König Marke erwischt Tristan und Isolde in flagranti. Es folgt kein Zornesausbruch, keine Rachegelüste. Worte und Töne prägen das Bild. Das Klagelied, das Marke anstimmt, gehört zu dem Schönsten, was Wagner geschaffen hat.

Das Motto der diesjährigen Internationalen Maifestspiele – O sink hernieder, Nacht der Liebe – entstammt der Eröffnungsproduktion Tristan und Isolde. Richard Wagner unterscheidet darin zwischen einer rationalen Tag- und einer ihr entgegengesetzten irrationalen, rauschhaften Nachtwelt.

Internationale Maifestspiele, kurz gefasst

Starten der darstellenden Kunst – Oper und Konzerte, Schauspiel und Lesungen
Wann: vom 1. Mai bis 31. Mai 2020
Wo: Hessisches Staatstheater Wiesbaden, Christian-Zais-Straße 3, 65189 Wiesbaden (Anfahrt planen!)
Eintritt: Vereinzelte Veranstaltungen sind frei zugänglich, in der Regel ab 8,00 Euro

Der Kartenvorverkauf läuft.
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Die Wahl des Mottos 2020 bei den Internationalen Maifestspielen in Wiesbaden ist ein Bekenntnis dazu, dass die Kunst wie auch die Liebe anderen Regeln folgen als denen der Alltagswelt. Entsprechend spannt sich das Programm der Maifestspiele gleichsam zwischen den nächtlichen Polen des Lebens auf: zwischen der weltauslöschenden Liebe von Tristan und Isolde, den albtraumdurchwirkten Nächten der Klytämnestra in Elektra und der irritierend-surrealen Begegnung mit der verlorenen eigenen Nase in der Tanz-Rap-Oper The Nose.

Tristan und Isolde

Die Premiere von Richard Wagners Tristan und Isolde in der Inszenierung von Uwe Eric Laufenberg und unter der Musikalischen Leitung von GMD Patrick Lange eröffnet die Internationalen Maifestspiele 2020 mit einer Bayreuth-erfahrenen Starbesetzung. Catherine Foster übernimmt die Partie der Isolde, Lance Ryan, Andreas Schager den Tristan. Als König Marke sind René Pape und in späteren Mai-Vorstellungen Tobias Kehrer zu erleben.

Catherine Foster widmet sich auch der Partie der Elektra mit einer Darstellungskraft und Stimme, die berauschen und Gänsehaut hervorrufen. In der Inszenierung von Magdalena Weingut und unter der Musikalischen Leitung von Marius Stieghorst singen als weiterer Stargast der lettische Bassbariton Egils Siliņš als Orest sowie Dalia Schaechter als Klytämnestra und Johanni van Oostrum als Chrysothemis.

Der fliegende Holländer

In Der fliegende Holländer übernimmt Michael Volle, der zu den wichtigsten Sängern im Wagner-Fach und Liedinterpreten zählt, die Titelpartie. In der Inszenierung von Michiel Dijkema und unter der Musikalischen Leitung von GMD Patrick Lange gibt zudem Gabriela Scherer als Senta ihr Rollen- und Hausdebüt.

In Georges Bizets Publikumsliebling Carmen in der Inszenierung von Uwe Eric Laufenberg und Kristiina Poska am Pult sind gleich drei internationale Stars zu erleben: Für die Rolle des Escamillo kommt der gefragte russische Bariton Alexey Markov, den Don José gibt Brandon Jovanovich, und in der Titelrolle dürfen wir uns auf Annalisa Stroppa freuen.

Mit Anja Harteros erwartet das Publikum in Der Rosenkavalier in der Inszenierung von Nicolas Brieger und unter der Musikalischen Leitung von GMD Patrick Lange eine Marschallin mit großer Eleganz. Die gefeierte Strauss-Interpretin Daniela Fally übernimmt die Partie der Sophie. Als Herr von Faninal ist Jochen Schmeckenbecher zu erleben.

