Die 4. World Vision Studie deckt auf, dass Kinder aus von Familien mit niedrigen Einkommen häufiger Erfahrungen mit Ausgrenzung, Mobbing, Ängsten machen.

Die Vorstellung der Ergebnisse der 4. World Vision Studie passt zur aktuellen politischen Lage. Sie geben den Parteien und Politikern Nährboden für die Diskussionen zum Ausbau von Ganztagsschulen oder entsprechenden Betreuungsangeboten. So verschieden und so nah die Meinungen auch sind, die Frage nach den Erwartungen der Kinder wird wenig beachtetet, so Professor Dr. Sabine AndresenAnfang der Woche stellte Universitäts-Professorin zum Auftakt der Themenreiche Bildung schafft Zukunft in Wiesbaden im Stadtverordnetensitzungssaal die Ergebnisse der Studie vor, eine Studie, deren Basis rund 2.500 Kinder zwischen 6 und 11 Jahren bilden.

Muss das sein?

Wie in der gesamten Bundesrepublik, so wird auch in Wiesbaden über die zukünftige Struktur von Schule nachgedacht und der traditionelle „Halbtag“ um Bildungs- und Betreuungsangebote ergänzt. Um Qualität und Akzeptanz dieser Angebote weiter zu steigern, kam auf Einladung des Sozial- und Bildungsdezernats Sabine Andresen, Professorin an der Goethe-Universität Frankfurt, ins Wiesbadener Rathaus. „Muss das sein?“ – Kinder und ihre Sicht auf ganztägige Angebote. In den Ergebnissen der Kindheitsforschung wurde deutlich, dass die Kindersicht nicht immer deckungsgleich mit Ansätzen und Zielsetzung der Akteure der Bildungspolitik ist.

Bildung.integriert.Wiesbaden

Stadtrat Christoph Manjura begrüßte die rund 60 Fachkräfte aus Schule und Betreuungsträgern der Kinder- und Jugendhilfe im Stadtverordnetensitzungssaal und erläuterte, dass das Sozial- und Bildungsdezernat die 2014 eingeschlafene Vortragsreihe Bildung schafft Zukunft wiederaufnimmt. Ziel sei es, mit drei bis vier über daas Jahr verteilten Veranstaltungen über Themen und Fragestellung des Projektes Bildung.integriert.Wiesbaden zu diskutieren. Bevor Andresen ihren Vortrag startete, berichtete die Kinder- und Jugendhilfeplanerin, Beate Hock, über die vielfältigen Angebote für alle Grundschüler. Auf Grundlage des aktuell vorgelegten Berichts Nachmittagsangebote Bildung, Erziehung und Betreuung für Grundschulkinder zeigte Hock den deutlichen Ausbau und die Vielfalt im Bereich der Nachmittagsangebote auf. Demnach besuchen in Wiesbaden 63 Prozent der Grundschulkinder Betreuungsangebote am Nachmittag. Die Schule und der Schulhof sind für die viele Kinder ein zentraler Lebensort, wo sie nicht selten sieben und mehr Stunden des Tages verbringen.

Wohlbefinden fördern

Andresen ging in ihrem Vortrag der Frage nach, welche Gelingensfaktoren, aber auch welche Herausforderungen für die Ausgestaltung von ganztägigen Angeboten wesentlich sind. Ziel muss es sein, das Wohlbefinden der Kinder zu fördern. Dimensionen von Wohlbefinden, die auf das Leben von Kindern wirken, sind unter anderem Bildungsteilhabe, Beziehungsqualität, Zeitsouveränität, Familienlage, Materielles, Partizipation, Freundschaften, aber auch Selbstbestimmung. Bildungsinstitutionen und Betreuungsangebote spielen in diesem Kontext eine wichtige Rolle, da sie eine wichtige Rolle im Leben von Kindern spielen. Dies galt schon zu Zeiten, als Schule tatsächlich eine Angelegenheit war, die sich von 8 – 12 oder 13 Uhr abspielte. Wenn nun der Schultag deutlich länger dauert, der Ort Schule für deutlich mehr Stunden pro Tag definierter Aufenthaltsort für Kinder ist, um wieviel stärker wirken Raumgestaltung, Schulklima, Teilhabe- und Mitbestimmungsmöglichkeiten auf die Kinder und ihr Wohlbefinden?

Sicherheit und Geborgenheit

Andresen machte deutlich, dass die Ganztagsschule oder ganztägige Angebote die Beziehungsqualität und die Partizipation der Kinder stärken müssen, um ihnen ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit zu vermitteln. Aus Sicht der Kinder betrifft dies vor allem die Beziehung zu Klassenkameradinnen und -kameraden und zu Lehr- und Fachkräften, aber auch das Klassen- und Schulklima insgesamt.

Der 4. World Vision Studie zufolge wünschen sich Kinder am Nachmittag vor allem Sportangebote, Kunst- und Theater-AGs sowie an Projekten teilzunehmen. Interessanterweise ist auch der Wunsch nach Hausaufgabenbetreuung in den letzten Jahren gestiegen. Dies führt die Referentin darauf zurück, dass immer häufiger beide Elternteile erwerbstätig sind. Eine Hausaufgabenbetreuung könne in diesem Zusammenhang dabei helfen, das Konfliktpotenzial innerhalb der Familie zu senken und Freiraum für nichtschulische Aktivitäten zu schaffen.

Leitbegriff Ganztagsbildung

Überraschend sind die Ergebnisse der Forscherin im Hinblick auf die herkunftsbenachteiligten Kinder, d. h. Kinder aus Familien mit niedrigen Einkommen oder niedriger Bildung. Einerseits sind diese Kinder in Ganztagsangeboten eher unterrepräsentiert und andererseits sind den Ergebnissen der 4. World Vision Studie zufolge diese Kinder weniger zufrieden mit ihrer Zeit im Ganztag. Kinder mit Armutserfahrungen machen häufiger Erfahrungen mit Ausgrenzung, Mobbing, Ängsten und Unsicherheiten. Sowohl im Vortrag als auch verstärkt in der anschließenden Diskussion wurde deutlich, dass es beim Ganztag nicht allein um Schule und Lehrkräfte geht, sondern dass der Leitbegriff „Ganztagsbildung“ beinhaltet, dass Kinder vielfältige Bildungsangebote in unterschiedlichen Lern- und Lebenswelten erhalten, die auf stabilen und wertschätzenden Bindungen nur durch ein Zusammenwirken von multiprofessionellen Fachkräften entstehen können.

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