Wiesbaden ehrt Jay M. Bernstein mit dem Helmuth-Plessner-Preis 2026 und würdigt seinen Beitrag zur Philosophischen Anthropologie.
Wiesbaden schlägt eine Brücke über den Atlantik – und zugleich durch die Zeit. Der Helmuth-Plessner-Preis 2026 geht an den amerikanischen Philosophen Jay M. Bernstein. Die Landeshauptstadt verleiht die mit 20.000 Euro dotierte Auszeichnung gemeinsam mit der Helmuth-Plessner-Gesellschaft und würdigt damit einen Denker, der das Werk Helmuth Plessners mit analytischer Schärfe liest – und zugleich in die Gegenwart zieht.
Helmuth-Plessner-Preis
Der Helmuth-Plessner-Preis hat sich als bedeutende Ehrung etabliert und zeichnet jährlich herausragende Persönlichkeiten aus der Welt der Philosophie und Geisteswissenschaften aus. In der Vergangenheit wurden bereits prominente Forscher wie Michael Tomasello (2014), Peter Sloterdijk (2017), Prof. Dr. Onora O’Neil (2020) und Prof. Dr. Gérard Raulet (2023) mit dieser renommierten Auszeichnung geehrt.
Denken zwischen den Welten
Plessner, 1892 in Wiesbaden geboren, prägte mit seiner Philosophischen Anthropologie das Verständnis vom Menschen als einem Wesen, das zugleich Leib ist und einen Körper hat, das in Beziehungen lebt und seine Grenzen erfährt. Dieses Denken blieb nie bloß akademisch. Es griff in politische, soziale und kulturelle Debatten ein.
Jay M. Bernstein führt diesen Impuls weiter. Seit Jahrzehnten gilt er in den USA als einer der profiliertesten Kenner deutschsprachiger Philosophie. An der The New School for Social Research in New York lehrt er dort, wo einst Emigrantinnen und Emigranten aus Europa Zuflucht fanden – unter ihnen auch Plessner selbst. Bernstein verkörpert damit jene transatlantische Ideengeschichte, die von der Aufklärung über die Kritische Theorie bis in die Gegenwart reicht.
Ein transatlantischer Dialog
Kulturdezernent Hendrik Schmehl beschreibt die Entscheidung als klar und überzeugend. Bernstein stärke den transatlantischen Dialog und öffne Plessners Denken für aktuelle Debatten in Philosophie und Soziologie. Gerade jetzt, da politische Gewissheiten bröckeln und Demokratien unter Druck geraten, wirke dieser Austausch dringlicher denn je.
Bernstein gilt in den USA seit Jahrzehnten als einer der profiliertesten Kenner deutschsprachiger Philosophie. Seine Vorlesungen zu Kant und Hegel genießen Kultstatus. Er schreibt über Ästhetik, Literatur und Kritische Theorie, über Adorno, Lukács und Derrida – und fragt stets, wie Denken und Leben zusammenfinden.
Würde, Leib und Körper
In seinem Buch Torture and Dignity greift Bernstein Plessners Unterscheidung zwischen Leib-Sein und Körper-Haben auf. Er zeigt, wie sich Würde verletzt, wenn Gewalt Menschen nicht nur physisch trifft, sondern ihre Stellung in der Mitwelt zerstört. Diese Perspektive schärft den Blick auf Folter, Demütigung und politische Gewalt.
Bernstein liest Plessner nicht historisch, sondern gegenwärtig. Er überträgt die philosophische Anthropologie in Debatten über Bioethik, Lebenswissenschaften und gesellschaftliche Grenzen. 2019 erschien die englische Übersetzung von „Die Stufen des Organischen und der Mensch“ mit einer ausführlichen Einleitung Bernsteins. Ein Jahr später folgte „Lachen und Weinen“ in neuer Auflage – ebenfalls mit seinem Vorwort. So trug er entscheidend dazu bei, Plessners Werk in der angelsächsischen Welt neu zu verankern.
Earth Justice: Ethik im Anthropozän
Der Preisträger arbeitet derzeit an „Earth Justice“. Darin fordert er, das Anthropozän als ethisches Ereignis zu begreifen. Der Klimawandel zwinge die Menschheit, Verantwortung für die ökologische Gemeinschaft zu übernehmen. Bernstein denkt Plessners Anthropologie weiter und verknüpft sie mit globaler Gerechtigkeit.
Er plädiert für eine internationale Ökozid-Konvention und verleiht der Idee von „Erdgerechtigkeit“ philosophische Schärfe. Damit greift er eine Frage auf, die weit über akademische Zirkel hinausreicht.
Foto oben ©2026 Helmut Plessner/ Jay M. Bernstein. ©2026 gemeinfrei/unbekannt / LH Wiesbaden
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Mehr Informationen zum Helmuth Plessner Preis finden Sie unter www.wiesbaden.de.
Die Internetseite der Helmuth Plessner Gesellschaft finden Sie unter helmuth-plessner.de.




