300000 Gulden anstelle davon, die Reisekasse verspielt zu haben. Für Fjodor Michailowitsch Dostojewski wäre dies ein lebensverändernder Gewinn gewesen, denn 1 Gulden ist heute 10 Euro wert.

Wir fassen kurz zusammen: Dostojewski hat nicht den letzten Cent verspielt, sondern seine Reisekasse deutlich aufgestockt. Aus 3000 Gulden macht er 300000 Gulden und ist jetzt dreifacher Millionär – hat gewissermaßen ausgesorgt. Sein Leben verläuft in eine völlig andere Richtung, als es tatsächlich verlief. Doch setzen wir uns noch einmal kurz mit Fjodor an den Roulette-Tisch in der Spielbank Wiesbaden. Wir schreiben den 30. Juli 1865. Dostojewskis Frau Marija war vor einem Jahr an Tuberkulose gestorben. Im Juni desselben Jahres musste er den Betrieb seiner Zeitung Epocha einstellen. Unter dem Druck einer großen Schuldenlast fuhr er nach Wiesbaden und traf sich dort mit seiner Geliebten Polina Suslowa.

3000 Gulden Reisekasse

Seine Reisekasse bestand aus 3000 Gulden, nach heutigem Wert immerhin 30000 Euro. Dieses Geld setzte er an dem besagten 30. Juli beim Roulette in der Spielbank Wiesbaden ein. In der Realität hat er dieses Geld an diesem Abend verloren. Aber wir wollen Dostojewski heute gewinnen lassen. Dostojewski muss gewinnen, schließlich hängt sein weiteres Leben davon ab. Er soll keine Geldsorgen mehr haben. Er ist so ein großer Schriftsteller. Arme Leute und Der Doppelgänger waren schon geschrieben. Frei von Geldsorgen sollten noch große Romane folgen.

Rot oder schwarz

Sein erstes Spiel waren 100 Gulden auf Rot. Dostojewski hatte schon in Baden-Baden die Roulette Gewinnwahrscheinlichkeiten verstehen gelernt und wusste, dass er mit den einfachen Chancen eine Gewinnwahrscheinlichkeit von 48,6 Prozent besaß. Es fiel die 12, eine rote Zahl, die ihn um 100 Gulden reicher machte. Er setzte noch einige Male die einfachen Chancen und gewann immer. Als er 5000 Gulden zusammen hatte, wurde er mutiger und setzte auch einzelne Zahlen. Jetzt verlor er ein paar Mal.

Rien ne va plus!

Aber plötzlich schwebte dieser künstlerischen Seele die Zahl 17 vor seinem geistigen Auge. Er hatte das Gefühl, im nächsten Spiel würde die 17 fallen. Er überlegte, ob er ein Spiel aussetzen sollte, um seine Intuition zu überprüfen. Doch er würde sich fürchterlich ärgern, fiele dann die 17. Er setzte 50 Gulden auf die 17 und 100 Gulden auf Schwarz. Die 17 ist eine schwarze Zahl. Der Croupier warf die Kugel in den Kessel. Das Geräusch, das die Kugel verursachte, trieb ihm den Schweiß auf die Stirn. Gebannt starrte er in den Roulettekessel und verfolgte die 17. Ihre roten Nachbarn 25 und 34 machten ihm Angst. Der Croupier rief: Rien ne va plus! Der Moment der Wahrheit stand unmittelbar bevor. Die Gravitation würde die Kreisbewegung der Kugel langsam stoppen und sie würde in einen Schacht fallen, über dem eine Zahl stand. War es die 17? Er schloss die Augen und hörte den Croupier rufen: 17, Noir, Impair, Manque. Er zeigte mit seinem Rechen auf die 17 und raffte anschließend alle nicht gewonnen Einsätze zusammen. Ein anderer Croupier zahlte den Gewinn aus: 50 Gulden Plein, 100 Gulden Noir macht 1850 Gulden der Herr. Ein Raunen ging durch den Saal. Eine Dame applaudierte. Dostojewski gab das übliche Trinkgeld für die Angestellten und überlegte, auf welche Zahl er nun setzen sollte. Die Leidenschaft hatte ihn gepackt. Ein angenehmes Kribbeln durchfloss seinen Körper. Er hatte gewonnen.

3 Millionen Euro

An dieser Stelle verlassen wir unseren russischen Freund und sehen ihn in Begleitung mit Polina und 300000 Gulden in der Tasche aus der Spielbank kommen. Wir erinnern uns: nach heutigem Wert 3 Millionen Euro. Sie sind unfassbar glücklich. Er hatte es geschafft. Die Bank war gesprengt. Sein von finanziellen Sorgen freies Leben als Schriftsteller konnte beginnen.

„Der Spieler“

Und wie ging es weiter? Nun, seine Reisekasse in Höhe von 3000 Gulden bekam Dostojewski 1865 von dem Verleger Stellowski als Vorschuss für einen Roman mit einem Umfang von mindestens zehn Druckbögen, der bis zum 1. November 1866 geschrieben werden musste. Das eilte jetzt nicht mehr. Die Vertragsstrafe in Höhe von 4000 Rubel war leicht zu bezahlen. Er machte Suslowa einen Heiratsantrag. Sie sagte zu und beide zogen weiter durch die großen Städte Westeuropas und immer wieder in die Spielbanken. Nach zehn Jahren war das ganze Geld aufgebraucht. Suslowa verließ Dostojewski, der 1881 verarmt in Paris starb. Seine Romane Schuld und Sühne, Der Spieler, Der Idiot, Die Dämonen und Die Brüder Karamasow wurden nie geschrieben. Seine zweite Frau Anna Snitkina hat er nie kennengelernt.

Foto ©2021 S K auf Pixabay

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Die offizielle Internetseite der Spielbank Wiesbaden finden Sie unter www.spielbank-wiesbaden.de.

 

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