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Kandidierende aller Parteien diskutieren im Rathaus über Wohnen, Mobilität, Barrierefreiheit und Pflege – eine lebendige Kommunalrunde des Seniorenbeirats Wiesbaden.

Barrieren, Bürokratie: Kommunalpolitik trifft Realität der Älteren

Der Seniorenbeirat Wiesbaden bringt die Kommunalwahl direkt ins Rathaus – und zwingt alle Parteien zu Antworten auf die Fragen älterer Menschen. Wohnen, Mobilität, Pflege, Sicherheit und Barrierefreiheit führen zu einer ungewohnt offenen Debatte, in der politische Wirklichkeit und Alltagserfahrung aufeinandertreffen.

Volker Watschounek 5 Stunden vor 0

Im Rathaus diskutieren Parteien und Seniorinnen über Wohnen, Mobilität, Pflege und Sicherheit – eine Debatte, die zeigt, wie sehr Wiesbaden um alltagstaugliche Politik ringt.

Es beginnt unspektakulär – ein Montagnachmittag, ein gut gefüllter Saal, ein Podium, das auf den ersten Blick so wirkt, als ließe sich dieser Termin schnell abhaken. Doch der Eindruck täuscht. Der Seniorenbeirat Wiesbaden hat die Kommunalwahl ins Rathaus geholt, und mit ihr die Fragen, die fest im Alltag von Wiesabdens Senioren Stadt verankert sind: Wohnen, Pflege, Mobilität, Sicherheit, Barrierefreiheit, digitale Teilhabe. Themen, die selten glanzvoll klingen, aber über Lebensqualität entscheiden.

Christa Gabriel (SPD), Dennis Seldenreich (AFD), Mechthilde Coigné (Die Linke), Nele Siedenburg (Grüne), Daniela Georgi (CDU), Jasmine Lesken (Volt), Petermartin Oschmann (FWG) Günther Schäfer (PRO AUTO – die Bürgerlichen) und Silvia Schob (FDP) stellen zunächst ihre Programme vor, jede Partei mit eigenen Akzenten, manche mit Tempo, andere mit ruhiger Sachlichkeit. Doch erst, als der Seniorenbeirat das Wort ans Publikum gibt, nimmt die Diskussion Fahrt auf – zeigt sich, wie viel Politik in Wiesbaden tatsächlich miteinander ringen muss.

Wohnen als Ausgangspunkt – und als roter Faden

Fast alle Beiträge streifen das Wohnen: Christa Gabriel (SPD) spricht von bezahlbaren Neubauten und Quartieren mit Pflegepunkten; Nele Siedenburg (Grüne) erklärt, wie Wohnraum, Klimaresilienz und Barrierefreiheit zusammenspielen; Daniela Georgi (CDU) fordert ein Wohnumfeld, das Menschen möglichst lange eigenständig bleiben lässt.

Noch bevor die erste Publikumsfrage gestellt wird, hängt eines in der Luft: Wohnpolitik ist nie nur Wohnpolitik – sie beeinflusst Verkehr, Pflege, soziale Teilhabe, Alltagswege. Genau an diesem Punkt knüpft die Debatte an.

Barrierefreiheit – wo Prinzipien und Realität kollidieren

Der erste Fragesteller hebt ein Wort hervor, das zuvor mehrfach gefallen ist: Barrierefreiheit. Er will wissen, warum der Antrag, ehrenamtliche Barrierebeauftragte in allen Ortsbeiräten einzusetzen, scheiterte. Es zeigt sich ein Grundmuster des Nachmittags: Die Parteien haben dieselben Ziele – aber völlig unterschiedliche Wege dorthin.

