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Mutter und Tochter, Maria Appel mit Tochter Ingrid Lemke.

105 Jahre Maria Appel: Ein Leben, das leise stark bleibt

Mit 105 Jahren feiert Maria Appel in Mainz-Kastel ein Leben voller Erfahrungen: Krieg, Wiederaufbau, Familie und Nachbarschaft prägen ihren Weg bis heute. Ihre Geschichte erzählt von Ruhe, Eigenwillen und einer Stärke, die sich nicht aufdrängt, aber bleibt.

Volker Watschounek 2 Stunden vor 0

Lange bevon Theodor Heuss erster Bundespräsident war geboren, gratuliert Bundespräsident Walter Steinmeier Maria Appelt zum 105. Geburtstag.

Maria Appel sitzt in ihrem Rollstuhl am Tisch, die Hände ruhig, der Blick wach. Sie verfolgt das Gespräch, lächelt. Auf dem Tisch stehen Kaffee und Streusselkuchen, es wird eingeschenkt, es wird erzählt. Ein Brief vom Bundespräsidenten liegt bereit, – 105 Jahre – das trägt Gewicht, aber hier wirkt es leicht. Stadträtin Gaby Wolf überbringt die Glückwünsche von Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende und von Hessens Ministerpräsidenten Boris Rhein. Sedef Ötzkan die Glückwünsche vom Ortsbeirat.

Geboren am 17. März 1911 als Maria Kühne, wächst sie in Kostheim auf. Vier Geschwister begleiten ihre Kindheit. Heute lebt nur noch sie. Ein ganzes Jahrhundert liegt hinter ihr – und doch sitzt sie da, hellwach, aufmerksam – sie gehört selbstverständlich dazu.

Sie lebt mit ihrer Tochter und ihrem Schwiegersohn in Mainz-Kastel, in einer Siedlung aus den 1930er Jahren. In den 1960er Jahren zieht sie mit ihrem Mann Karl aus einem anderen Teil von Kostheim dort hin. Die Straße trägt heute einen anderen Namen als früher. Geschichte verschwindet nicht, sie verändert nur ihre Oberfläche.

Sedef Özkan von der Ortsverwaltung sowie Gaby Wolf überbringen Glückwünsche zum 105. Geburtstag – Maria Appel und ihre Tochter Ingrid Lemke nehmen sie im Wohnzimmer entgegen.
Sedef Özkan von der Ortsverwaltung sowie Gaby Wolf überbringen Glückwünsche zum 105. Geburtstag – Maria Appel und ihre Tochter Ingrid Lemke nehmen sie im Wohnzimmer entgegen. ©2026 Volker Watschounek

Ein Leben, das arbeitet statt klagt

Maria arbeitet früh und viel. Sie näht, sie hilft, sie organisiert. Als Schneiderin versorgt sie die Nachbarschaft, fertigt Kleidung, bessert aus, schafft, was gebraucht wird. Eine Ausbildung hat sie nie gemacht. Alles bringt sie sich selber bei.

Ihren Mann Karl lernt sie am Flugplatz in Erbenheim kennen. Er kümmert sich um die Beleuchtung der Startbahn, er ist Elektriker, – und sie arbeitet in der Nähe, – bügelt Hemden, als sie aus der Ferne für ihn zu schwärmen beginnt.1949, heiraten sie. Sie bleiben zusammen, Jahrzehnte lang, bis er 2014 stirbt.

Maria lebt nie im Überfluss. Aber sie lebt zufrieden. „Sie war nie neidisch“, erzählt ihre Tochter Ingrid, die mit am Tisch sitzt. Sie raucht nicht, trinkt kaum Alkohol, bleibt in Bewegung. Bis vor einem Jahr ist sie noch mobil, mit dem Rollator. Heute ist es ihr Schwiegersohn, der sie durch den Alltag schiebt – zu Spaziergängen, zu Veranstaltungen, in die Gemeinde.

Krieg, Mut und ein eigener Blick

Der Krieg hinterlässt auch bei ihr Spuren. Doch sie klagt nicht. Ihre Erinnerungen kommen leise, fast beiläufig – und gerade darin liegt ihre Kraft. Wenn Fliegeralarm ausgelöst wurde, erinnert sich die Tochter, gingen alle in den Keller. Sie suchten Schutz, folgten der Angst. Maria Appel aber bleibt aber zunächst oben, im Freien. Sie zögert, widersetzt sich der sofortigen Flucht. Nicht aus Unvernunft, sondern aus einem eigenen, stillen Entschluss heraus.

Erst wenn sie die Flugzeuge am Himmel sah, wenn das Dröhnen näherkam, wenn sie die Maschinen erkannte, veränderte sich ihr Blick. Sie sah die Piloten. Sie verstand, was geschah. Dann sagte sie zu sich: „Jetzt wird es Zeit.“ Dann geht sie in den Keller.

Diese Haltung begleitet sie durch ihr Leben. Sie reagiert nicht vorschnell. Sie schaut hin, entscheidet selbst. Der Krieg ging vorbei. Sie blieb. Und sie lebt weiter.

Maria Appel hält Blumen in der Hand und schaut nach links oben: Ihr 105ster Geburtstag.
Maria Appel feiert ihren 105. Geburtstag im Kreis ihrer Familie – aufmerksam, ruhig und getragen von gelebter Gemeinschaft. ©2026 Volker Watschounek

Familie, die trägt

Heute lebt die 105-jährige Maria im Kreis ihrer Familie. Zwei Kinder, eine Enkelin, zwei Urenkel gehören dazu. Am Dienstagvormittag ist es ruhig im Haus. Viele arbeiten noch. Gefeiert wird am Abend, im kleinen Kreis.

Zweimal in der Woche kommt ein Therapeut, bewegt Arme und Beine, hält sie in Bewegung. Dazwischen schläft sie viel, geht spazieren, bleibt Teil des Alltags. Die Nachbarschaft hilft, die Familie trägt. „Wir haben hier eine sehr gute Gemeinschaft“, erklärt Ingrid. Es klingt einfach. Und genau darin liegt die Bedeutung.

Ein Leben ohne große Worte

Maria Appel sucht nie das Besondere. Sie lebt, arbeitet, bleibt. Sie tanzte früher mit ihrem Mann, besuchte Veranstaltungen in Kostheim, nahm teil. Sie war und ist stets offen und ruhig. Sie verlangt wenig, gibt viel. Und vielleicht liegt genau darin ihr Geheimnis. Kein strenger Plan, kein großes Ziel. Sondern ein Leben, das Schritt für Schritt geht, ohne sich zu verlieren.

105 Jahre sind kein lautes Ereignis. Sie sind eine Summe aus Tagen, Entscheidungen, Gewohnheiten. Maria Appel zeigt, wie das aussehen kann. Leise. Klar. Und erstaunlich stark.

Foto – Mutter und Tochter, Maria Appel mit Tochter Ingrid Lemke. ©2026 Volker Watschounek

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