Rund 400 Menschen starteten auf dem Kranzplatz in den 1. Mai – mit klaren Botschaften und einem entschlossenen Blick auf soziale Fragen.
Der 1. Mai zeigte sich in Wiesbaden traditionsbewusst – und zugleich erstaunlich gegenwärtig. Rund 400 Menschen versammelten sich auf dem Kranzplatz, suchten Gespräche, hörten zu und setzten Zeichen. Zwischen Sonnenschein, Kaffee und politischen Diskussionen entstand eine Atmosphäre, die mehr war als bloßes Ritual. Es ging um Haltung, um Alltag und um die Frage, wie Arbeit in Zukunft organisiert sein soll.
Politik zum Anfassen
Parteien und Organisationen präsentierten sich dicht an dicht. Die Grünen, SPD, Linke, CDU sowie die Arbeiterwohlfahrt standen nicht nur hinter Tischen, sondern mitten im Austausch. Sie suchten das Gespräch. Politik wirkte hier greifbar, weniger distanziert, unmittelbarer.
Ein Food-Truck parkte etwas abseits und wurde dennoch schnell zum Treffpunkt. Wer sich stärkte, blieb stehen. Man sprach über steigende Preise, über Unsicherheit im Alltag und über die Frage, wie gerecht die Lasten aktuell verteilt sind.

Sascha Schmidt setzt den Ton
Auf der Bühne eröffnete Sascha Schmidt vom Deutschen Gewerkschaftsbund die Kundgebung – und setzte früh eine klare Linie. Er machte deutlich, dass der 1. Mai in diesem Jahr mehr sein sollte als ein symbolischer Termin. Aus Sicht der Gewerkschaften ging es darum, ein Stoppsignal zu senden: gegen Entwicklungen, die wirtschaftliche Krisen und politische Entscheidungen zunehmend auf die Schultern der Beschäftigten verlagerten.
Schmidt stellte die Rolle der Arbeit in den Mittelpunkt. Beschäftigte hielten den Alltag am Laufen – in Betrieben, Verwaltungen, Krankenhäusern und der Logistik. Daraus leitete er den Anspruch ab, politische Entscheidungen stärker an den Interessen der Arbeitnehmenden auszurichten. Besonders kritisch blickte er auf Debatten, die Einschnitte im Sozialstaat oder längere Arbeitszeiten ins Spiel brachten.
Dabei rückte er den Sozialstaat als tragendes Fundament in den Fokus. Er sichere Stabilität, ermögliche Teilhabe und schütze vor den Risiken des Lebens. Gleichzeitig forderte Schmidt eine gerechtere Verteilung von Wohlstand, mehr Tarifbindung und eine stärkere Besteuerung großer Vermögen. Auch die Diskussion um die Aufweichung des Acht-Stunden-Tages wies er zurück und warnte vor steigender Belastung und wachsender Erschöpfung.
Seine Botschaft blieb deutlich: Die Gewerkschaften wollten Einschnitte nicht hinnehmen und kündigten an, sich auch in den kommenden Monaten öffentlich einzubringen.
Marion Hackenthal rückt Solidarität ins Zentrum
Mit Marion Hackenthal, Bezirksleiterin der IG BCE, folgte die Hauptrednerin. Seit rund einem Jahr im Amt, sprach sie erstmals auf der Wiesbadener Maikundgebung – und knüpfte inhaltlich an dem Beitrag von Sascha Schmidt an, setzte aber eigene Akzente.
Hackenthal stellte das Prinzip der Solidarität in den Mittelpunkt ihrer Rede. Sie griff das Bild der Bergleute auf – gemeinsam, verlässlich, füreinander einstehend – und übertrug es auf die heutige Arbeitswelt. Arbeit sei mehr als Einkommen, sie schaffe Verantwortung, Identität und gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Zugleich beschrieb sie eine wachsende Verunsicherung in vielen Bereichen: steigender Druck in den Betrieben, politische Entscheidungen ohne ausreichende Beteiligung von Gewerkschaften und eine zunehmende Verschiebung von Lasten auf die arbeitende Mitte. Besonders kritisch sah sie Reformprozesse im Sozialstaat, etwa in der Renten- oder Gesundheitspolitik, die aus ihrer Sicht häufig ohne ausreichende Einbindung der Sozialpartner stattfänden.
Auch Hackenthal griff die Debatte um Arbeitszeiten auf und stellte klar, dass zentrale Errungenschaften wie der Acht-Stunden-Tag nicht zur Disposition stehen dürften. Sie warnte davor, dass längere Arbeitszeiten und geringerer Arbeitsschutz zu mehr Belastung und weniger Lebensqualität führen würden.
Darüber hinaus nahm sie gesellschaftliche Entwicklungen in den Blick. Sie sprach sich gegen rechtsextreme Tendenzen aus und betonte die Verantwortung aller demokratischen Kräfte, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken. Arbeit, so ihre zentrale Botschaft, bilde die Grundlage für Wohlstand – und müsse entsprechend geschützt und gewürdigt werden.

Zwischen Alltag und Engagement
Trotz der politischen Schärfe blieb die Atmosphäre offen. Kinder liefen über den Platz, ließen sich schminken oder suchten kurz ihre Eltern, bevor sie wieder auftauchten. Applaus brandete auf, als ein vermisstes Kind wiedergefunden wurde. Solche Momente lockerten die Stimmung und machten deutlich, dass der 1. Mai auch ein Ort der Begegnung war.
Die Transparente ergänzten das Bild. Sie formulierten Kritik, forderten Veränderungen oder griffen aktuelle Debatten auf. Zusammen spiegelten sie die Vielfalt der Themen wider, die die Menschen bewegten.
Ein Tag in Bewegung
Am frühen Nachmittag begann sich der Kranzplatz langsam zu leeren. Viele Teilnehmer zogen weiter – nach Breckenheim, Auringen oder Erbenheim. Dort setzte sich fort, was in der Innenstadt begonnen hatte: Gespräche, Austausch und Engagement.
Der 1. Mai verteilte sich über die Stadt und blieb in Bewegung. Er zeigte sich als Tag, der nicht nur erinnerte, sondern auch Forderungen formulierte – und damit weit über den Kranzplatz hinauswirkte.
Foto oben ©2021 Volker Watschounek
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