Georgi argumentiert, Barrierefreiheit brauche Menschen, die vor Ort sehen, wo Rampen fehlen und welche Bushaltestelle umgebaut werden müsse. Ihr Antrag sei angenommen und später wieder gekippt worden. Darum wolle sie erneut dafür kämpfen. Gabriel hingegen wirft die Gegenfrage auf: Warum zusätzliche Strukturen schaffen, wenn der Seniorenbeirat bereits präsent sei und seine Expertise einbringe? 26 Ehrenamtliche zu finden, sei aus ihrer Sicht illusorisch.

So beginnt die Veranstaltung, noch bevor es um große Systemfragen geht, mit einem sehr kommunalen Konflikt: Wieviel Ehrenamt ist realistisch? Wieviel Verantwortung kann oder muss man dezentral organisieren?

Bürokratie – das Hindernis, über das alle stolpern

In diese noch gut geerdete Debatte fällt der nächste Beitrag – und öffnet den Blick weiter. Ein Architekt spricht über Trinkbrunnen, die bis zur Umsetzung neun Ämter durchlaufen müssen, über Initiativen, die an Formularen scheitern. Die Reaktionen zeigen, dass der Nerv getroffen wurde.

Siedenburg erklärt, wie wichtig Schnittstellen, digitale Prozesse und klare Zuständigkeiten seien. Die Linke, vertreten durch Mechthilde Coigné, ruft zu demokratischer Einmischung auf – Leserbriefe, Bürgerfragestunden, Initiativen, die sich an Medien wenden. Die CDU wiederum fordert mehr Ermessensspielraum für Verwaltungsmitarbeitende, weniger Formalismus, mehr pragmatische Entscheidungen.

Der Übergang von Barrierefreiheit zur Bürokratie wirkt fast zwangsläufig: Was nützt der Wille zur Veränderung, wenn Bewilligungen zu lang dauern? Was nützt Engagement, wenn Prozesse engagierte Menschen bremsen? In diesem Moment wird klar: Die strukturellen Fragen – wie Verwaltung arbeitet, wie Bürger beteiligt werden – bilden das Fundament vieler Themen dieses Nachmittags.

Mobilität – der Punkt, an dem die Emotionen steigen

Von hier führt der Weg fast automatisch zur Mobilität. Viele Zuhörende sind älter, viele fahren Auto, viele fürchten, dass Verkehrspolitik an ihren Bedürfnissen vorbeigeht. Ein Mann fragt die Grünen, wie sie soziale Kontakte sichern wollen, wenn Freunde auf dem Land wohnen und Parkplätze in Innenstädten schwinden.

Siedenburg antwortet mit einem Beispiel, das in der Stadt bereits sichtbar ist: Elsässer Platz. Der frühere Parkplatz wird entsiegelt, ein Parkhaus schafft bereits Ersatz. Mobilität, so betont sie, solle nicht gegeneinander ausgespielt werden – weder gegen Ältere noch gegen Familien. Es gehe um Alternativen, nicht um Verbote.

Jasmine Lesken (Volt) schildert aus eigener Erfahrung, wie schwierig sie abends Parken in der Stadt empfinde, – und wie teuer die Parkhäuser geworden seien. Diese Offenheit schafft Nähe – und zeigt, dass auch politisch Engagierte denselben Alltag erleben wie das Publikum. Mit Verlaub sei hier ein Augenmerk auf das neue Parkmanagement in Wiesbaden gelegt.

FWG-Kandidat Oschmann weitet das Thema auf die Verkehrsplanung insgesamt aus. Entscheidungen folgten oft Einzelinteressen, Maßnahmen wirkten widersprüchlich. Eine Politik, die Verkehre gegeneinander setze, verliere Akzeptanz –. So wird deutlich: Mobilität ist der Kristallisationspunkt der Gefühle – das Thema, das zeigt, wie verschiedene Lebensrealitäten miteinander konkurrieren.

