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Der Museumswärter blickt auf das verwüstete „Troja“: Zwischen Götterköpfen und Pferdebauch herrscht Chaos – und niemand im Publikum will es gewesen sein

„Troja“ in der Wartburg: Ein Museumsbesuch, der aus dem Ruder läuft

Volker Watschounek 5 Stunden vor 0

In der Wartburg wird „Troja“ zum begehbaren Theater: Witz, Krieg und Zweifel prallen auf Museumsobjekte – und plötzlich ist man mittendrin.

Wer am Freitag, 27. Februar, die Wartburg betrat, erlebte keinen gewöhnlichen Theaterabend. Das Junge Ensemble des Hessischen Staatstheaters verwandelte den Raum in ein Museum – und das Publikum gleich mit. „Troja“ begann nicht mit Applaus, sondern mit einem schmalen Gang, mit Schautafeln, mit Geschichte in geordneten Bahnen. Doch diese Ordnung hielt nicht lange.

Mythos kompakt: Das Trojanische Pferd

Das Trojanische Pferd war in der griechischen Mythologie ein riesiges hölzernes Pferd, das die Griechen – im Mythos Achaier genannt – vor den Toren Trojas zurückließen. In seinem Bauch versteckten sich ausgewählte Soldaten. Die Trojaner hielten das Pferd für ein Geschenk und zogen es in ihre Stadt. In der Nacht kletterten die versteckten Krieger heraus, öffneten die Stadttore von innen und ließen das griechische Heer einmarschieren. Mit dieser List entschieden die Griechen den Trojanischen Krieg für sich.

Der Museumswärter öffnet – und schließt den Kreis

Schon am Eingang begrüßte ein Museumswärter die Gäste. Freundlich, etwas pedantisch, ganz in seinem Element. Er achtete auf Abstand zu den Exponaten, erklärte knapp, was hier zu sehen ist, und führte mit trockenem Ernst in die Welt von Troja ein. Er wirkte wie der Hüter der Geschichte, wie jemand, der weiß, was wohin gehört.

Diese Figur rahmet den Abend – und sie bekam am Ende noch einmal Gewicht.

Zwischen Podesten und Pferdebauch

Im Theatersaal standen Podeste mit Köpfen griechischer Gottheiten. Torsos verkörperten Zeus und andere Götter. Ein großes Holzgerüst dominierte den Raum. Zunächst hielt man es für einen Schiffsrumpf. Doch bald wurde klar: Das war der Bauch des Trojanischen Pferdes.

Ein Film stimmte auf das Geschehen ein. Dann kippte das Format. Die Soldaten sprachen nicht heroisch, sie sprachen müde. „Warum kämpfen wir noch mal?“, fragte einer. „Wegen Jelena.“ – „Helena!“ Der Mythos schrumpfte auf Alltagslogik. Der Krieg wirkte wie eine absurde Endlosschleife.

Zwei im Bauch des Pferdes

Mitten im erbarmungslosen Lärm des Krieges begegneten sich Briseis und Spourgitis. Sie kannten einander nicht. Aber eines wussten sie sofort: Sie mussten Feinde sein. Ihre Völker führten Krieg, also standen sie auf verschiedenen Seiten.

Doch im Bauch des hölzernen Pferdes herrschte Stille. Dort, wo draußen Schwerter klirrten und Mauern fielen, redeten zwei junge Menschen miteinander. Sie fragten, sie widersprachen, sie hörten zu. Sie merkten, dass sie dieselbe Sprache sprachen – und dieselben Ängste teilten.

Waren sie noch Feinde? Oder längst etwas anderes?

Hermes beobachtete sie. Der Götterbote kommentierte das Geschehen mit Ironie und einer Portion Müdigkeit. Er trug Seelen in die Unterwelt, doch hier trug er Gedanken ins Publikum. Er fragte, warum Menschen kämpften, obwohl sie einander nicht kannten. Er spottete über Heldentum und deutete an, dass Mut vielleicht anders aussah: über Grenzen hinwegzusehen.

Henner Kallmeyer greift hier Motive der griechischen Mythologie auf und erzählt keine Heldensaga. Er erzählt von Menschlichkeit. Von Freundschaft. Vom Versuch, sich dem vorgegebenen Feindbild zu entziehen.

Zwei Musikstücke als innerer Widerhall

Zwei musikalische Passagen setzten Kontrapunkte. Sie trieben die Handlung nicht voran, sie öffneten sie. Zweifel, Sehnsucht, Überforderung – die Musik verdichtete, was Worte nicht trugen. Sie verlieh dem Abend Rhythmus und Tiefe.

Man durfte bei Hermes kurz an einen anderen Reisenden denken – an Herbie, den Käfer. Ein Gedanke aus dem Publikum heraus. Ein kleines Pop-Bild inmitten des Mythos. Und doch passte es: Auch hier rollte etwas scheinbar Harmloses in eine Stadt.

Krieg als Gewohnheit

„Zehn Jahre Krieg“, hieß es im Stück. Zehn Jahre, in denen Menschen nichts säten und nichts ernteten außer Hass. Die Inszenierung zeigte, wie Feindbilder wuchsen, wie sie sich hielten, obwohl niemand den anderen wirklich kannte. Im Bauch des Pferdes stellten Briseis und Spourgitis die entscheidende Frage: Wie fühlte sich Frieden an? Und woran erkannte man ihn?

Chaos im Museum

Das Ende kam abrupt. Dunkelheit. Stille. Dann kehrte der Museumswärter zurück. Er blickte auf das, was von der Ausstellung übrig geblieben war. Podeste lagen am boden, standen schief, Requisiten lagen verstreut, das Museum glich einem Schlachtfeld. „Wer war das?“, fragte er ins Publikum.

Niemand meldete sich. Niemand sagte etwas. Er begann aufzuräumen. Still. Sorgfältig. Fast stoisch.

Dieser Moment traf. Das Museum, das zu Beginn Ordnung versprochen hatte, endete im Chaos. Und der Hüter der Geschichte sammelte die Reste ein. Als ließe sich alles wieder sortieren. Doch die Fragen blieben.

Wer zog das Pferd in die Stadt?
Wer schaute zu?
Wer schwieg?

„Troja“ in der Wartburg zeigte, wie lebendig junges Theater sein kann. Es erzählte den Mythos nicht nach. Es hielt ihn dem Publikum hin.

Und dann blieb es still.

Foto – Sherwin Douki ©2026 Lukas Anton / Hessisches Staatstheater

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