Paradox: Viele Menschen sagen zwar, dass sie großen Wert auf gesundes Essen legen. Verzicht scheint aber nicht Ihres zu sein. Der Fleischkonsum bleibt hoch.

Karfreitag und Ostersonntag stehen am Anfang unseres christlichen Glaubens – aber was wäre ohne das Abendessen davor passiert? Was bedeutet Essen? Wie gehen wir mit Ressourcen um und wieviel Kult ums Essen ist erlaubt? Die Katholische Erwachsenenbildung und das Evangelische Dekanat Wiesbaden haben zum Abschluss der Veranstaltungsreihe Gesegnete Mahlzeit: Esst doch, was ihr wollt? zu einem Online-Podium eingeladen mit dem Kulturanthropologe Gunther Hirschfelder, dem Evangelischen Theologe Kai Funkschmidt und dem katholischen Theologen Stefan Scholz. Die Debatte wurde von Susanne Claußen, vom Evangelisches Dekanat, und Simone Husemann, von der Katholische Erwachsenenbildung moderiert. Die Zuhörenden konnten per Zoom mit den Referenten ins Gespräch kommen.

„Früher haben etwa zuerst der Bauer und der Knecht von der Suppe bekommen, und die Frauen und Kinder mussten hintenanstehen.“ – Gunther Hirschfelder

In der munteren Debatte wird schnell klar: Das Thema Essen ist facettenreich und nahezu unerschöpflich. Beim Essen geht es nie nur um Nahrungsaufnahme. Essen, Gemeinschaft und Religion sind seit Jahrtausenden eng miteinander verknüpft. So gibt es in den meisten Religionen nicht nur Essenvorschriften, sondern auch die Tradition, bestimmte Speisen zu religiösen Festen zu essen. Und auch der Verzicht, etwa das Fasten, findet sich in den meisten Religionen.

Essen erzeugt Gemeinschaft, kann aber auch ausschließen. Essen ist sinnstiftend, kann aber auch Schuldgefühle auslösen und krankmachen. Nicht zuletzt sind Diabetes und Übergewicht Volkskrankheiten. Für den katholischen Theologen Stefan Scholz lässt sich Essverhalten auch als eine Art Symptom interpretieren: „Wer mit sich im Reinen ist, kann auch beim Essen Maß halten.“

„In Altenheimen hat man herausgefunden, dass für Hochbetagte die Gemeinschaft beim Essen das allerwichtigste ist, wichtiger als das, was auf den Tisch kommt.“ – Gunther Hirschfelder

Die Mächtigen essen immer besser als die Untergebenen. Der Esstisch konnte auch ein Ort des Grauens sein, von dem Familienmitglieder bewusst ausgeschlossen wurden, so Hirschfelder. Auch die Bibel, so der Theologe Funkschmidt, schreibe zum Teil vor, mit wem man essen dürfe. Beisammensein während des Essens ist dennoch für den Menschen fast immer essentiell.

„Für den Menschen ist es oft eine Überforderung. Er wird laufend mit ethischen Fragestellungen konfrontiert.“ – Gunther Hirschfelder

Ein riesiges Diskussionsfeld ist auch die ethische Verantwortung beim Essen: Woher kommt unsere Nahrung, wie wird sie verarbeitet und wie ressourcenschonend ernähren wir uns? Alles Fragen, die unsere Überflussgesellschaft hervorgebracht hat. So nehme auch der Kult um die vermeintlich richtige Ernährung zu. Ernährung hat fast schon pseudoreligiösen Charakter, wenn man sich etwa anschaut, wie dogmatisch sich manch ein Vegetarier oder Veganer verhält, so Hirschfelder. Paradox sei es, dass viele Menschen zwar angeben, Wert auf eine gesunde Ernährung zu legen und das Fleischessen reduzieren wollen, dennoch sinke seit Jahren der Fleischkonsum in Deutschland nicht, so Hirschfelder. Das schlechte Gewissen schwingt bei fast jedem Essen mit, die moralische Schuld lastet oft schwer.

Auch wenn man maß halte, so sieh es der Theologe Funkschmidt, sei man als Konsument in zu viele schädliche Zusammenhänge verstrickt: Ich komme im Grunde aus der Schuld nicht heraus. Das muss ich aber auch nicht, Gott holt mich da raus. Ich muss die Welt nicht retten, Gott hat sie schon gerettet.

Bild oben @2021 Evangelische Kirche

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