Wie lassen sich verschiedene Mobilitätsangebote so vernetzen? Wie kann das Verkehrsaufkommen reduziert werden – und sind gleichzeitig die Bedürfnisse aller Verkehrsteilnehmer zu befriedigen? Digitalisierung ist kein Allheilmittel.

Digitalisierung, Fragen über Fragen – und jeder möchte bedacht werden. Im Rahmen des dritten Symposiums zum Mobilitätsleitbilds haben sich am 29. Januar rund 80 Teilnehmer von rund 80 Interessengruppen damit unter dem Titel Konnektivität auseinandergesetzt. Das Symposium ist Teil des Mobilitätsleitbild-Prozesses, der vom Wiesbadener Stadtparlament vor einem Jahr beschlossen wurde. Die Stadt hat ihren Mobilitätsdienstleister ESWE Verkehr mit der Umsetzung beauftragt. Nach insgesamt vier Symposien zu gesellschaftlichen Megatrends werden die Teilnehmer zusammen das Mobilitätsleitbild mit der Stadt erarbeiten. Das Ergebnis der Modal Split-Studie bezeichnete Andreas Kowol als „ernüchternd“. Aus der Verkehrsmittelwahlstudie gehe hervor, dass der Autoverkehr in Wiesbaden zugenommen hat. Gleichzeitig stehe das Ergebnis der Studie aber für den hohen Handlungsdruck und den Anspruch, den die Stadt mit dem Mobilitätsleitbild verfolgt.

„Das Leitbild soll dazu beitragen, dass bestimmte Verkehrseffekte vermieden beziehungsweise gemildert werden können.“ Andreas Kowol, Verkehrsdezernent

Wie Konnektivität im Verkehr aussehen kann, veranschaulichte zunächst Jörg Gerhard, Geschäftsführer von ESWE Verkehr. Der städtische Mobilitätsdienstleister befasse sich schon lange intensiv mit dem Thema Zukunftsverkehr. Wir wollen neue Zielgruppen ansprechen, Alternativen zu Pkw bieten und die Luftqualität verbessern. All das seien laut Gerhard Gründe für Konnektivität. Mobilität müsse vom Kunden aus gedacht werden und daher Aspekte wie Komfort, faire Preise und Flexibilität beinhalten. Wir wollen ein umfassender Mobilitätsdienstleister werden, betonte Gerhard. Dazu habe bereits beigetragen, dass das Angebot von ESWE Verkehr im Sommer 2018 durch das Fahrrad-Vermietsystem meinRad ergänzt wurde. Auch die Einrichtung einer Mobilitätszentrale in der Wiesbadener Marktstraße, in der über alle Angebote informiert wird, leiste einen Beitrag in Sachen Konnektivität.

„Wir schaffen Vernetzung durch Schienen-, Regional- und Stadtverkehr, durch Carsharing, Räder und Informationszentren. Um Mobilität aus einer Hand ermöglichen zu können, werden wir das Angebot auch in naher Zukunft weiter ausbauen, beispielsweise durch Lastenräder und autonomen Shuttle-Verkehr.“Jörg Gerhard, Geschäftsführer von ESWE Verkehr

Digitalisierung und Konnektivität seien wichtige Themen, aber es wäre ein Fehler, darauf zu vertrauen, dass das damit alle Verkehrsprobleme gelöst seien, unterstrich Dr. Florian Krummheuer von der VDV-Tochter Infra-Dialog GmbH. Fakt ist, dass die Digitalisierung die Verkehrsbranche verändert. Sie könne helfen, Verkehrsprobleme symptomatisch zu lösen und einen Beitrag zur Verkehrswende zu leisten. Sie kann die Probleme aber auch verschärfen, so Krummheuer. Die Frage ist, ob wir den Verkehr nicht erhöhen, wenn wir ein System schaffen, in dem alles immer bequemer und günstiger wird? Die Digitalisierung bezeichnete er als Chance für den Verbraucher, aber als Gefahr für etablierte Verkehrsunternehmen. Sein Fazit: Nachhaltige Verkehrspolitik ist mehr als Digitalisierung.

