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Ausstellungseröffnung Rechte Gewalt in Hessen.

Wie Hessen mit rechter Gewalt ringt – Ausstellung im Rathaus eröffnet

Die neue Ausstellung „Rechter Terror in Hessen“ im Wiesbadener Rathaus zeigt Tatorte, erzählt Lebensgeschichten und erklärt, wie sich Radikalisierung ausbreitet. Sie fordert die Öffentlichkeit heraus, erinnert an Walter Lübcke, Hanau und zahlreiche vergessene Opfer – und mahnt demokratische Verantwortung ein.

Volker Watschounek 2 Stunden vor 0

Die Ausstellung „Rechter Terror in Hessen“ dokumentiert Gewalt, benennt Opfer und fragt, warum Hessen so viele blinde Flecken trägt.

Als sich gestern Abend die Türen des Wiesbadener Rathauses öffneten, veränderte sich der vertraute Klang kommunaler Routine. Das Rathausfoyer wirkte konzentrierter, schwerer, zugleich erwartungsvoll. Die Stadt präsentiert hier bis zum 6. Februar die neue Ausstellung Rechter Terror in Hessen. Schnell wurde klar: Dieser Abend wollte nicht informieren, sondern wachrütteln. Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende sagte es gleich zu Beginn deutlich: „Dieses Rathaus gehört den Bürgerinnen und Bürgern. Und sie sollen sehen, womit wir uns auseinandersetzen müssen.“

Neues Rathaus, kurz gefasst

Ausstellung – Rechter Terror in Hessen
Wann: Montag, 19. Januar bis 06. Februar 2026
Wo: Stadt Wiesbaden Rathaus, Schlossplatz 6, 65183 Wiesbaden
Eintritt: frei

Er sprach nicht abstrakt über Sicherheit oder Extremismus, sondern über Menschen. Über Nachbarn, Kolleginnen, Opfer. Über politische Verantwortung, die persönlich wird. Besonders, als Mende an Walter Lübcke erinnerte, mit dem er einst im Landtag arbeitete. Seine Worte über den „bodenständigen Nordhessen“ verbanden Trauer mit Zorn – und mit der Erkenntnis, dass Lübckes Ermordung kein isolierter Angriff war. Es war der Höhepunkt einer Entwicklung, die sich schon Jahre zuvor zeigte, auch in Wiesbaden selbst.

Der Abend spannte von Beginn an ein Netz aus Geschichte, Gegenwart und Verantwortung. Und die Ausstellung, die danach eröffnet wurde, gab diesem Netz Kontur.

Die unscheinbaren Orte des Schreckens

Die Schau verzichtet auf symbolische Wucht. Stattdessen wirken ihre fotografischen Dokumente gerade durch ihre Kargheit. Besucher sehen Häuserfluchten, graue Fassaden, nüchterne Eingänge. Aufgenommen an Orten, die viele kennen – ohne zu wissen, was dort geschah. In Darmstadt, Kassel, Rotenburg, Lampertheim. Auch in Wiesbaden.

Mindestens 21 Menschen starben in Hessen seit 1945 durch rechte Gewalt. Die Ausstellung zeigt Fälle, die niemals Schlagzeilen erreichten, Fälle, die Behörden als unpolitische Konflikte einstuften, Fälle, deren Familien bis heute um Anerkennung ringen. Dieses Wegsehen prägt viele Kapitel hessischer Nachkriegsgeschichte. Die Ausstellung bricht dieses Schweigen auf.

Sie zeigt Brandanschläge der 1980er Jahre, spontane Tötungsdelikte der 1990er Jahre, geplante Terrorakte wie die NSU-Morde und die Attentate von Hanau. Diese Fülle ergibt kein geschlossenes Bild, aber eine klare Linie: rechte Gewalt zieht sich durch Hessen wie eine kaum gesehene Spur.

Wenn Sprache Vorzeichen setzt

Nach Mende sprach Felix Münch von der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung. Er leuchtete den historischen und politischen Hintergrund aus. In ruhigen Sätzen beschrieb er, wie rechte Akteure Sprache nutzen und Realität verzerren, wie Begriffe aus der extremen Rechten Eingang in gesellschaftliche Debatten finden und wie diese Verschiebungen letztlich Radikalisierung erleichtern.

Münch zitierte Hannah Arendt, wies auf die Fähigkeit moderner Desinformationskampagnen hin, Orientierung zu zerstören. „Rechter Terror entsteht nicht im luftleeren Raum“, sagte er. „Er wächst dort, wo Sprache entgleitet und Grenzen verschwimmen.“

Dieser Gedanke führte direkt zum nächsten Teil des Abends: der regionalen Dimension des Problems.