Tanz-Rap-Oper „The Nose“

In der fantasievollen Tanz-Rap-Oper The Nose von der aus Südafrika stammenden Hamburger Choreografin Jessica Nupen wird Nikolai Gogols Fabel neu interpretiert. Die Musik für das Projekt mit einem internationalen Ensemble aus tanzenden Sänger und singenden Tänzer komponiert der kanadische Musiker und Rapper Josh Socalled Dolgin.

Anja Harteros übernimmt unter der Musikalischen Leitung von GMD Patrick Lange in Tosca die Titelpartie. In der Rolle des Kunstmalers Mario Cavaradossi ist der italienische Tenor Massimo Giordano zu erleben.

Konzertabende

Mit dem Konzertabend Let’s Misbehave! wagt die tschechische Mezzosopranistin Magdalena Kožená zusammen mit Tschechiens führender Swing-Band Ondřej Havelka & His Melody Makers einen Ausflug in den Bereich der leichten Muse mit Songs von Cole Porter. Chris Pichler und die Kammermusikvereinigung des Hessischen Staatstorchesters Wiesbaden präsentieren in Tristan die Novelle von Thomas Mann in musikalischer Umrahmung.

Mit Benjamin Brittens War Requiem op.66 ist anlässlich des 75. Jahrestages des Kriegsendes am 8. Mai ein ganz besonderes Friedenskonzert zu erleben. Das Konzert findet mit Unterstützung zahlreicher Institutionen statt. Besonders erwähnt seien hierbei das Land Hessen, der Hessische Landtag, die Konzertorte Wiesbaden, Hanau und Darmstadt, der Kulturfond Rhein-Main sowie die Hans Erich und Marie Elfriede Dotter-Stiftung.

Der musikalisch-literarische Abend Musik war Hoffnung ‒ Wider das Vergessenmit Herman Beil und dem Merlin Ensemble Wien erinnert am 10. Mai an die Opfer des Nationalsozialismus, unter denen Komponisten wie Viktor Ullmann und Hans Krása waren. Zuvor, am 9. Mai, zeigen die Musiker des Merlin Ensembles und der Physiker Harald Lesch mit Vivaldis Vier Jahreszeiten‹ im Klimawandel die Brisanz der globalen Erwärmung auf.

Geübter Stories

Mit Gender Stories begibt sich die lautten compagney Berlin zusammen den amerikanischen Opernstars Vivica Genaux und Lawrence Zazzo mitten hinein in die turbulente Travestie der Geschlechter im Barock. Eine weitere Spezialistin im Bereich Alte Musik ist Sopranistin Dorothee Mields, die mit dem Wiesbadener Ensemble Mattiacis und Vokal- und Instrumentalmusik des italienischen Barock zu erleben ist.

Zum 250. Geburtstag von Beethoven spielen Klazz Brothers & Cuba Percussion seine Meisterwerke tanzbar neu arrangiert:Beethoven meets Cuba. Neue Beethoven-Klänge bringt auch das Konzert des Marimbaquartetts The Wooden Anvil und ihrem BEETHOVEN: Portrait in Percussion.

Das Sinfoniekonzert WIR 6, in dem Jörg Widmann am Pult des Hessischen Staatsorchesters eigene Werke dirigiert, ist Beginn eines Widmann-Schwerpunkts, der kommende Spielzeit mit der Wiesbadener Erstaufführung der monumentalen Oper Babylon seinen Höhepunkt hat.

Maifestspiele und Liederabende

Liederabende haben bei den Internationalen Maifestspielen Tradition. Die begnadete Schauspielerin und passionierte Sängerin Dagmar Manzel ist pünktlich zum Erscheinen ihrer CD Sehnsucht  mit ihrer sehr persönlichen Lied-, Text- und Musikauswahl bei den Maifestspielen zu Gast. Florian Boesch und Justus Zeyen am Klavier laden in diesem Jahr mit Liedern von Franz Liszt, Richard Strauss und Robert Schumann in die musikalische Hochromantik ein.

