Vier Stolpersteine: Ein ergreifender Moment. Schüler der zehnten Klasse des Campus Klarenthal zeichnen vor dem Haus in der Hellmundstraße 15 das Schicksal der Familie Neumann in Form eines Videos nach.

Vier Stolpersteine sind vor dem Haus eingelassen, darauf liegen vier Rosen. Rosen, die die Schüler des Campus Klarenthal niedergelegt haben. Weiße Rosen, die Unschuld der Opfer symbolisieren – die aber auch die Tiefe Verbundenheit der Schüler zum Ausdruck bringen. Eine Verbundenheit, die mit den vielen Nachforschungen gewachsen ist – insbesondere zu den Kindern für deren Stolpersteine die Zehntklässler die Patenschaft übernommen haben. Erinnerungen von Jürgen Kaucher.

Stolpersteine: Ein Stück Erinnerung

Abraham Hirsch Neumann (*1894, Podgorce bei Krakau) und Rosa, geb. Lederberger (*1892, Wichnitz/Polen)  kamen Ende 1919 nach Wiesbaden wo sie 1920 heirateten. nach den Schrecken des Ersten Weltkriegs wollten sie sich hier eine Existenz aufbauen. Sie betrieben ein  Antiquitäten- und Gebrauchtwarengeschäft, in der Wagemannstraße, wo auch Abrahams Bruder Moses Leib ein Geschäft führte. Wie die Nachforschungen ergeben haben, wohnte die Familie an unterschiedlichen Adressen, und zuletzt von 1927 bis 1936 in der Hellmundstraße 15. Die Kinder, Salomon Leib wurde 1922 geboren, Jette Lea 1924.

Antisemitischer Hetze

Das ältere Kind, Salomon, war sehr früh Diskriminierungen und massiver antisemitischer Hetze ausgesetzt. So wurde er 1934, 12-jährig, von einem Lehrer als Schwindler denunziert. Die Schule am Berg schaltete die Kriminalpolizei ein, sodass Salomon wurde unter Schutzaufsicht des Jugendamts gestellt wurde. Sein Vater wehrte sich vehement dagegen, war ja noch geschützt durch die polnische Staatsbürgerschaft. In Der Stürmer, der wöchentlichen Hetzpostille der Nazis, erschien dazu ein auf das Übelste verleumdender Bericht: Der junge und der alte Jude. 1935 haben die Nationalssozialisten die Rassentrennung in den öffentlichen Schulen besiegelt – zur schulischen Ausbildung von Jette Lea sind in den Archiven kein Hinweise zu finden… 1936, der normale Alltag war besiegelt, trennten sich die Eltern von Salomon und Jette.

Versuch auswandern

Rosa ging nach der Trennung mit ihren Kindern nach Frankfurt und wohnte bei einer Schwester ihres Mannes. Salomon begann eine Ersatzlehre in der jüdischen Anlernwerkstätte. Er hat hier vermutlich eine Lehre als Friseur begonnen. Im Oktober 1938 kam es zur Deportation jüdischer polnischer Staatsbürger an die Grenze zu Polen bei Beuthen. Davon waren auch Rosa, Jette und Salomon betroffen. Sie konnten aber nach Deutschland zurückkehren, um ihre Auswanderung vorzubereiten.  Rosa und sicherlich auch Jette  wohnten ab Juli 1940 wieder in Wiesbaden, die Wohnung oft wechselnd. So haben Recherchen als Adressen auch die Yorkstraße 17, Mauergasse 10, Bismarckring 27, Nerostraße 8 zu Tage geführt. Am 10. Juni 1942 wurden sie über Lublin in das Vernichtungslager Sobibor deportiert und dort umgebracht.

Konzentrationslager Sachsenhausen

Salomon Leib versuchte in den letzten Wochen vor dem drohenden Kriegsbeginn nach England zu emigrieren/ zu flüchten. Eine Reihe seiner Verwandten waren bereits geflüchtet. Es gelingt ihm nicht mehr… Salomon und sein Vater Abraham wurden zeitgleich am 9. September 1939 von der Gestapo in Frankfurt verhaftet, kamen in das Gefängnis Frankfurt-Preungesheim und wurden am 2. November 1939 als sogenannte Schutzhäftlinge in das Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt. Über das Schicksal des Vaters ist nichts dokumentiert.

Erschossen und hingerichtet

Salomon wurde am 28. Mai 1942 ermordet, auf Befehl erschossen, zusammen mit 95 weiteren Häftlingen des KZ Sachsenhausen, als Vergeltung für einen Untergrund-Anschlag außerhalb des Lagers nahe Berlin. Das Schicksal des Vaters ist nicht geklärt.

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Die offizielle Internetseite zu den Stolpersteinen in Wiesbaden finden Sie unter www.wiesbaden.de.

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