung kann das. Sie zeigt Zeitzeugen aus vielen Ländern Europas, Menschen, die Krieg, Teilung, Aufbruch, Diktatur, Freiheit und Wandel erlebt haben. Ihre Geschichten laufen nicht geschniegelt nebeneinander her. Sie widersprechen sich, reiben sich, ergänzen sich. Gerade darin liegt ihre Kraft. Europa wirkt hier nicht geschniegelt, sondern lebendig.
Maximilian Gödecke gibt Europa ein Gesicht
Kurator und Fotograf Maximilian Gödecke hat das Projekt nicht bloß illustriert, sondern weitergedacht. Er war gleich fasziniert, als er von dem Projekt European Archive of Voices gehört hatte – dem digitale Archiv, in dem junge Europäer ältere Stimmen aus rund vierzig Ländern in mehr als dreißig Sprachen gesammelt haben –. Gödecke wollte diese Stimmen sehen, nicht nur hören. Mit Unterstützung des Goethe-Instituts reiste er durch Europa und porträtierte viele der Zeitzeugen in ihrer eigenen Umgebung. Nicht inszeniert, sondern ebenso, dass sie sich wohl fühlen. Nicht studioreif ausgeleuchtet, sondern so natürlich wie möglich. Und so entstanden keine glatten Symbolbilder, sondern dichte, leise, oft überraschend intime Fotografien.
Gerade das macht die Schau so stark: Sie traut den Menschen mehr zu als der Pose. Ein Wohnzimmer, ein Tisch, ein Blick, ein aufgerissener Arm, ein Gesicht, das noch immer Haltung zeigt – oft reicht das schon, um mehr über Europa zu erfahren als aus einem Stapel Broschüren.

Sechs Stationen, viele Leben
Die Ausstellung „Erzähl mir von Europa“ im Stadtmuseum am Markt (sam) folgt keinem klassischen Rundgang, der Besucher von einer These zur nächsten führt. Stattdessen entfaltet sich ein Weg durch sechs thematische Stationen: Kindheit, Haltung, Freiheit, Protest, Emanzipation und Zukunft. Jede dieser Stationen öffnet ein Fenster in sehr unterschiedliche Lebensgeschichten. Manche erzählen von einer Kindheit im Schatten des Krieges, andere von Momenten, in denen Menschen Haltung zeigen mussten – gegen politische Systeme, gegen gesellschaftliche Erwartungen oder gegen die Angst.
Dabei entsteht kein einheitliches Bild Europas. Vielmehr treten widersprüchliche Erfahrungen nebeneinander. Ein Zeitzeuge erinnert sich an Grenzen und Kontrollen, die sein Leben prägten. Eine andere erzählt von einer Kindheit voller Freiheit auf autofreien Straßen. Wieder andere berichten von Protest, von politischem Engagement oder von persönlichen Kämpfen um Selbstbestimmung. Die Ausstellung verzichtet bewusst auf einfache Antworten und lässt die Besucher selbst vergleichen, nachdenken und weiterfragen.
Ein besonderer Ort innerhalb der Ausstellung ist die Hörstation. Hier werden Stimmen hörbar – in vielen europäischen Sprachen. Besucher können Kopfhörer aufsetzen und in Gespräche eintauchen, die zwischen wenigen Minuten und einem ganzen Lebensweg liegen. Norwegisch klingt anders als Ungarisch, Albanisch anders als Spanisch. Doch gerade diese sprachliche Vielfalt macht deutlich, wie sehr Europa aus unterschiedlichen Perspektiven besteht.
Wer mehr erfahren möchte, kann über QR-Codes direkt auf das digitale Archiv zugreifen. Dort lassen sich die vollständigen Interviews anhören oder nachlesen. Manche Besucher bleiben nur kurz stehen und lassen ein Bild oder eine Stimme auf sich wirken. Andere verlieren sich länger in den Geschichten. Genau darin liegt die Stärke der Ausstellung: Sie funktioniert im schnellen Vorübergehen – und entfaltet ihre ganze Wirkung erst, wenn man sich Zeit nimmt.
Doch die Ausstellung endet nicht an den Wänden des Museums. Ein umfangreiches Begleitprogramm verbindet weitere Orte in Wiesbaden mit dem Projekt. Filmvorführungen in der Caligari FilmBühne, Veranstaltungen im Literaturhaus Villa Clementine und weitere Kooperationen in der Stadt erweitern den Blick auf Europa noch einmal. So wächst „Erzähl mir von Europa“ über den Ausstellungsraum hinaus – und wird zu dem, was Europa im besten Fall selbst sein kann: ein offener Raum für Begegnung, Gespräch und neue Perspektiven..
