Wiesbaden ist nicht nur Landeshauptstadt, sondern inoffiziell auch „Gartenschläferhauptstadt“ Hessens! Die kleine Schlafmaus mit der markanten „Zorro-Maske“ im Gesicht ist vielen Wiesbadenern als Mitbewohner im Garten bekannt.

Die hohe Populationsdichte des Gartenschläfers in und um die Landeshauptstadt ist eine echte Besonderheit. Nicht überall leben noch so viele Bilche wie hier. Bereits seit Jahrzehnten beobachten Wissenschaftler besorgt, dass die Populationen der Art in vielen Regionen Europas drastisch zurückgehen. In Deutschland ist das vor allem in den östlichen Bundesländern wie Sachsen oder Thüringen, aber auch in Bayern der Fall. Seit 2020 gilt der Bilch daher als stark gefährdet und wird auf der Roten Liste der Säugetiere Deutschlands geführt. Wiesbaden ist damit ein wahrer Gartenschläfer-Hotspot und Schutzbemühungen in der Stadt können dazu beitragen, die Populationen der gefährdeten Art nachhaltig zu stützen.

Das Projekt „Spurensuche Gartenschläfer“

Um den Rückgangsursachen auf den Grund zu gehen, ist 2018 das Projekt Spurensuche Gartenschläfer gestartet. Ziel ist es, die Lebensweise des Gartenschläfers zu erforschen, aus den Erkenntnissen Schutzmaßnahmen zu entwickeln und diese schließlich umzusetzen. Auf Spurensuche ging der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) gemeinsam mit der Justus-Liebig-Universität Gießen und der Senckenberg Gesellschaft für Naturschutz. Gefördert wird das Projekt im Bundesprogramm Biologische Vielfalt durch das Bundesamt für Naturschutz (BfN). Das Projekt ist damit Teil der nationalen Anstrengungen für den Schutz der biologischen Vielfalt in Deutschland.

Forschung in Wiesbaden

In Wiesbaden wurde in den letzten drei Jahren intensiv zur Biologie des Gartenschläfers geforscht. Durch den Einsatz modernster Technik, wie der Telemetrie, konnten wertvolle Erkenntnisse zur Lebensweise von Gartenschläfern im urbanen Lebensraum gewonnen werden. Hierbei bekamen die Bilche kleine Senderhalsbänder angelegt, die deren Position über einige Wochen aufzeichneten. Die daraus gewonnenen Bewegungsdaten lassen wichtige Rückschlüsse auf die Raumnutzung der Tiere zu.

Mithilfe der Analyse von Kotproben, die Aktive des BUND Wiesbaden drei Jahre lang in eigens dafür angebrachten Nistkästen auf einer Streuobstfläche in Igstadt sammelten, wurde das Nahrungsverhalten der Schlafmäuse untersucht.
Im Jahr 2021 wollten die Projektpartner zudem herausfinden, ob Gartenschläfer in Wiesbaden neben dem Siedlungsbereich auch den Stadtwald bewohnen. Dabei halfen sogenannte Spurtunnel, kleine Röhren aus Kunststoff, die an Bäumen und Sträuchern im Bahnholz angebracht wurden. Vom Prinzip her funktionieren sie wie ein Stempelkissen: Die Tiere laufen aus Neugier in den Tunnel hinein. Dabei tappen sie in natürliche Farbe aus Aktivkohle und Öl und hinterlassen so ihre Fußabdrücke auf einem weißen Papier, das am Boden des Spurtunnels befestigt ist. Die Spuren der Gartenschläfer können dabei eindeutig von denen anderer Kleinsäuger unterschieden werden.

Gartenschläfer und Spurensuche

Gartenschläfer und Spurensuche ©2022 Rolf Wegst

Ergebnis der Untersuchung

Abdrücke von Gartenschläfern konnten nicht gefunden werden, was die Vermutung nahelegt, dass sich die Tiere hauptsächlich im Siedlungsbereich aufzuhalten scheinen. Diese Einzelbeobachtung kann jedoch nicht so einfach auf andere Gebiete übertragen werden, weitere Untersuchungen hierzu sind nötig. Unterstützt wurden alle Aktionen tatkräftig vom Umweltamt der Stadt Wiesbaden. An die Forschungsphase schließt sich nun die Umsetzung der Schutzmaßnahmen an.

