Jedes Kind hat das Recht auf Lebensbedingungen, in denen es sich sicher und frei entwickeln kann. Geld für Essen, Kleidung und eine sichere Wohnumgebung sind essenziell. Armut zu oft Realität.

Jedes fünfte Kind in Deutschland erlebt Armut oder lebt an der Armutsgrenze. Laut einer gerade veröffentlichten Analyse der Bertelsmann Stiftung sind das in Deutschland 2,8 Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. Die Corona-Krise verschärft die Situation. Menschen aus Wiesbaden, die in Kitas, Schulen oder Kinder- und Jugendzentren arbeiten, erleben Kinder- und Jugendarmut hautnah, zum Beispiel Gabi Reiter: Sie ist Leiterin des Kinder-Jugend- und Stadtteilzentrum (KiJuZ) Biebrich, das täglich Anlaufpunkt für etwa 50 bis 60 Kinder ist. Nico Nestler hat mit ihr gesprochen

Wie zeigt sich Kinder- und Jugendarmut in Ihrer täglichen Arbeit?

Gabi Reiter: Wir erleben fehlende oder mangelnde Fürsorge der Eltern, aber auch materielle Armut, die etwa anhand der Kleidung sichtbar wird, aber auch bei der fehlenden Freizeitgestaltung: Kinobesuche, Mitgliedschaften im Verein, Stadterkundungen oder Museumsbesuche sind nie oder kaum möglich.

Wie unterstützen Sie Betroffene?

GR: Durch das Engagement der Initiative der Lebensmittelrettung, mit der wir kooperieren, wird regelmäßig gekocht und manchmal auch Essen zum Mitnehmen verteilt. Im Kinderzentrum gibt es einen Mittagstisch und Hausaufgabenbetreuung für angemeldete Grundschulkinder. Im „Laden Parkfeld“ wird zudem eine Hausaufgabenunterstützung angeboten, die auch während des Lockdowns digital weitergeführt wurde.
Unsere Ferienreisen, Seminare, Exkursionen oder die Internationalen Kinder- und Jugendbegegnungen sind kostenfrei oder sehr günstig. So ermöglichen wir Kindern jenseits des Alltags Erfahrungen zu machen, die sie aus ihren Elternhäusern nicht kennen. Wir unterstützen Eltern bei der Antragstellung zur Übernahme der Kosten. Es gibt leider Kinder und auch Jugendliche, die noch nicht mal 5 Euro erhalten, um etwa an einer Übernachtung oder einem anderen Ausflug teilnehmen zu können. Oder es fehlen 50 Euro, wenn es um Ferienreisen geht.

Welche konkrete Unterstützung oder Veränderung wünschen Sie sich, um den Herausforderungen von Kinder- und Jugendarmut besser begegnen zu können?

GR: Der Umgang mit Geld ist in den Familien ein großes Problem: fehlendes Planungsverhalten, keine Kontrollmechanismen, mangelnde Haushaltsführung. Hier muss man ansetzen. Die Familien müssen lernen und bestärkt werden, bewusster mit ihren Ressourcen umzugehen. Ein kostenfreier ÖPNV für bedürftige Familien oder kostenfreie Mitgliedschaften in Vereinen wären darüber hinaus wünschenswert.

Wie haben Sie sich im KiJuZ auf die Corona-Pandemie eingestellt?

Wir haben auf digitale Formate und Ansprache umgestellt. Jetzt, wo wieder soziale Kontakte möglich sind, können Kinder und Jugendliche auch mit einem Mitarbeiter*in etwas unternehmen – natürlich mit Abstand, aber dafür mit viel Herz. 

Hintergrund

Fast 32 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Biebrich sind von Armut betroffen, die Arbeitslosigkeitsquote liegt mit fast 8 Prozent über dem Wiesbadener Durchschnitt. Die Mitarbeiter*innen des KiJuZ helfen bei der Bewältigung von Alltagsproblemen, bieten Beratung und Hilfe in Krisensituationen und fördern mit ihren Angeboten die Stärken von Mädchen und Jungen. Gabi Reiter leitet das KiJuZ in Trägerschaft der Stadt Wiesbaden seit 30 Jahren.

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Die offizielle Internetseite der Bertelsmann Stiftung zum Thema finden Sie unter www.bertelsmann-stiftung.de.

 

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