Sicherheit und Sauberkeit – Lebensqualität im Kleinen

Der Seniorenbeirat möchte anschließend über Sicherheit sprechen. Wieder entsteht ein Übergang, der im Alltag vieler älterer Menschen offensichtlich ist: Wer sich unsicher fühlt, geht weniger raus – und verliert damit Teilhabe. Die CDU betont Waffenverbotszonen, Beleuchtung, Sauberkeit. Die FDP verweist auf frühere Debatten über die Ausstattung der Stadtpolizei. Pro Auto–Vertreter Schäfer fordert mehr Personal und klare Prioritäten: Sicherheit sei kein Luxus, sondern Pflicht.

Auch das fügt sich logisch in den bisherigen Verlauf der auf zwei Stunden angesetzten Podiumsdiskussion ein: Wer über Mobilität spricht, spricht über Wege. Wer über Wege spricht, spricht über Sicherheit. So wächst die Debatte organisch weiter.

Digitalisierung – Fortschritt mit Schattenseite

In diesen Gedankenfluss hinein tritt eine 85-jährige Übungsleiterin. Sie beschreibt, wie schwer QR-Codes, Arztportale und Online-Anmeldungen nicht nur für sie selbst, sondern auch für viele andere ältere Menschen aus ihren Kursen sind.

Die Antwort fällt überparteilich aus: Digitalisierung ja, aber niemals ohne analoge Alternativen. CDU, FDP und SPD nennen Beispiele – EDV-Cafés, Schulungen, Hilfe im Rathaus, stadtteilnahe Angebote. Damit verschiebt sich die Perspektive ein weiteres Mal: Politische Zukunftsthemen sind nur dann tragfähig, wenn sie niemanden zurücklassen.

Die harte Rückseite politischer Versprechen

Dann wendet sich ein Zuhörer der Haushaltslage zu. Der Nachmittag zeigt seine ganze Breite: Von Gehwegen bis Millionenbudgets reicht der Spannungsbogen. Die CDU kritisiert eine Haushaltspolitik ohne Prioritäten, die Rücklagen aufbraucht habe. Die AfD spricht von einer ausufernden Verwaltung. Die Linke hält dem entgegen: Schulen, Feuerwehrhäuser und Sportanlagen seien notwendig – Versäumnisse früherer Jahre kosteten heute doppelt.

So schließt sich der Kreis: Was Barrierefreiheit, Sicherheit und Mobilität kosten, entscheidet letztlich der Haushalt.

Radverkehr – Gleichberechtigung als Prüfstein

Zum Schluss entzündet sich die Debatte erneut an einem Mobilitätsthema: dem Radverkehr. Eine Frau geht auf das Eingangsstatement von Daniela Georgi ein und weist auf die steigende Zahl älterer E-Bike-Fahrender hin. Sie fragt, warum Radwege derart gefährlich und Gehwege umkämpft seien. Georgi stellt richtig, dass sie Radfahrende nicht als Gefahr bezeichnet habe, sondern Zweiradfahrer auf Gehwegen. Siedenburg greift den Faden auf und meint, dass Wiesbaden sehr wohl Fahrradstadt sein könnte – wenn die Stadt weiter an einer sicheren Infrastruktur arbeite.

Dieser letzte Austausch fasst den Nachmittag in Miniaturform zusammen: dieselben Ziele, völlig unterschiedliche Wege.

Ein Nachmittag, der zeigt, wie Politik funktioniert

Als der Seniorenbeirat die Veranstaltung schließt, wirkt die Diskussion nicht abgeschlossen, sondern geöffnet. Sie hat gezeigt, wie Wiesbaden altert – und was die Kommunalwahl entscheidet: ob Menschen ihren Alltag selbstbestimmt leben können, ob Verwaltung zuhört, ob Sicherheit gelingt, ob Verkehr fair verteilt wird.

Die Teilnehmenden verlassen das Rathaus nicht mit fertigen Lösungen, aber mit einem Eindruck: Politik entsteht dort, wo Menschen miteinander reden – hart, leise, emotional, sachlich. Und selten so konzentriert wie an diesem Nachmittag.

Foto © 2026 Volker Watschounek  

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