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Ein Jahrhundert Leben: Magdalena Linsner feiert 100. Geburtstag

Am 24. Oktober 2023 feierte die rüstige Wiesbadenerin ihren 100. Geburtstag. Dieser besondere Anlass lockte Gäste aus der ganzen Welt an. Trotzdem mussten leider einige Gäste wegen schwerer Krankheiten absagen.

Volker Watschounek 7 Monaten vor 2

Vor genau 100 Jahren, im Jahr 1923, als Deutschland von Krisen geplagt war, der Ruhrkampf wütete, die Hyperinflation das Land erschütterte und der Hitler-Putsch die politische Landschaft veränderte, wurde Magdalena Linsner in Winden, einer Ortsgemeinde im Rhein-Lahn-Kreis, geboren. Heute, ein ganzes Jahrhundert später, lebt sie in Wiesbaden und feierte am 24. Oktober ihren 100. Geburtstag. Erst am Dienstag mit circa 35 Familienmitgliedern und Freunden, und jetzt am Samstag nochmal mit 40 anderen Freunden. Es sei gar nicht so einfach, mit so vielen Leuten in einem ihre Lieblingslokalen unterzukommen, erzählt die 100-Jährige.

Magdalena ist eine bemerkenswerte Persönlichkeit. Sie hat in ihrem langen Leben viele historische Ereignisse und Veränderungen miterlebt. Seit mehr als 60 Jahren wohnt sie im Wiesbadener Stadtteil Nordost, immer an der selben Adresse, immer im selben Haus. Erst mit der Familie in der ersten Etage, jetzt in der zweiten. Vor 22 Jahren war sie in eine kleinere Wohnung gezogen. Dort wird sie von aufmerksamen Nachbarn und einem Pflegedienst täglich versorgt. Auch der Sohn Michael kommt immer wieder vorbei, – und wenn nicht, dann telefonieren sie zumindest (täglich). Langeweile, kann man das nicht nennen, Langeweile kennt Magdalena nicht.

Ihr jungen Leute könnt euch gar nicht vorstellen, wie es damals in Deutschland zuging. Während des Krieges, vor dem Krieg, und nach dem Krieg. Das beste daran war, dass die Diktatur zu Ende war.

Während sie gemütlich in ihrer Ecke auf dem Sofa sitzt,  erzählt sie von ihrem langen Leben, geprägt von Bildung und Neugier: Auch wenn sie nur die Volksschule besuchen konnte. In und nach der Schule hat sie jede frei Minute genutzt, sich mit Liebe und Eifer fortzubilden. Die Bücherregale in der Wohnung sind Zeugnis davon. Die habe sie sicher schon drei oder viermal gelesen. Und Die Bürgschaft von Friedrich Schiller kenne auswendig. Magdalena kennt Gott und die Welt, hat viele Bekannte und steht mitten im Leben. Auch wenn ihre Schulzeit von finanziellen Einschränkungen geprägt war, erinnert sie sich gerne zurück. Der Fries im Klassenzimmer fasziniert sie bis heute. Postkarten-großer Motive. Das fing an mit einem Bild neun n. Chr.: Die Schlacht im Teuteburger Wald.

Nach der Volksschule sprach Magdalene Linsner beim der Arbeitsfront vor. Sie wollte gerne Krankenschwester werden oder aber zur Post. Ihrem Wunsch wurde nicht entsprochen. Die Arbeitsfront vermittelte sie als Haushaltshilfe an eine Arzthaushalt in Bad Ems. Nur kurz war sie dort. Der Krieg war ausgebrochen alle wurden eingezogen. In den Folgejahren wechselte sie immer wieder die Arbeitsstelle, – bis sie in Eltville auf einem Weingut eine Anstellung fand. Auf dem Weingut arbeiteten auch französische Kriegsgefangene. Die Zeit bezeichnet sie heute als eine der besten und schönsten in ihrem Leben. Eine Zeit in der es keine Hungersnot gab und die jungen Menschen aus Frankreich ihre Freunde wurden.

Nach dem Krieg arbeitete sie in Wiesbaden im Möbelhaus Danker, die erste Adresse am Platz. Dort lernt sie ihren Ehemann kennen. Eingefädelt von einer Arbeitskollegin. Ihr Sohn kehrte eben aus der Kriegsgefangenenschaft zurück und suchte Anschluss. Die spätere Schwiegermutter hatte mitbekommen, dass Magdalena sich am Abend mit Freundinnen auf der Kappeskerb treffe. Kurzerhand fragte sie, ob sie den Sohn mitnehmen würden. Klar. Sie tanzten, lachten und hatten eine Menge Spaß. Als sie sich an jenem Abend eine Verschnaufpause gönnte, setzte sich Otto zu ihr. Seit dem verbrachten die beiden ihr ganzes Leben miteinander. Bis vor 21 Jahren. Da ist Otto gestorben.

Dass wir uns so gut verstanden und immer wieder getroffen haben, war der Schwiegermutter gar nicht recht. Nach der Kriegsgefangenschaft wollte sie ihren Son erst einmal für sich haben.

In der Nachkriegszeit fand Ottchen, wie ihn Magdalena liebevoll nennt, eine Anstellung in der Fahrbereitschaft des Hessischen Ministeriums. Nur durch Zufall; Otto Linsners Cousine hatte ihre Finger im Spiel und ihm diese Position verschafft. Seinerzeit wurde Heinrich Tröger erster Finanzminister Hessens. Er kam aus Düsseldorf. Natürlich brauchte er einen zuverlässigen Fahrer. Die Empörung über Otto Linsner war groß – ein Neuling, der sich gleich einen der begehrtesten Posten in der Fahrbereitschaft sicherte. Die Loyalität seiner Vorgesetzten war ihm sicher. Später wechselte er dann in die Steuerbehörde, wo er als Verwaltungsangestellter arbeitete.

