Der Krieg endet, aber die Geschichte beginnt erst. Im Rhein-Main-Gebiet ringen Städte und Gemeinden 1945 nicht nur um Ordnung – sie erfinden sich neu
Es sind keine großen Bühnen, auf denen die Demokratie nach 1945 im Rhein-Main-Gebiet entsteht. Es sind Rathäuser, improvisierte Büros, Notunterkünfte. Genau dort setzt der neue Tagungsband „Kriegsende und Neubeginn an Rhein und Main“ an.
Tagungsband Band 18
Peter Quadflieg, Katherine Lukat (Hg.):
Kriegsende und Neubeginn an Rhein und Main. Perspektiven auf das Ende des Zweiten Weltkriegs und den Beginn des demokratischen Wiederaufbaus im Rhein-Main-Gebiet,
Schriften des Stadtarchivs Wiesbaden, Bd. 18,
Wiesbaden 2025, 328 S., Preis: 39,99 Euro,
ISBN: 978-3-9825083-3-7.
21 Autoren zeichnen nach, wie Kommunen Verantwortung übernommen, Entscheidungen getroffen und Strukturen geschaffen haben. Sie zeigen, wie aus Chaos langsam Verlässlichkeit gewachsen ist. „Die Kommunen bilden das Fundament des demokratischen Staatsaufbaus“, erklärt Archivleiter Peter Quadflieg. Ein Satz, der nüchtern klingt – und doch von enormer Tragweite ist.
Denn nach Jahren der Gleichschaltung müssen Städte ihre Selbstverwaltung neu lernen. Sie wählen Vertreter, organisieren Versorgung, richten Verwaltungen ein, die wieder dem Gemeinwohl dienen. Sie handeln – oft schneller, als es die große Politik kann, und oft unter Bedingungen, die kaum planbar sind.
Alltag zwischen Mangel und Mut
Während neue Verwaltungsstrukturen entstehen, kämpfen Menschen ums Überleben. Wohnungen fehlen, Lebensmittel bleiben knapp, Infrastruktur liegt in Trümmern, und täglich kommen neue Flüchtlinge in die Region. Der Tagungsband zeigt diesen Alltag ohne Pathos, aber mit Schärfe. Er beschreibt, wie Verwaltungen improvisieren, wie Hilfssysteme wachsen und wie erste Betreuungsstellen für politisch, rassisch und religiös Verfolgte entstehen.
Hier beginnt auch die Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Nationalsozialismus – leise, tastend, oft widersprüchlich. Nicht alles gelingt sofort, vieles bleibt bruchstückhaft. Doch die Richtung stimmt: Die Gesellschaft beginnt, Verantwortung zu übernehmen.
Viele Perspektiven, ein Raum
Der Band geht weit über Wiesbaden hinaus. Er nimmt Frankfurt, Darmstadt, Aschaffenburg und kleinere Orte in den Blick. Er sammelt Stimmen aus der Region, verbindet lokale Geschichten mit größeren Linien.
Was auf einem Kolloquium im Kulturforum Wiesbaden diskutiert wurde, verdichtet sich nun auf 328 Seiten. Beiträge, die damals keinen Platz fanden, ergänzen die Perspektiven. Das Buch wirkt dadurch wie ein Mosaik: viele Teile, ein Bild.
Besonders spannend sind die biografischen Zugänge. Sie zeigen, wie einzelne Menschen Entscheidungen treffen, Verantwortung tragen oder auch scheitern. Geschichte wird hier greifbar – nicht als abstrakte Entwicklung, sondern als Summe konkreter Handlungen.
Erinnerung, die weiterarbeitet
Wiesbadens Kulturdezernent Dr. Hendrik Schmehl nennt den Blick auf die Anfangsjahre „besonders spannend“. Vielleicht, weil er zeigt, wie fragil Demokratie ist – und wie sehr sie von konkretem Handeln lebt. Dr. Schmehl freue sich, dass das Stadtarchiv 2025 die Aufgabe übernommen hat, für die Landeshauptstadt Wiesbaden an ihren demokratischen Neubeginn vor 80 Jahren zu erinnern.“ Das mit der schriftlichen Dokumentation des Kolloquiums die Diskussionsbeiträge des Vorjahres nachzulesen seien. Dass der Tagungsband nicht im Jahr 1945 stehen bleibe. Er fragt bewusst, wie wir heute erinnern, wie sich Narrative verändern und welche Rolle lokale Geschichte in aktuellen Debatten spielt.
Und er stellt leise die Gegenfrage: Was machen wir aus dieser Geschichte?
Die Antwort bleibt offen. Aber das Buch liefert Material – und Anlass, sie zu suchen. Es lädt dazu ein, genauer hinzusehen, Parallelen zu erkennen und die Bedeutung demokratischer Strukturen neu zu würdigen. Gerade in Zeiten gesellschaftlicher Spannungen wirkt dieser Blick zurück erstaunlich gegenwärtig.
Archivfoto – Rathaus ©2026 LH Wiesbaden
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