Wer spricht? Voraussetzungen für die Zeitzeugen
Damit das Projekt „Erzähl mir von Europa“ ein möglichst vielfältiges und zugleich historisch fundiertes Bild des Kontinents zeigen kann, mussten die Interviewpartner bestimmte Voraussetzungen erfüllen. Das Netzwerk junger Europäerinnen und Europäer, das die Gespräche führte, legte dabei drei zentrale Kriterien fest.
1. Geboren vor 1945
Alle Zeitzeuginnen und Zeitzeugen mussten vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs geboren sein. Dadurch erzählen Menschen, die Krieg, Wiederaufbau, Teilung Europas oder politische Umbrüche selbst erlebt haben. Ihre Erinnerungen reichen weit zurück und verbinden persönliche Lebensgeschichten mit der europäischen Geschichte.
2. Prägende Erfahrungen oder öffentliche Rolle
Viele der Interviewten haben Kultur, Politik oder Gesellschaft ihres Landes mitgeprägt – als Künstlerinnen, Wissenschaftler, Politiker oder engagierte Bürger. Andere wurden ausgewählt, weil sie besondere Erfahrungen gemacht haben: etwa als Holocaust-Überlebende, Zeitzeugen politischer Umbrüche oder aktive Stimmen in gesellschaftlichen Debatten.
3. Europäische Vielfalt sichtbar machen
Das Projekt wollte möglichst viele Perspektiven aus Europa zusammenbringen. Deshalb suchten die Initiatoren bewusst Menschen aus unterschiedlichen Ländern, Kulturen und Lebenswelten. Ein besonderes Augenmerk lag dabei auf der Sprache: Alle Interviews wurden in der Muttersprache der Zeitzeugen geführt. So entsteht ein vielstimmiges europäisches Archiv, in dem Norwegisch, Ungarisch, Albanisch oder Portugiesisch nebeneinander hörbar werden.
Das Ziel: Europa nicht erklären – sondern erzählen lassen.
Eine Ausstellung, die junge Leute ernst nimmt
Mit der Ausstellung verbindet Sabine Philipp auch eine klare Hoffnung: dass vor allem junge Menschen den Weg ins sam – Stadtmuseum am Markt finden. Diese Erwartung wirkt hier nicht wie ein pädagogischer Auftrag aus dem Lehrbuch, sondern wie eine logische Folge des Konzepts. Denn „Erzähl mir von Europa“ erklärt Europa nicht von oben herab und belehrt seine Besucher auch nicht mit politischen Parolen oder historischen Thesen. Die Ausstellung arbeitet anders. Sie stellt Fragen, zeigt Gesichter und lässt Stimmen sprechen.
Gerade darin liegt ihre Stärke für ein jüngeres Publikum. Wer durch die Ausstellung geht, begegnet keiner abstrakten Idee von Europa, sondern Menschen, die Entscheidungen getroffen, Zweifel erlebt, Grenzen überschritten oder sich gegen Ungerechtigkeit gewehrt haben. Die Geschichten reichen von Kindheitserinnerungen im Krieg bis zu Erfahrungen mit Protestbewegungen oder politischen Umbrüchen. Sie wirken oft überraschend aktuell. Plötzlich steht nicht mehr die Frage im Raum, was Europa ist, sondern was Europa für einzelne Menschen bedeutet hat – und noch bedeuten kann.

Das Projekt lebt zudem von einem besonderen Dialog zwischen Generationen. Junge Europäerinnen und Europäer haben die Interviews geführt, die Stimmen aufgezeichnet und damit eine Brücke zur älteren Generation geschlagen. Aus diesem Gespräch entstand ein Archiv, das zeigt, wie stark Geschichte weiterwirkt, wenn man ihr zuhört. Genau diese Begegnung macht die Ausstellung so relevant für junge Besucher: Sie erleben Europa nicht als abstrakten politischen Raum, sondern als Erfahrungsraum, der von Biografien, Erinnerungen und persönlichen Entscheidungen geprägt ist.
Damit erzählt die Ausstellung auch etwas über den Umgang mit Vergangenheit. Sie zeigt, dass Geschichte nicht abgeschlossen in Archiven liegt, sondern in Menschen weiterlebt. Wer den Geschichten zuhört, merkt schnell: Zukunft entsteht nicht dort, wo Vergangenheit verschwindet. Zukunft beginnt dort, wo jemand noch einmal erzählt – und wo jemand anderes bereit ist zuzuhören.
Fotos ©2026 Volker Watschounek
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