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Große Leinwände, fließende Farbe, körperliche Maltechnik: Die Ausstellung zeigt, wie Wolfgang Hollegha Bewegung, Material und Raum zu abstrakten Bildlandschaften verbindet.

„Denk nicht, schau!“ – Wiesbaden entdeckt den Maler Wolfgang Hollegha

Volker Watschounek 3 Tagen vor 0

Die Ausstellung zeigt, wie Wolfgang Hollegha Bewegung, Material und Raum zu abstrakten Bildlandschaften verbindet.

Wer die Sonderausstellung betritt, merkt sofort: Diese Bilder wollen nicht nur betrachtet werden. Sie verlangen Bewegung. Man tritt näher heran, erkennt Linien, die aus flüssiger Farbe entstehen. Man geht wieder zurück – und plötzlich öffnet sich eine ganze Landschaft aus Farbfeldern, Leerstellen und Spannungen.

Eröffnungstag – Wolfgang Hollegha

Datum: Samstag, 15. März 2025
Ausstellung: Wolfgang Hollegha – „enk nicht, schau!“
Öffnungszeiten: 12:00 – 18:00 Uhr
Eintritt: 10 €

Programm am Eröffnungstag

Führungen & Veranstaltungen:
12:30 Uhr: Kuratorinnenführung mit Lea Schäfer
14:00 Uhr: Führung mit Daniel Hollegha, Sohn des Künstlers
15:00 Uhr: Filmprogramm zu Wolfgang Hollegha im Maki-Forum,
anschließend steht Daniel Hollegha für Fragen zur Verfügung
16:00 Uhr: Direktorenführung mit Dr. Oliver Kornhoff
17:00 Uhr: Filmprogramm zu Wolfgang Hollegha im Maki-Forum,

Mit der Ausstellung „Wolfgang Hollegha. Denk nicht, schau!“ präsentiert das Museum Reinhard Ernst zum ersten Mal in Deutschland eine große museale Einzelausstellung des österreichischen Malers Wolfgang Hollegha. Es ist eine Premiere – und zugleich eine Wiederentdeckung, denn Hollegha gehörte zu jener Generation europäischer Künstler, die nach dem Zweiten Weltkrieg die Malerei neu dachten. Seine Bilder verbinden europäische Tradition mit der radikalen Freiheit des amerikanischen Abstrakten Expressionismus. Sie wirken heute erstaunlich gegenwärtig.

Malerei als körperliche Erfahrung

Hollegha malte nicht am Tisch. Er legte seine Leinwände auf den Boden. Dann bewegte er sich über sie hinweg – Schritt für Schritt, Armbewegung für Armbewegung. Farbe floss aus Schalen, breitete sich aus, zog Linien, hinterließ Spuren. Der Maler vertraute seinem Körper. Er wollte nicht kontrollieren, sondern reagieren. Die Leinwand wurde zur Arena.

Wer vor diesen Bildern steht, versteht sofort, warum Raum für Hollegha so wichtig war. Viele seiner Werke messen mehrere Meter. Sie verlangen Abstand – und zugleich Nähe. Besucher treten zurück, gehen wieder nach vorn. Sie entdecken Linien, die aus der Ferne verschwinden und aus der Nähe wie Landschaften wirken. Diese Erfahrung passt perfekt zum Wiesbadener Museum. Die hohen, lichtdurchfluteten Räume des Hauses greifen Holleghas Arbeitsweise auf. Die Architektur erlaubt einen Blick, der sonst selten möglich ist.

Eine Wiederentdeckung der europäischen Abstraktion

Der Maler Wolfgang Hollegha (1929–2023) gehörte zu den prägenden Figuren der europäischen Nachkriegsavantgarde. Schon Ende der 1950er-Jahre rückte der Österreicher international ins Blickfeld, weil seine Malerei mit einer ungewöhnlichen Freiheit, Leichtigkeit und Konsequenz auftrat. Seine Bilder wirkten offen, weit und entschlossen – und passten damit in eine Zeit, in der sich die Kunst von alten Regeln löste.

1958 erhielt Hollegha den Carnegie Prize, eine Auszeichnung, die seinen Namen weit über Österreich hinaus bekannt machte. Kurz darauf wurden seine Werke in den USA gezeigt. Dort wurde auch der einflussreiche Kunstkritiker Clement Greenberg auf ihn aufmerksam, einer der wichtigsten Förderer der abstrakten Malerei jener Zeit. Greenberg erkannte früh, dass Hollegha mehr war als ein europäischer Außenseiter. Er sah in ihm einen Künstler, der sich mühelos neben die großen Stimmen der amerikanischen Avantgarde stellen konnte, und brachte ihn nach New York.

Dort begegnete Hollegha Künstlern wie Jackson Pollock, Helen Frankenthaler und Morris Louis – also genau jenen Malern, die das Verständnis von Farbe, Fläche und Bewegung gerade grundlegend veränderten. New York bot ihm einen direkten Blick auf die Energie jener Jahre, auf große Gesten, neue Techniken und eine Malerei, die nicht mehr abbilden, sondern ein eigenes Ereignis schaffen wollte.

