Schüler moderieren, Politiker reagieren: Eine Podiumsdiskussion zur Kommunalwahl bringt Wiesbadens Themen direkt ins Klassenzimmer.
Schon am frühen Morgen lag Konzentration im Raum der Obermayr Europa-Schule. Schüler rückten Stühle, prüften Mikrofone, sortierten ihre Fragen. Auf dem Podium nahm ein breites politisches Spektrum Platz: Daniela Georgi für die CDU, Martin Kraft (Grüne), Marius Becker (SPD), Ingo von Seemen (Die Linke), Achim Sprenggard (Volt), Dennis Seidenreich (AfD), Günther Schäfer (Pro Auto), Renate Kienast-Dietrich (BLW), Matthias Bedürftig (Freie Wähler), Mario Bohrmann (BSW) und Lukas Hakler (Die PARTEI).
Die Spielregeln setzten die Schüler selbst. Redezeiten blieben knapp, Zwischenfragen waren ausdrücklich erlaubt. Wer antwortete, musste erklären, wie Politik im Alltag wirken soll.
Die Innenstadt als Spiegel politischer Konzepte
Der erste Themenblock führte mitten ins Herz Wiesbadens: die Innenstadt. Was sie leisten soll, darüber gingen die Auffassungen rasch auseinander. Daniela Georgi stellte Ordnung und Sicherheit an den Anfang ihrer Argumentation. Eine Innenstadt, so ihre These, funktioniere nur dann als Aufenthaltsort, wenn Menschen sich sicher fühlten. Prävention, Präsenz und klare Regeln bildeten für sie die Grundlage von Belebung.
Martin Kraft widersprach nicht grundsätzlich, verschob den Akzent aber. Sicherheit, sagte er, entstehe nicht allein durch Kontrolle, sondern durch Nutzung. Grünflächen, weniger Hitze, bessere Wege – eine Stadt, die zum Verweilen einlade, werde automatisch sicherer. Stadtentwicklung verstand er als Zusammenspiel von Klima, Verkehr und sozialem Miteinander.
Achim Sprenggard knüpfte daran an und warb für Mut zu neuen Formen. Innenstädte dürften sich nicht länger allein über Einzelhandel definieren. Begegnung, Kultur, Zwischennutzung – das seien die Stellschrauben, um Räume zurückzugewinnen.
Lukas Hakler griff diesen Gedanken auf – mit einer bewusst anschaulichen Zuspitzung. Er sprach sich dafür aus, das historische Fünfeck neu zu gestalten und stärker als identitätsstiftenden Raum zu begreifen und dort eine Wiesbaden-Silhouette sichtbar zu machen, insbesondere für Autofahrer. Wer nach Frankfurt fahre, identifiziere sich schon bei der Ankunft mit der Stadt, sagte Hakler, weil Skyline und Stadtkante Orientierung böten. Wer dagegen nach Wiesbaden komme, sehe oft wenig Wiedererkennbares. „Da fehlt eine Silhouette“, sagte er. Es gehe nicht allein um Hochhäuser, sondern um ein sichtbares Zeichen, das Ankommen erlebbar mache und der Stadt ein Gesicht gebe. Die Wiesbadener Innenstadt dürfe kein anonymer Durchgangsraum bleiben.
Mobilität zwischen Alltag und Vision
Aus der Innenstadt führte der Weg fast zwangsläufig zur Mobilität. Martin Kraft beschrieb den öffentlichen Nahverkehr als Rückgrat künftiger Stadtentwicklung. Verlässliche Takte, gute Arbeitsbedingungen für Fahrer und emissionsfreie Busse sollten dafür sorgen, dass Menschen das Angebot auch nutzten.
Dem hielt Günther Schäfer einen nüchternen Alltagstest entgegen. Bevor neue Konzepte griffen, müsse der Betrieb funktionieren. Pünktlichkeit sei keine Vision, sondern Voraussetzung. Wahlfreiheit bedeute, niemanden zu zwingen, sondern Angebote so gut zu machen, dass sie überzeugen.
