Konzeptuelle Werke geben den Ton an. Kunstaktionen stehen im Umfeld und verdeutlichen über räumliche Entfernungen hinweg  die Dimensionen der spielerischen Interaktion: Fluxus.

1962 fanden im damals städtischen Museum Wiesbaden die Fluxus – Internationalen Festspiele Neuester Musik statt – und kulminierten in der legendären Zerstörung eines Konzertflügels. Zunächst als Affront gegen bürgerliche Traditionen und als regelrechter Skandal wahrgenommen, wurde die mediale Verbreitung dieser Wiesbadener Ereignisse kulturhistorisch gesehen die Quelle weltweiter Umbrüche in der bildenden Kunst. Anlässlich des 60. Jahrestages dieser als Geburtsstunde von Fluxus in die Kunstgeschichtsschreibung eingegangenen Wiesbadener Konzerte zeigt der Nassauischen Kunstverein Wiesbaden seit Mitte Juli einen mäandernder Fluss von Ausstellungen. Wie in einem musikalischen Kanon überschneiden sich historische und zeitgenössische Melodien, Stimmen und künstlerische Positionen.

Fluxus: Konzerte „neuester Musik“, Lesungen, Ausstellungen

Im Piano Nobile, dem ersten Obergeschoss des Kunstvereins, verwandeln von Sari Dienes, Esther Ferrer, Dorothy Iannone, Alison Knowles, Charlotte Moorman, Ann Noël, Takako Saito und Carolee Schneemann gestaltete Klaviere, Konzertflügel und Cellos der Sammlung Archivio Conz den Ausstellungsraum in einen optischen Klangkörper. Sie werden umrahmt von kleineren Kabinettausstellungen. So zeigt ein Mary Bauermeister gewidmeter Raum sehr frühe und persönliche Werke der als Mutter Gaia des Fluxus geltenden Künstlerin – bereits 1960/61 lud sie in ihrem Kölner Atelier zu Konzerten neuester Musik, Lesungen, Ausstellungen und Aktionen mit Künstler:innen wie John Cage, George Brecht, Benjamin Patterson oder Nam June Paik ein.

Poesie und Politik

Mit ihrer Werkpräsentation wird gleichzeitig eine Brücke zu der vom Kunstverein in Kooperation mit dem Sammlerehepaar Ute & Michael Berger ausgerichteten Satellitenausstellung in der Humorkirche Wiesbaden-Erbenheim geschlagen, die noch bis zum 7. August 2022 zu sehen ist. In Kooperation mit Yoko Ono und Takako Saito entstanden, laden zwei weitere Räume spielerisch dazu ein, in Poesie und Politik von Fluxus einzutauchen.

Kaleidoskop an künstlerischen Stimmen

Während Zeitzeugen und Literatur zu Fluxus stets die erstmalig gleichberechtigte Präsenz für Künstlerinnen hervorheben, belegen 60 Jahre Ausstellungsgeschichte dennoch ihr weitgehendes Verschwinden, Übersehen- oder auch Verschlafen werden. Innerhalb des offenen Ausstellungs- und Rechercheprojekts Luxus Sex Ties / Hier spielt die Musik! zeigt sich nun die Virtuosität der Künstlerinnen In einer partizipativ gestalteten Rauminstallation. Inzwischen rund 50 Nachtschränkchen, die jeweils einer Künstlerin gewidmet und mit hochkarätigen Leihgaben, partizipativen Objekten oder Informationsmaterial versehen sind, offenbaren dabei ein regelrechtes Kaleidoskop an künstlerischen Stimmen – Stimmen, die mal lauter, mal leiser, mal kaum hörbar durch die Kunstgeschichte geschallt haben.

Zeitgenössische Positionen

Parallel werden die historischen durch zeitgenössische Positionen ergänzt. Während Ann Noël mit ihrem Textbuch The Gospel According to St. Ann, das auf ihren akribischen Tagebucheinträgen basiert, bisher unbekannte Fluxus- Geschichten und Erinnerungen darstellt, zeigt Andrea Büttner in ihrer 5-Kanal- Videoinstallation Piano Destructions die (kunst-)historische Geschlechter- dichotomie bild- und klanggewaltig auf. Mit einem schimpfenden Chor versetzt Andrėja Šaltytė Besucher:innen musikalisch in die Jetztzeit und hinterfragt die Politisierung von Sprache und Räumen mit ihrer jüngsten Videoarbeit Kijewer Zunge / Ich rufe Sie nicht dazu auf, die unflätige Sprache zu benutzen. Gott bewahre!

Fluxus: Rahmenprogramm zur Ausstellung

SUN & SEA (MARINA) /
In Kooperation mit der Wiesbaden Biennale
Opern-Performance von Lina Lapelytė, Vaiva Grainytė & Rugilė Barzdžiukaitė “Goldener Löwe der Venedig Biennale 2019”
Spielort: Wartburg, Schwalbacher Straße 51, 65183 Wiesbaden
9. / 10. / 11. September 2022

Sie sehen einen Strand, ein großes Tableau müder Glieder auf einem bunten Mosaik aus Handtüchern, lachende Kinder. Die Betrachteten lesen, wischen über ihr Smartphone, räkeln sich im Sand, cremen sich zum Schutz vor der Sonne ein, essen Eis, spielen Karten und Boccia. Einzelne Stimmen werden vernehmbar: die Geschichten der Sonnenbadenden, Gespräche, Träume und Gedanken. Ihre individuellen Lieder verdichten sich zu Gesängen der Hoffnung und der Krise, Klagen über die vergängliche Physis der Badenden und über die ausgelaugte Erde.

Nach allen Regeln der Kunst (und auch dagegen) / Ein Radio-Fluxus-Tag in hr2-kultur
Samstag, 17. September 2022

FRAUEN GEMEINSAM SIND STARK! /
In Kooperation mit der Volkshochschule Wiesbaden und dem Büro für Staatsbürgerliche Frauenarbeit
Vortrag von Dr. Elke Schüller
Ort: Villa Schnitzler, Biebricher Allee 42, 65187 Wiesbaden Donnerstag, 6. Oktober 2022, 19 Uhr

In den 1960er und 1970er Jahren fehlten den Frauen in Deutschland noch immer fundamentale Rechte: Sie waren keine eigenständigen Rechtspersonen, konnten also beispielsweise kein eigenes Konto eröffnen. Abtreibung war illegal, die Vergewaltigung in der Ehe dagegen nicht. Dr. Elke Schüller beleuchtet, wie sich deshalb Frauen zu einer autonomen Frauenbewegung zusammenschlossen und auf diese anhaltende Ungleichstellung reagierten, welche Ziele erreicht werden konnten und wo es weiterhin – oder wieder – Handlungsbedarfe gab und gibt.

Wilhelms Wanne /
Interaktiver Rundgang / für die ganze Familie Zweiter Samstag im Monat, 15 bis 17 Uhr
13. August 2022
10. September 2022
8. Oktober 2022

Kinder mittenDRIN /

Für alle / mit Titus oder Sarah
Letzter Samstag im Monat, 11 bis 13 Uhr 16. Juli 2022
30. Juli 2022
27. August 2022
24. September 2022
29. Oktober 2022

FÜHRUNGEN /
SONNTALK Sonntags, 15 Uhr
ESPRESSO Dienstags, 12.45 bis 13.15 Uhr SPRITZ Donnerstags, 18 bis 20 Uhr

Foto oben ©2022 NKV

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Die offizielle Internetseite vom Nassauischen Kunstverein Wiesbaden  finden Sie unter www.kunstverein-wiesbaden.de.

 

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