Maifestspiele und Schauspiel / Lesungen

Die Schauspielproduktionen und -einladungen der Internationalen Maifestspiele folgen in diesem Jahr einer klaren Programmatik: Die herausragenden Inszenierungen, die zu sehen sein werden, vereint der Glauben daran, dass die tiefen menschlichen Konflikte durch die reale Gegenwart der dargestellten Figuren in den Schauspielern zum Ausdruck kommen können. Alle Produktionen glauben an diese Urkraft des Theaters, dass Menschen andere Menschen spielen, sich in sie verwandeln können. Dies zu betonen ist in Zeiten, in denen häufig auf den Bühnen der reale bzw. der authentische Mensch die zitierte reale Gegenwart ersetzen soll, nicht trivial. Hervorzuheben ist auch, dass zwei internationale Produktionen während der Maifestspiele gastieren, die jeweils aus krisengeschüttelten Regionen stammen: aus Rumänien und aus Israel/Palästina.

Schauspielprogramm

Das Schauspielprogramm eröffnet mit einer Eigenproduktion des Hessischen Staatstheaters, die den Bogen zum Beginn der Spielzeit schlägt: Wie Daniel Kehlmanns Tyll spielt auch Friedrich Schillers Wallenstein im Dreißigjährigen Krieg, dessen schwerwiegende historische, gesellschaftliche und menschliche Umwälzungen zu unserer Gegenwart ungeahnte und unerwünschte Analogien entwickeln. Regisseur Nicolas Brieger nimmt seine Inszenierung zum Anlass, über die schicksalhafte Geschichte des charismatischen Kriegsherren Wallenstein nachzudenken, der in vielem Züge eines heutigen Staatsmannes aufweist.

In Anton Tschechows Iwanow in der Inszenierung des Bochumer Intendanten und vielfach preisgekrönten RegisseursJohan Simons wird der Iwanow vom zweimaligen Schauspieler des Jahres und Iffland-Ringträger Jens Harzer interpretiert, der sich drei Wochen später zudem mit der Hölderlin Lesung Hyperionpräsentiert.

Das Deutsche Theater Berlin ist mit dem Schauspiel-Solo Ismene, Schwester von mit der Deutschen Filmpreisträgerin Susanne Wolf in der Inszenierung von Stephan Kimmig bei den Maifestspielen zu Gast.

In Die Katze und der General beleuchtet die Autorin Nino Haratischwili neben der irren Logik des Krieges vor allem die jüngste Vergangenheit Russlands und die Unabhängigkeitsbestrebungen Tschetscheniens. Nach Das achte Leben (Für Brilka) – eingeladen zu den Maifestspielen 2017 – bringt Jette Steckel den zweiten großen Roman Haratischwilis von der Bühne des Thalia Theaters mit nach Wiesbaden.

Nur alle paar Jahre bringt Regisseur Thorsten Lensing eine neue, stets frei produzierte Inszenierung heraus und greift dabei auf einen festen Stamm hochkarätiger Schauspieler wie Ursina Lardi, Devid Striesow oder auch die gebürtige Wiesbadenerin Jasna Fritzi Bauer zurück. Bei den Maifestspielen ist er mit seiner Inszenierung des Kultromans Unendlicher Spaß von David Forster Wallace zu Gast.

Das Deutsche Theater Berlin ist dieses Jahr mit Ulrich Matthes, einem äußerst gern gesehenen Gast bei den Maifestspielen, als Alceste in Anne Lenks Inszenierung Der Menschenfeind von Molière zu sehen.

Der Solo-Abend Böhm, bei dem Puppenspieler, Regisseur, Schauspieler und Kunstpfeifer Nikolaus Habjan mit elf äußerst lebendigen Handpuppen auf der Bühne steht, porträtiert einen der größten Dirigenten des 20. Jahrhunderts, Karl Böhm. Nicht zuletzt dessen höchst opportunistische Haltung in der Zeit des Nationalsozialismus gerät dabei in den Fokus.

In dem poetischen Ein-Frau-Stück Dreams Die Hard von und mit Rachel Karafistan, das von den Tagebüchern ihrer Großmutter inspiriert ist, wechseln sich Komik und Tragik in der Darstellung einer bewegten und bewegenden Nachkriegsbiografie ab.