Auch Dennis Seidenreich warnte vor einseitigen Lösungen. Viele Menschen seien auf das Auto angewiesen, sagte er, etwa für Arbeit oder Familie. Verkehrspolitik müsse alle Träger zusammendenken, nicht gegeneinander ausspielen. Marius Becker suchte den verbindenden Ton: Wenn Busse verlässlich und bezahlbar fahren, wechselten Menschen freiwillig – Zwang brauche es dann nicht.
Sicherheit: Technik, Vertrauen, soziale Antworten
Beim Thema Sicherheit verschärfte sich die Debatte. Daniela Georgi verteidigte Videoüberwachung als präventives Instrument. Sie könne Straftaten verhindern und helfe bei der Aufklärung. Sicherheit, so ihre Sicht, schaffe erst den Raum für Freiheit. Ingo von Seemen hielt dagegen. Videoüberwachung, sagte er, verlagere Probleme eher, als sie zu lösen. Sicherheit entstehe durch soziale Stabilität: gute Beleuchtung, belebte Plätze, Angebote für Jugendliche. Kontrolle ohne Vertrauen greife zu kurz.
Renate Kienast-Dietrich versuchte, zwischen den Positionen zu vermitteln. Technik könne unterstützen, ersetze aber nicht das Gefühl von Sicherheit, das aus Verlässlichkeit und sozialem Zusammenhalt wachse. Die Schüler hakten nach, fragten nach Wirksamkeit, Kosten und Grundrechten – und zwangen die Politik, ihre Begriffe zu schärfen.

Wohnen als soziale Schlüsselfrage
Beim Wohnen wechselte der Ton von grundsätzlichen Linien zu konkreten Maßnahmen. Marius Becker formulierte das Problem sachlich: Wo Wohnraum knapp sei, stiegen die Mieten. Mehr Angebot bleibe deshalb zentral. Neubau und soziale Mischung müssten zusammengedacht werden.
Matthias Bedürftig ergänzte den Ruf nach Tempo. Genehmigungen dauerten zu lange, Bauen werde zu teuer. Ohne schnellere Verfahren verliere die Stadt Zeit. Mario Bohrmann lenkte den Blick auf die gesellschaftliche Dimension. Bezahlbares Wohnen entscheide darüber, wer teilhaben könne – und wer verdrängt werde.
Bildung, Teilhabe, Integration
Zum Schluss kehrte die Diskussion an ihren Ausgangspunkt zurück: die Schule. Bildung, Jugendarbeit und Integration verbanden sich zu einem Themenkomplex, der die Schüler unmittelbar betraf. Daniela Georgi betonte frühe Förderung und verlässliche Strukturen. Ingo von Seemen hob die Bedeutung von Schulsozialarbeit hervor, besonders für Kinder aus schwierigen Lagen.
Dennis Seidenreich setzte einen klaren Akzent auf Sprache als Schlüssel zur Integration. Achim Sprenggard widersprach nicht, erweiterte aber die Perspektive: Vielfalt sei kein Defizit, sondern eine Stärke. Schulen und Vereine könnten Brücken schlagen, wenn man sie lasse.
Die Schüler fragten weiter nach – nach kostenfreien Angeboten, nach Freizeit, nach fairen Chancen. Politik antwortete, nicht immer einig, aber sichtbar gefordert.
Ein Vormittag, der nachwirkt
Am Ende stand kein Konsens, wohl aber Klarheit. Die Podiumsdiskussion an der Obermayr Europa-Schule zeigte Politik als Prozess des Aushandelns. Die Schüler strukturierten den Vormittag, die Kandidaten reagierten. Zitate blieben hängen, Gegensätze traten offen zutage. Demokratie wirkte hier nicht feierlich, sondern fordernd – und gerade deshalb überzeugend.
Sie erschien nicht als fertiges Ergebnis, sondern als Prozess. Einer, der Reibung braucht, um verständlich zu werden – wie die Diskussionrunde, die Abschließend von den Schülern bewertet wurde. Im Voting erzielte Daniela Georgi das bester Ergebnis, gefolgt von Lukas Hackler – vor der FDP und AFD. Die rote Laterne hielt am Ende die SPD und Marius Becker in der Hand, symbolisch betrachtet.
Foto – Tobi und die Schüler der Charity AG © 2025 Tanja Bares & Vali Korken
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