„Es geht nicht ohne drastische Einschnitte, vor allem für das Auto, wir brauchen bessere Fuß- und Radwege und einen leistungsfähigen Öffentlichen Personennahverkehr.“ – Dr. Florian Krummheuer

Um den Blick zum Thema Konnektivität etwas zu weiten, stellte Franziska Weiser, Gründerin des Start-Ups Carré Mobility, ihre Geschäftsidee vor. Ziel sei es, eine nachhaltige und soziale Mobilitätsplattform für ein besseres Miteinander zu schaffen. Klassisches Fahrzeugsharing soll dabei mit Fahrgemeinschaften und Mitbringfunktionen verbunden werden. Es ist nachhaltig, es spart Geld, es baut Kontakte auf und es schafft Einkommen, erklärte Weiser. Innerhalb von Quartieren sollen bedarfsgerechte Fahrzeuge zur Verfügung gestellt, Mitfahrgelegenheiten und auch ein Mitbringservice geschaffen werden. Etwa für die, die nicht mehr so mobil sind.

„Die Zeit läuft uns davon. Wir können nicht nur mit dem Finger auf andere zeigen. Es gibt keinen Hinderungsgrund, Dinge anzugehen, da, wo man steht.“ – Prof. Dr. Achim Kampker

Prof. Dr. Achim Kampker, der als Universitätsprofessor an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen innerhalb von vier Jahren mit dem Streetscooter ein eigenes Elektrofahrzeug entwickelt hat, das mittlerweile tausendfach für die Deutsche Post DHL Group in Städten unterwegs ist, erklärte, was E-Mobilität braucht, um auch in Deutschland durchzustarten. Die Zeit läuft uns davon. Wir können nicht nur mit dem Finger auf andere zeigen. Es gibt keinen Hinderungsgrund, Dinge anzugehen, da, wo man steht.“ Dabei sei es nicht nötig, auf Politik und Konzerne zu warten, denn wir selbst entscheiden durch unsere Kaufentscheidungen mit. Würden viele große Autos wie SUV gekauft, würden viele davon gebaut. So verhalte es sich auch in Sachen E-Mobilität. Um Lösungen für die Verkehrsprobleme in Städten zu schaffen, reiche es nicht aus, Verkehrsmittel eins zu eins zu ersetzen.

„Die einzelnen Lösungsbausteine gibt es bereits. Jetzt gilt es, Hand in Hand zu arbeiten. Da gehören auch Architekten und Städteplaner dazu.“Prof. Dr. Achim Kampker

Dr. Petra Beckefeld, Leiterin des Tiefbau- und Vermessungsamts der Stadt Wiesbaden, erläuterte anschließend, wie das Thema Logistik in Wiesbaden nachhaltig gestaltet wird. Hierzu dient das Projekt Digi-L, das gerade gestartet ist. Dafür konnte Beckefeld 15 Millionen Euro Fördergelder einwerben. Die Ergebnisse mehrerer Workshops sollen im Sommer zusammengetragen und in die städtischen Gremien gegeben werden.

Offener Dialog

In der abschließenden Diskussionsrunde regte eine Zuhörerin tarifbezogene Preise an; auch ein einheitliches Tarifsystem der einzelnen Verkehrsverbünde könne sie sich vorstellen. In Anlehnung an die Ausführungen von Beckefeld fragte sich eine weitere Dame, wie noch mehr Verkehr durch Paketdienste vermieden werden könne, wenn die Kapazitäten im Logistikverkehr verbessert würden. Lob fand ein Zuhörer für das von Weiser vorgestellte Modell Carré Mobility, denn wir legen mittlerweile viele unsinnige Wege zurück und hinterfragen dabei kaum unser eigenes Verhalten. (Bild: Digitalisierung ©2020 Original Christoph Scholz / Flickr / BY SA 2.0)

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