Vom Kurpark bis in den Rheingau: Eine Rallye forderte Fahrgefühl, Orientierungssinn und Nervenstärke.
Es begann früh. Sehr früh. Zu einer Zeit, wo man sich am Morgen noch einmal kurz umdreht, liefen am Samastg vor dem Kurhaus bei der TüV-Abnahme bereits die ersten Motoren warm. Um acht Uhr rollten dann die ersten Fahrzeuge an den Start. Der Himmel zeigte sich dabei nicht ganz so großzügig wie im Vorjahr. Die Sonne hielt sich zurück, Wolken zogen auf. Aber: Es blieb trocken genug. Das Wetter spielte mit.
Kein hektisches Aufheulen, kein Drängeln – stattdessen konzentrierte Blicke, leises Murmeln, letzte Absprachen. Wer hier antrat, wusste: Geschwindigkeit hilft selten. Gefühl und Präzision dagegen immer.
Die erste Prüfung auf dem Parkplatz am Kallebad machte sofort klar, worum es ging. Vorwärts einparken, rückwärts ausparken, wieder vorwärts rein – ein Spiel aus Geschick und Orientierung, und bei den älteren Fahrzeugen ohne Servolenkung durchaus auch eine Kraftübung. Und dann die entscheidende Frage: vorwärts raus oder rückwärts und hinter der Lichtschranke wieder wenden? Die Antworten fielen so unterschiedlich aus wie die Fahrer selbst.
Orientierung statt Navi
Weiter Richtung Kallebad, bevor die 100 Teilnehmer in den Rheingau abbogen, gab es eine kurze Bestandsaufnahme bei der Durchfahrtkontrolle am TÜV-Hessen in der Stielstraße. Vorbei am Märchenland und Frauenstein ging es weiter. Nebenstrecken wurden durch „Stumme Wächter“ zu wichtigen Durchgangsstraßen. Wer hier nicht aufpasste, fuhr schnurstracks vorbei – wie etwa in der Freudenberger Straße. Manche merkten es, drehten um, und tasteten sich erneut heran.
Dann öffnete sich die Strecke. Der Rheingau rief. Die Straßen wurden enger, die Kurven anspruchsvoller. Wer sich verfuhr, musste improvisieren. Wendemanöver auf schmalem Asphalt gehörten plötzlich zum Programm.

Mehr als nur Tempo: Wer genau hinschaute, gewann
Die 41. HMSC Oldtimer Rallye lebte aber nicht nur von ihren Prüfungen, sondern auch von ihren Möglichkeiten. Denn zu gewinnen gab es viel, viele Pokale – und zwar in ganz unterschiedlichen Klassen und Kategorien. Ausgeschrieben waren die Klassen Oldtimer I bis Oldtimer V, plus die HMSC Klassiker von Morgen, die Youngsters mit einem Baujahr ab 1996. Für 1968-geborene schon komisch, wenn Autos ein Porsche SC mit Baujahr oder ein Porsche 930, ein Mercedes Benz R107 380SL oder ein Mercedes Benz E220 Cabrio auf einmal zum alten Eisen zählen. Fahrzeuge, mit denen man groß geworden ist.
Neben der sportlichen Wertung sorgte bei der Mehrheit der Fahrer vor allem die „Lust-und-Laune-Rallye“ für Spaß und die besondere Note. Hier ging es weniger um Sekunden als um das Erlebnis. Die Teams gingen auf die Suche nach den „Stummen Wächtern“, entdeckten Details am Straßenrand, die leicht zu übersehen waren – und hielten sie fest.
Das Bordbuch, unterstützt von Aufgaben wie dem Notieren der Lotto-Hessen-Stationen, wurde dabei zum ständigen Begleiter. Aufmerksamkeit zählte. Wer nicht hinschaute, verlor.
Auf der Spur der „Stummen Wächter“
Diese unscheinbaren Punkte entlang der Strecke forderten die Teams heraus. Oft entschied ein kurzer Blick, manchmal ein geübtes Auge. Während draußen die Landschaft vorbeizog, arbeiteten Fahrer und Beifahrer Hand auf der Strecke über romantische Straßen, durch Weinberge und Täler Hand in Hand. Kein Postkartenwetter, aber klare Sicht – und genug Ruhe, um sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.
Am Landsitz Kammerburg wurde die Rallye kurz zur Pause gezwungen. Frühstück und später Mittagessen brachten die Teams zusammen. Gespräche entstanden, Kontakte wuchsen, Erfahrungen wurden ausgetauscht. Kleine Mängel schnell beseitigt: Eine Startnummer etwa drohte sich zu verabschieden. Improvisation rettete den Tag: provisorisch befestigt, hielt sie dann bis ins Ziel – irgendwie.
Gleichmäßig durch die Kurven
Später am Pressberg zählte dann nicht mehr das Finden des Weges, sondern das Halten des Rhythmus. Auf dem Programm die Gleichmäßigkeitsprüfung: Sie verlangte von den Fahrern Fingerspitzengefühl. Wer zu schnell war, verlor Punkte. Wer zu langsam fuhr, ebenso.
Danach ging es über Assmannshausen nach Lorch, durch die Rebberge. Eine weitere Durchfahrtkontrolle wartete – unterstützt von der Feuerwehr, die hier nicht nur Sicherheit gab, sondern auf Nachfrage auch Orientierung. Die Strecke folgte dem Rhein, führte durch Kaub, vorbei an malerischen Landschaften. Im Fischbachtal grüßten Kühe am Wegesrand – fast beiläufig, fast idyllisch.

Geschick zählte – nicht nur auf der Straße
Neben den klassischen Etappen sorgten Sonderwertungen für zusätzliche Spannung. So standen bei den „Gymkhana Masters“ unterhaltsame Geschicklichkeitsübungen im Mittelpunkt. Hier wurde gelenkt, rangiert, gebremst – mit Präzision und einem Augenzwinkern. Auch eine Parkuhr wurde zur Wertungsprüfung. Wer die Sollzeit traf, sammelte Punkte. Wer danebenlag, merkte schnell: Sekunden entschieden über Punkte
Von Bad Schwalbach führte die letzte Etappe schließlich zurück nach Wiesbaden. Am Abend versammelten sich alle im Dorint Hotel zur Siegerehrung. Und die brachte eine kleine Überraschung: Am Ende setzten sich in der Gesamtwertunhg Dirk und Tim Potthast mit ihrem Opel Manta A Luxus aus dem Jahr 1917 gegen die Konkurrenz durch. Gegen viele andere Marken, gegen Erwartungen – und für die Präzision.
Eine Rallye, die verband
Vom Start im Kurpark bis zum Zieleinlauf am Kurhaus entfaltete sich ein Tag, der mehr war als ein Wettbewerb. Er brachte Menschen zusammen, schuf Gespräche, verband Gleichgesinnte. Diese Rallye zeigt: Autofahren kann mehr sein als Geschwindigkeit. Es kann Aufmerksamkeit sein. Gefühl. Gemeinschaft.
Oder anders gesagt: Wer hier mitfuhr, gewann – auf die eine oder andere Weise.
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Fotos – HMSC Oldtimer Rallye ©2026 Volker Watschounek / Johannes Lay / Sid
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