Der Wilhelm-von-Opel-Turm zeigt, wie Wiesbaden seit 150 Jahren um einen Blick in die Ferne ringt – welche Menschen den Kellerskopf geprägt haben.
Wer den Kellerskopf erklimmt, spürt sofort, warum dieser 475 Meter hohe Gipfel seit dem 19. Jahrhundert Fantasie und Ehrgeiz der Wiesbadener beflügelt. Der Wilhelm-von-Opel-Turm steht hier nicht nur als steinerner Aussichtspunkt. Er steht als Denkmal für Leidenschaft, für bürgerliche Initiative – und für die Hartnäckigkeit eines Vereins, der seine Berge stets als Bühne verstand.
Schon 1879 setzte der Taunus-Klub ein erstes Zeichen und errichtete einen hölzernen Aussichtsturm, getragen vom Wunsch, der „Weltkurstadt“ eine Fernsicht zu schenken, die Gäste anziehen und Einwohner begeistern sollte. 1880 weihte man ihn ein, stolz, mit wehenden Fahnen, mit jener heiteren Zuversicht, die spätere Generationen bei jedem Wiederaufbau erneut befeuerte. Doch die Konstruktion hielt kaum ein Jahrzehnt und fiel 1892 einem Brand zum Opfer.
Stein gegen Feuer: Der Bergfried entsteht
Der Rhein-Taunus-Klub reagierte schnell und entschlossen. 1899 ließ er einen steinernen Bergfried errichten – robust, wehrhaft, mit klaren Linien und einer architektonischen Strenge, die der Architekt Karl Mohr bewusst wählte. Der Taunus sollte damit nicht länger improvisieren, sondern zeigen, dass er Beständigkeit kann.
Die Einweihung fiel buchstäblich ins Wasser. Am 24. September 1899 peitschte ein Nordweststurm über den Gipfel. Regen klatschte auf Flaggen und Buchenkronen. Die Gäste drängten sich in den Turm, während der Wind die Stangen der Fahnen so heftig bog, als wollten sie ins Tal fliegen. Trotzdem blieb die Stimmung erstaunlich heiter. Wer den Taunus liebt, kennt seine Launen – und nimmt sie sportlich.
Der Mäzen und der Brand von 1928
In der Nacht vom 14. auf den 15. Juni 1928 zerstörte dann ein Großbrand sämtliche Wirtschaftsgebäude. Nur der Turm überstand die Flammen. Jemand, dessen Name den Ort bis heute prägt, griff ein: Wilhelm von Opel. Mit einer Spende von 5.000 Reichsmark ermöglichte er den Wiederaufbau eines modernen Berggasthauses. 1933 weihte der Rhein- und Taunus-Klub den Neubau festlich ein und ehrte Opel mit einer Tafel am Turm.
Seither trägt der Bergfried seinen Namen – ein sichtbares Zeichen für die Verbindung zwischen bürgerschaftlichem Engagement und touristischem Anspruch.
Antennen, Holzhütten und Sanierung
Nach 1945 erlebte der Turm wechselvolle Zeiten. Wetter, Vernachlässigung und juristische Auseinandersetzungen setzten ihm zu. Die Installation von Mobilfunkantennen in den 1990er-Jahren löste einen jahrelangen Konflikt um Denkmalschutz und moderne Technik aus. Erst 2003 fand man einen Kompromiss: Ein pavillonartiger Ersatzbau versteckt seither die Antennen, während ein hölzerner Aufsatz die Plattform überdacht.
1987 musste der Turm wegen Baufälligkeit geschlossen werden – ein Einschnitt, der viele Wandernde schmerzte. Doch die Bürger blieben beharrlich. Die Initiative Aktion Instandsetzung Kellerskopfturm sammelte gemeinsam mit der Stadt rund 120.000 Mark. 1989 öffnete der Wilhelm-von-Opel-Turm wieder.
Ein Ort für Wandernde und Hochzeitsgesellschaften
Nach jahrelangem Stillstand belebt Rainer Emmel im Oktober 2008 bis 2016 dem Berggasthof Kellerskopf. 2016 verpachtet er das Lokal an Tim Gassauer, der diesen ein Jahr später erwarb. Heute wie einst er zieht Wandernde, Familien, Naturfreunde sowie Hochzeitspaare gleichermaßen an. Das Standesamt in Naurod hat hier eine Außenstelle eingerichtet; die Aussicht, die früher Publikum locken sollte, verleiht nun Trauungen einen besonderen Rahmen.
So spannt der Wilhelm-von-Opel-Turm einen Bogen über drei Jahrhunderte: vom romantischen Ausblicksort über ein Symbol bürgerlicher Tatkraft bis hin zum beliebten Ausflugs- und Hochzeitsziel. Wer auf der Plattform steht, blickt weit ins Land – und tief in die Geschichte.
Foto – Aussichtsturm auf dem Kellerskopf ©2025 Frank Winkelmann – Eigenes Werk, CC BY 3.0
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