Großes Interesse in Wiesbaden: Ein Vortrag über Georg-August Zinn zog zahlreiche Besucher an – und machte sein politisches Erbe überraschend aktuell.
Schon vor Beginn hatte sich abgezeichnet, dass dieser Abend mehr sein würde als eine klassische Ausstellungseröffnung. Raum 022 im Wiesbadener Rathaus war bis auf den letzten Platz gefüllt, Besucher saßen dicht an dicht. Die Friedrich-Ebert-Stiftung hatte zu einem Vortrag über Georg-August Zinn (SPD) eingeladen – und traf damit offensichtlich einen Nerv.
Neues Rathaus, kurz gefasst
Ausstellung – Georg-August Zinn – Für ein modernes und weltoffenes Hessen
Eintritt: Frei
Wann: Montag, 8. Juni bis
Wo: Neues Rathaus, Raum 022, Schloßplatz 6, 65183 Wiesbaden
Im Mittelpunkt stand jener Ministerpräsident, der Hessen über fast zwei Jahrzehnte geprägt hatte. Die Wanderausstellung zu seinem 50. Todestag bildete den Anlass des Abends. Noch bevor sie sich dem Publikum öffnete, bot der Vortrag die Gelegenheit, tiefer in Leben und Wirken Zinns einzutauchen. Frankfurt, Fulda, – Wiesbaden ist die dritte Station der Wanderausstellung.
Einstieg mit politischem Gespür
Den Auftakt hatte Sarah Steck übernommen. In ihrem Grußwort spannte sie den Bogen von der historischen Figur in die Gegenwart und betonte die Bedeutung politischer Bildung. Die Ausstellung sei eine Einladung, nicht nur auf die Vergangenheit zu blicken, sondern auch aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen zu reflektieren.
Im Anschluss sprach Wiesbadens Oberbürgermeister. Gert-Uwe Mende wählte einen persönlichen Zugang und erinnerte an seine Studienzeit in Göttingen sowie an seine eigene Magisterarbeit. Diese habe sich zwar ebenfalls mit politischen Themen beschäftigt, sei jedoch „bei weitem nicht so beachtet worden wie die Arbeiten über Zinn“, sagte Mende mit einem Schmunzeln.
Dann wurde der Ton ernster. Mende griff zentrale Gedanken aus Zinns politischem Selbstverständnis auf und übertrug sie in die Gegenwart. Besonders hob er den Satz hervor, der an diesem Abend mehrfach fiel: „Hesse ist, wer Hesse sein will.“ Dieser stehe für Offenheit – und für eine Gesellschaft, die Zugehörigkeit nicht über Herkunft definiere
Brückenbauer zwischen Vergangenheit und Gegenwart
Mende machte deutlich, dass sich aus Zinns Politik bis heute Lehren ziehen ließen. Die Integration der Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg sei eine der größten Herausforderungen der jungen Bundesrepublik gewesen – und zugleich eine ihrer größten Leistungen. Zinn habe dabei nicht auf Abgrenzung gesetzt, sondern auf Teilhabe.
Als zentrales Instrument nannte Mende den Hessenplan. Mit ihm habe die Landespolitik gezielt darauf hingearbeitet, die Lebensverhältnisse zwischen Stadt und Land anzugleichen. Wohnraum, Arbeitsplätze und Infrastruktur seien nicht nur ausgebaut, sondern bewusst verteilt worden, um gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken.
Zinn habe Verantwortung nicht delegiert, sondern übernommen – „immer wieder und auf allen Ebenen“, sagte Mende. Gerade darin liege seine Aktualität. In einer Zeit wachsender Spannungen brauche es mehr als Verwaltung. Politik müsse gestalten, Haltung zeigen und Orientierung geben. Zinn habe vorgemacht, dass politisches Handeln immer auch Initiative bedeute.