Gartenschläfer als Mitbewohner in Haus und Garten

Der Gartenschläfer ist, wie auch der Siebenschläfer, ein sogenannter Kulturfolger. Das heißt er lebt gerne in der Nähe des Menschen. Meist ein sehr putziger und possierlicher Gast im Garten, kann der Gartenschläfer aber auch Dachböden und Keller in Beschlag nehmen und dort lästig werden. Wie man in solchen Situationen richtig agiert, zeigt die Broschüre Vom richtigen Umgang mit Schlafmäusen im Haus. Sie informiert über die heimischen Bilche und gibt Hilfestellung, wenn es im Zusammenleben mit den Nagern zu Problemen kommt. Als besonders geschützte Art darf der Gartenschläfer ohne die Genehmigung der zuständigen Behörde nicht einfach gefangen werden. Daher sind Betroffene gebeten, sich für eine kostenlose Beratung an das Umweltamt oder den Umweltladen Wiesbaden zu wenden. Häufig können solche Konflikte mit einfachen Mitteln gelöst werden, wenn man die Lebensweise der Tiere besser versteht. Die Broschüre ist im Umweltladen erhältlich oder steht zum Download bereit:

Gartenschläfern helfen

Im eigenen Garten kann viel zum Schutz der gefährdeten Schlafmaus beigetragen werden. Wilde Ecken und Hecken aus heimischen Sträuchern sind ein Paradies für viele Tiere. Bereits kleine Ecken im Garten, in denen sich Natur frei entwickeln darf, genügen. Auch Nistkästen nehmen die Bilche gerne an und können so vielleicht davon abgehalten werden, im Haus Unterschlupf zu suchen. Eine Bauanleitung gibt es unter: www.gartenschlaefer.de/. Tipps und Hinweise zur Gartengestaltung finden Sie unter www.gartenschlaefer.de.

Gartenschläfer gesehen?

Sichtungsmeldungen, am besten mit Foto, können in der Meldestelle unter www.gartenschlaefer.de eingetragen werden.

Jungen oder verletzten Gartenschläfer gefunden?

Hilflose oder verletzte (junge) Gartenschläfer benötigen fachkundige Hilfe und sollten auf keinen Fall selbst aufgezogen oder gepflegt werden. Hilfe bieten Wildtierauffangstationen. Informationen finden Sie unter www.bund-hessen.de.

Toten Gartenschläfer gefunden?

Tote Gartenschläfer sind für die Wissenschaft hoch interessant. Im Raum Wiesbaden können diese selbstständig beim Landesmuseum abgegeben werden. Sie sind ein wertvoller Beitrag für die dortige Sammlung und kommen so auch der Forschung zugute. Informationen finden Sie unter www.bund-hessen.de.

Steckbrief Gartenschläfer

Der Gartenschläfer (Eliomys quercinus) gehört zur Familie der Bilche, die auch Schlafmäuse genannt werden. Dazu gehören auch die Haselmaus (Muscardinus avellanarius) und der viel bekanntere Siebenschläfer (Glis glis). Der Gartenschläfer ist mit etwa 11-17 cm recht klein und hat flauschiges Fell, das an der Oberseite rot-braun ist, wohingegen seine Flanken und die Unterseite weiß sind. Besonders gut aber sind Gartenschläfer an ihrer auffälligen Zorro-Maske im Gesicht zu erkennen. Diese dunkle Fellmaserung um die Augen verleiht ihnen den Spitznamen Zorro. Ein weiteres Merkmal der kleinen Schlafmaus sind seine runden Ohren und der in einer weißen Quaste endenden Schwanz. Dieser ist weit weniger buschig als des etwas größeren Siebenschläfers. Von Oktober bis März halten Gartenschläfer Winterschlaf. Sie bekommen ein bis zweimal im Jahr 4-6 Jungtiere. Die Fortpflanzungsphase beginnt im April und zieht sich bis in den September. Seit 2020 ist der Gartenschläfer als stark gefährdet in der Roten Liste der Säugetiere in Deutschland gelistet. Nach dem Bundesnaturschutzgesetz ist der Bilch „besonders geschützt“.

Fotos ©2022  Jiri Bodahl

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Informationen für Hausbesitzer finden Sie unter www.gartenschlaefer.de.

 

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