Doch Hollegha entschied sich nicht für das Leben in der Metropole. Er kehrte nach Österreich zurück und zog sich bewusst in die Natur zurück. In der Steiermark fand er jenen Abstand, den er für seine Arbeit brauchte. Statt sich dem Takt des Kunstmarkts zu unterwerfen, suchte er die Ruhe, das Licht und den Raum für eine Malerei, die aus Konzentration, Körperlichkeit und genauer Wahrnehmung lebte. Genau dort entwickelte er jenes Werk weiter, das ihn heute als eigenständige Größe der abstrakten Kunst erscheinen lässt.

Das Motiv bleibt – auch in der Abstraktion

Wer die Bilder von Wolfgang Hollegha betrachtet, entdeckt selten konkrete Gegenstände. Und doch beginnt jedes seiner Werke mit einem ganz realen Motiv.

Ein Korb.
Ein Spielzeug.
Ein Hut.

Solche Dinge stellte Hollegha vor sich auf, betrachtete sie lange und suchte nach den Linien, Bewegungen und Spannungen, die von ihnen ausgingen. Zunächst hielt er diese Eindrücke in Zeichnungen fest. Erst danach griff er zur Farbe.nAuf der Leinwand verschwand der Gegenstand allmählich – doch seine Bewegung blieb erhalten. Linien wurden zu Farbspuren, Formen zu offenen Flächen. Darum tragen manche Bilder ungewöhnliche Titel: Sie erinnern an den Ausgangspunkt der Beobachtung, nicht an das fertige Werk.

So entstehen Gemälde, die zugleich konkret und abstrakt wirken. Sie zeigen keinen Gegenstand mehr – und doch spürt man, dass etwas Reales der Ausgangspunkt war. Hollegha bildet die Welt nicht ab. Er verwandelt sie in Farbe, Bewegung und Raum.

Ein Dialog mit der amerikanischen Malerei

Das Museum Reinhard Ernst nutzt seine Sammlung bewusst, um die Werke von Wolfgang Hollegha in einen größeren kunsthistorischen Zusammenhang zu stellen. Der Kunstmäzen Rheinhard Ernst und die Kuratorin Lea Schäfer hängen neben seine Bilder Arbeiten amerikanischer Künstlerinnen und Künstler, die in den 1950er- und 1960er-Jahren die abstrakte Malerei entscheidend geprägt haben.

Diese Gegenüberstellung eröffnet einen spannenden Blick auf den Austausch zwischen Europa und den USA. Sie zeigt, wie stark sich die Kunst auf beiden Seiten des Atlantiks gegenseitig beeinflusste. Ideen wanderten, Techniken entwickelten sich weiter, und aus diesem Dialog entstand eine neue Form der Malerei, die sich ganz der Farbe, der Fläche und dem Raum widmete.

Besonders eindrucksvoll wird dieser Zusammenhang im Dialog mit der sogenannten Color-Field-Malerei, wie sie etwa von Helen Frankenthaler oder Morris Louis entwickelt wurde. Große, leuchtende Farbfelder breiten sich über die Leinwand aus, Pigmente fließen über das Gewebe und ziehen in dünnen Schichten in die Oberfläche ein. Die Bilder wirken offen, leicht und zugleich monumental.

Hollegha griff diese Ideen auf, entwickelte daraus jedoch eine eigene, sehr körperliche Arbeitsweise. Er schüttete Farbe auf die Leinwand, ließ sie verlaufen, wischte sie mit Lappen oder auch mit den Händen weiter. So entstanden Bilder, die gleichzeitig spontan und kontrolliert wirken – als würde sich die Farbe frei bewegen, während der Künstler ihr behutsam eine Richtung gibt.

„Denk nicht, schau“

Zurück zum Anfang, zum Titel der Asstellung: Der Titel geht auf einen berühmten Satz des Philosophen Ludwig Wittgenstein zurück: „Denk nicht, schau.“ Für Wolfgang Hollegha war dieser Gedanke mehr als ein kluger Aphorismus. Er entsprach seiner eigenen Haltung zur Malerei. Hollegha las Wittgenstein intensiv und fühlte sich von dessen Idee angezogen, dass Erkenntnis nicht immer durch Erklärung entsteht – sondern oft durch genaues Wahrnehmen.

Genau diesem Prinzip folgt die Ausstellung im Museum Reinhard Ernst. Sie versucht nicht, jedes Bild zu entschlüsseln oder mit langen Deutungen zu überfrachten. Stattdessen lässt sie die Werke für sich sprechen. Die großen Leinwände öffnen Räume aus Farbe, Bewegung und Stille, die sich erst beim längeren Betrachten entfalten.

FUN FACT

Wolfgang Hollegha malte selten bis nie im stillen. Musik war für den Künstler ein Quell der Inspiration. Nicht sanft und keise im Hintergrund, sondern in Konzertlautstärke: vor allem Bach! Und so hat Hollegha geschafft, seine CDs von der Steuer abzusetzen.

Wer sich darauf einlässt und sich Zeit nimmt, erlebt eine Malerei, die nicht laut oder spektakulär auftreten muss, um zu wirken. Ihre Kraft liegt im langsamen Sehen – und im Nachhall, den sie hinterlässt, lange nachdem man den Ausstellungsraum wieder verlassen hat.

Foto – Presserundgang im Museum Reinhardt Ernst @2026 Volker Watschounek

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Die Internetseite des Museum Reinhard Ernst finden Sie unter www.museum-reinhard-ernst.de.
Mehr von Helen Frankenthaler auf Wikipedia.

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