Der Vortrag: Zahlen, die Geschichte erzählen
Den fachlichen Schwerpunkt des Abends setzte schließlich Professor Dr. Walter Mühlhausen. Der Historiker zeichnete ein präzises und zugleich anschauliches Bild von Zinns politischem Wirken. Dabei konzentrierte er sich weniger auf abstrakte Leitbilder als auf deren konkrete Auswirkungen.
Besonders eindrücklich waren die Zahlen, die Mühlhausen nannte. Unter Zinns Regierung seien bis 1970 rund 470.000 neue Wohnungen entstanden. „Jeder zweite Hesse lebte damals in einer neuen Wohnung“, erklärte er. Diese Zahl stand für weit mehr als ein baupolitisches Programm. Sie markierte einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel. Wohnraum bedeutete Sicherheit, Teilhabe und soziale Stabilität. Gleichzeitig wurde Infrastruktur gezielt ausgebaut und verband Stadt und Land enger miteinander.
Mühlhausen zeigte, wie sich aus einzelnen Maßnahmen ein politisches Gesamtbild entwickelte. Hessen wurde in dieser Zeit zu einem Modell sozialdemokratischer Reformpolitik – getragen nicht von großen Visionen allein, sondern von konsequenter Umsetzung. Und Zinn habe sich dabei bewusst von ideologischen Grabenkämpfen ferngehalten. Stattdessen habe er auf pragmatische Lösungen gesetzt. „Wir sind weder Dogmatiker noch Utopisten“, zitierte Mühlhausen – ein Satz, der den politischen Stil Zinns treffend zusammenfasste.

Politik als konkrete Praxis
Im weiteren Verlauf machte Mühlhausen deutlich, wie breit das Spektrum von Zinns Reformpolitik gewesen war. Die Förderung des ländlichen Raums, der Ausbau des Bildungswesens, die Integration von Vertriebenen – all dies wurde anhand konkreter Maßnahmen nachvollziehbar.
So entstand das Bild eines Politikers, der nicht nur plante, sondern handelte. Zinn habe Programme entwickelt, Investitionen gesteuert und Strukturen geschaffen, die langfristig wirkten. Gleichzeitig habe er den Kontakt zur Bevölkerung gesucht, sei durchs Land gereist und habe das Gespräch mit den Menschen gesucht.
Auch Konflikte blendete der Historiker nicht aus. Zinns Entscheidungen seien innerhalb der eigenen Partei ebenso umstritten gewesen wie darüber hinaus. Doch gerade darin habe sich sein Stil gezeigt. Er habe abgewogen, entschieden und Verantwortung übernommen – auch gegen Widerstände.
Persönliche Einblicke zum Abschluss
Zum Ende des Abends öffnete sich die Perspektive noch einmal. In einer Gesprächsrunde kamen Angehörige und Zeitzeugen zu Wort. Sie berichteten von persönlichen Erinnerungen und zeichneten ein Bild jenseits der politischen Bühne.
Dabei wurde Zinn auch als Mensch greifbar – als Vater, der lange Zeit stark eingebunden war und später umso präsenter wurde. Die Beiträge machten deutlich, wie eng politische Verantwortung und persönliches Leben miteinander verwoben waren.
Ausstellung als Ausgangspunkt
Am Ende bliebt der Eindruck eines dichten, vielschichtigen Abends. Die Ausstellung setzte den Rahmen, doch der Vortrag verlieh ihr Tiefe. Wer dabei war, nahm mehr mit als historische Fakten. Es blieben Fragen – nach Verantwortung, nach politischer Haltung und nach der Rolle von Politik in der Gegenwart. Und es gab Antworten, die sich nicht aufdrängten, sondern sich im Verlauf des Abends entwickelten.
Denn die zentrale Erkenntnis war ebenso einfach wie anspruchsvoll: Geschichte wirkt fort. Sie fordert dazu heraus, Gegenwart zu gestalten – mit Mut, Maß und Verantwortung. Genau so, wie es Georg-August Zinn einst getan hatte.
Foto aus dem Vortrag ©2026 Wiesbaden lebt!
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Mehr Information en zu Georg-August Zinn auf Wikipedia.




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