Und Magdalena? Ihr Mann war vehement dagegen, dass sie einer eigene Berufstätigkeit nachging. Er hätte niemals zugelassen, dass sie arbeitete, erzählt sie. Ottchen wollte mich für sich ganz allein haben und gemeinsam eine Familie gründen. 1950 gaben sie sich das Jawort, und im darauffolgenden Jahr, 1951, kam ihr erstes Kind zur Welt – eine Tochter, Irene wie sich Ottchen gewünscht hatte. Drei Jahre später, 1954, wurde dann ihr Sohn Michael geboren.

Mit den Jahren änderte sich die Mode. Damen begannen allmählich, Hosen zu tragen. Doch Magdalena blieb dieser Entwicklung standhaft fern. Bis heute hat sie nie eine Hose getragen, und wenn sie das Haus verlässt, gehört ein Hut zu ihrem Outfit dazu. Ich bin noch eine Frau aus dem letzten Jahrhundert, sagt sie stolz und beiläufig, und in der Tat, ihre Zeit sei längst vergangen. Heutzutage regiert die Technik. Sie schreitet immer schneller voran. Magdalena hat sich aber nicht ganz von der Zeit überwältigen lassen. Sie besitzt ein Telefon, Fernsehen und ein Radio, und das reicht ihr völlig aus, um in der modernen Welt zurechtzukommen – um aus ihrer Lieblingsecke mit der Welt Kontakt aufzunehmen.

Langeweile – ich kenne das Wort. Ich kann es schreiben und ich weiß auch, was es bedeutet, aber ich habe in meinem ganzen Leben keine einzige Minute Langeweile gehabt. Selbst heute, wo ich oft alleine bin, habe ich keine Langeweile. Ich habe mein Telefon.

Die besondere Magie von Magdalena in, Freundschaften aus einem kurzen Moment für die Ewigkeit zu schließen: Auch wenn Tausende Kilometern dazwischen liegen und sie keiner anderen Sprache mächtig ist. Sie pflegt Freundschaften, die bis heute Bestand haben. Nord, Süd, West, Ost – In viele Richtungen blüht ein reger Briefwechsel, unterstützt von Übersetzungen. Sie schreibt auf Deutsch, erhält Briefe auf Englisch. Alles weitere machen die Kindern und Enkel. Telefonate funktionieren auf ähnliche Weise. Da sitzt einer nebandran und vermittelt. Magdalena besitzt Netzwerk aus Verbindungen, die im Laufe der Zeit gewachsen sind. Selbst zu den Freunden der Kinder. Immer wieder brachten sie Freunde mit nach Hause, solange bis es schließlich ihre Freunde wurden und nicht mehr nur die von Irene und Michael, wie sie mit einem Augenzwinkern bemerkte.

Foto: Magdalena Linsner winkt mir nach und sagt: Wissen Sie, Handys sind ja eigentlich out. Das weiß nur noch niemand. In zehn Jahren werden sie sich daran erinnern. ©2023 Volker Watschounek

Die rüstige 100-Jährige, erzählt mit bemerkenswerter Gelassenheit über ihr Leben. Die Augen würden ihr inzwischen ja ganz schön zu schaffen machen. Ihr Sohn und ihre Schwiegertochter Tochter erledigen für sie sämtliche schriftlichen Bankangelegenheiten und all die anderen Formalitäten. Das Einkaufen übernimmt meine Urenkelin. Und dann ist da noch Frau Orlando. Sie hat mich quasi adoptiert, als wäre ich ihre Mutter. Zweimal täglich schaut sie bei mir vorbei, bringt Essen mit und schaut, dass keine offenen Flaschen herumstehen. Sie entlastet Michael und seine Frau. Stolz erzählt die Jubilarin, dass die Unterstützung Innerhalb des Hauses funktioniert .

Immer wieder lässt es sich Magdalena nicht nehmen, ihre Dankbarkeit und Zufriedenheit für ihre Familie und Freunde zu betonen. Und trotz der Herausforderungen des Alters fühlt sie sich nie allein und verloren. Damit ist sie ein Beispiel dafür, wie Lebensfreude und Gelassenheit im hohen Alter erhalten bleiben können, wenn man von einer unterstützenden Familie und engen Freunden umgeben ist. Selbst in den ruhigeren Momenten, in denen sie oft alleine ist, kennt sie keine Langeweile, denn ihr Telefon ist stets eine Quelle der Freude und Unterhaltung.

Fotos ©2023 Volker Watschounek

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1923, 100 Jahre ist das her. Was alles so passierte lesen Sie unter auf www.wikipedia.de.

2 Kommentare

2 Kommentare

  1. Michael Linsner sagt:

    Vielen Dank, Herr Watschounek, für Ihren sympathischen Besuch und den Artikel. Kommen Sie die Mutter gerne mal wieder besuchen. Aber bringen Sie Zeit mit… 😉

    1. Hallo Herr Linsner, das werde ich gerne machen … wenn sich bei mir einmal eine Lücke auftut. Gerne bringe ich dann auch das alte Flugbuch meines Vaters mit … vielleicht gibt es ja da ein Match? LG Volker Watschounek

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Geschrieben von

Volker Watschounek lebt und arbeitet als freier Fotograf und Journalist in Wiesbaden. SEO und SEO-gerechtes Schreiben gehören zu seinem Portfolio. Mit Search Engine Marketing kennt er sich aus. Und mit Tinte ist er vertraut, wie mit Bits und Bytes. Als Redakteur und Fotograf bedient er Online-Medien, Zeitungen, Magazine und Fachmagazine. Auch immer mehr Firmen wissen sein Know-how zu schätzen.