Tatorte, die näher liegen als gedacht

Kurator Sascha Schmidt stellte die Ausstellung vor und machte deutlich, wie bewusst das Team Fälle aus ganz Hessen ausgewählt hatte. „Wir zeigen Tatorte von Lampertheim bis Kassel, von Wiesbaden bis Fulda“, sagte er. „Damit wird sichtbar: rechter Terror passiert nicht irgendwo, sondern hier.“

Die Tafeln dokumentieren: den Brandanschlag von Lampertheim (1992), den Mord an Ali Bayram in Darmstadt (1994), die Tötung von Piotr Kania in Rotenburg (1994), den Mord an Halit Yozgat durch den NSU (2006), den Angriff des späteren Lübcke-Mörders im Wiesbadener Hauptbahnhof, die Attentate von Hanau (2020) und viele andere.

Die Orte wirken unspektakulär, gerade deshalb entfalten sie Wucht. Schmidt sprach davon, dass Besucher Plätze wiedererkennen, an denen sie täglich vorbeigehen. „Die Tatorte schweigen heute“, sagte er, „und genau dieses Schweigen macht sichtbar, wie leicht Gewalt vergessen wird.“

Doch der Abend ging tiefer, denn Hessen besitzt nicht nur verstreute Fälle rechter Gewalt. In manchen Regionen und Städten entstand über Jahre ein Netzwerk, das sich offen oder verdeckt radikalisierte. Und eine dieser Städte heißt Wiesbaden.

Wiesbadener Spuren – verdrängte Geschichte tritt hervor

Ein Schwerpunkt der Ausstellung widmet sich rechten Taten in Wiesbaden – Taten, die die Stadt heute oft nur noch als Fußnote erinnert. In der Nacht vor den hessischen Kommunalwahlen im März 1989 verübten Neonazis Brandanschläge auf zwei Gebäude, darunter ein von der SPD genutztes Haus. Sie hinterließen ein Hakenkreuz und das Kürzel „FAP“, das Zeichen der militant-neonazistischen „Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei“. Diese Gruppe war damals im Rhein-Main-Gebiet aktiv – und Wiesbaden gehörte zu ihren Aktionsräumen.

Die SPD ordnete die Anschläge in eine Reihe von 25 bis 40 Brandstiftungen ein, die das Westend zwischen Juni und Oktober 1988 erschütterten. Die Täter trafen vor allem Wohnhäuser, in denen Familien türkischer Herkunft lebten. Wieder tauchten Hakenkreuze auf, wieder bekannte sich eine Gruppe telefonisch – diesmal die selbsternannte „Wiesbadener Front“. Die Serie spiegelte eine bundesweite Verschärfung der Asyldebatte wider, die seit 1986 die Stimmung vergiftete. Ab 1987 stieg die Zahl rassistischer Übergriffe in Hessen deutlich an.

Diese Wiesbadener Fälle tauchen in der Ausstellung nicht als lokale Kuriosität auf, sondern als Teil einer strukturellen Entwicklung: Rhetorische Aufheizung legitimierte Gewalt, rechtsextreme Gruppen nutzten die Lage, und bei den Kommunalwahlen zogen rechte Parteien erstmals seit Jahren wieder in Kreistage ein.

Wiesbaden erscheint im Ausstellungskontext aber noch an anderer Stelle – als Schauplatz anderer rechter Gewalttaten durch Täter, deren Radikalisierung erst Jahre später bundesweit sichtbar wurde.

Am 1. November 1992 wurde im Wiesbadener Hauptbahnhof ein kurdischer Imam auf der Herrentoilette niedergestochen. Der Täter: Stephan Ernst, späterer Mörder von Regierungspräsidenten Walter Lübcke. Es war nicht seine erste Tat. Bereits 1989 hatte er ein von Migrant bewohntes Haus angezündet – ein verkohlter Umschlag mit den Worten „Hass“ und „Ausländerwahlrecht“ lag vor Ort. Das Gericht sah trotzdem kein politisches Motiv.

1993 baute Ernst eine Rohrbombe und platzierte sie zwischen Wohncontainern von Asylbewerbern im Rheingau-Taunus-Kreis. Ein Zufall verhinderte den Tod vieler Menschen. In der Ausstellung steht dieser Komplex exemplarisch für das, was die Schau immer wieder zeigt: rechte Gewalt wurde oft unterschätzt, entpolitisiert, individualisiert – mit fatalen Folgen.

Auch der Wiesbadener Neonazi Peter Naumann findet Raum in der Ausstellung: Rechtsterrorist, Bombenleger, Teil einer Gruppe, die 1979 Sprengstoffanschläge auf Sendeanlagen verübte, um die Ausstrahlung der Holocaust-Dokumentation zu verhindern. In den 1990ern führte Naumann Journalisten zu Waffen- und Sprengstoffdepots; sieben davon lagen in Hessen, einige nahe Wiesbaden.

Ein Abend, der fordert

Die Ausstellung eröffnete gestern nicht nur Räume des Gedenkens, sondern Räume der Verantwortung. Sie zeigt, wie sich rechte Gewalt durch Jahrzehnte zieht, wie Sprache Gewalträume öffnet, wie alltäglich Radikalisierung aussieht.

Wer gestern das Rathaus verließ, tat das nicht mit Antworten, sondern mit einer Aufgabe: Erinnern heißt handeln, bevor Gewalt wächst.

Symbolfoto @2025 KI-generiert / Wiesbaden lebt

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