Das Ensemble des Berliner Gorki Theaters ist mit Anna Karenina oder Arme Leute in der Inszenierung des kroatischen Skandal-Theatermachers Oliver Frljić zu Gast bei den Maifestspielen. Die Provokation hebt sich der Regisseur diesmal allerdings bis kurz vor das Ende der Aufführung auf, bis dahin ist eine einfühlsame und klug gestraffte Tolstoi-Adaption zu sehen.

Internationales Gastspiel

In dem multidisziplinären Projekt Tagebuch Rumänien. Temeswar, inszeniert von Carmen Lidia Vidu, bieten sechs Schauspielerinnen des Deutschen Theaters Temeswar ganz private Einblicke in ihr Leben in Rumänien. Das anschließende Publikumsgespräch findet in Kooperation mit dem goEast-Filmfestival statt.

Palestine, Year Zero entstand aus der Zusammenarbeit der israelischen Regisseurin Einat Weitzman und dem palästinensischen Schauspieler George Ibrahim. Die Produktion konnte nur gegen einen Zensurversuch der israelischen Kulturministerin und durch den erfolgreichen Zusammenschluss vieler israelischer Kulturschaffender in Tel Aviv gezeigt werden. Das Stück erzählt von einem Gebäudegutachter, sich anhand der Zerstörung der Häuser ein Bild über den Zustand seines Landes macht.

Lesungen

Drei Lesungen komplettieren das Schauspielprogramm: Der Star-Schauspieler Sebastian Koch kehrt mit einer Lesung der Traumnovelle von Arthur Schnitzler nach Wiesbaden zurück. Musikalisch gerahmt wird der Abend mit Jazz-Klängen des Hubert Nuss Quartetts, dem sich ein prominenter Überraschungsgast zugesellen wird. Die Lieblingsstellen aus seinen Büchern liest der erfolgreiche Schauspieler und Autor Joachim Meyerhoff vor. Der gebürtige Wiesbadener Jans Harzer liest zum 250. Geburtstag Friedrich Hölderlins aus dessen Briefroman »Hyperion«, einem der schönsten Prosatexte deutscher Sprache überhaupt.

Maifestspiele und Tanz / Performance

Choreograf Serge Aimé Coulibaly und sein kosmopolitisches Ensemble des Faso Danse Théâtre interpretieren in Kirina das mündlich überlieferte Epos über die gleichnamige westafrikanische Schlacht aus dem 13. Jahrhundert auf moderne Weise. Die mitreißende choreografische Auseinandersetzung über Dekolonisation und Demokratie wird unterfüttert mit einem Libretto des senegalesischen Sozialökonomen Felwine Sarr sowie Musik der malischen Sängerin Rokia Traoré, einer der führenden zeitgenössischen Stimmen Westafrikas.

VIVA! von dem spanischen Choreografen Manuel Liñán fordert die Grenzen des traditionellen Flamencos heraus, dabei wird die scharfe Trennung zwischen männlich und weiblich zur Disposition gestellt. Die sechs Tänzer verkörpern ein Lebensgefühl, das frei von jedwedem Sexismus die Freude am körperlichen Selbstausdruck offenbart.

Der dritte Teil der Familientrilogie Kind der belgischen Tanzperformance-Kompanie Peeping Tom holt, changierend zwischen Märchen und Magie, zwischen Gut und Böse, die besonders dunklen Aspekte eines Entwicklungsprozesses ans Licht, der durch Gewalt, Wirklichkeit und Schein sowie den kindlichen Widerstand der Selbstfindung führt.
Inspiriert von der Idee eines chaotischen Kosmos aus nordischem Mythologien hat der taiwanesische Choreograf Po-Cheng Tsai mit seiner Kompanie B.Dance einen flüchtigen Raum geschaffen, der einer endlosen, kosmischen Landschaft der Leere ähnelt. Auf der Suche nach dem tiefsten Ursprung des Seins verbindet Innermost kulturelle Elemente aus Ost und West.

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Die offizielle Internetseite des Hessischen Staatstheaters finden Sie unter www.staatstheater-wiesbaden.de.

 

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